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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 197 (sequence 7)
Language
German
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197 um Schächtungs-, Friedhof- und Bordeterfragen handeln. Das Wichtigste ist und bleibt vor allem der Unterricht. Bei der Jugend muß angefangen werden. Sie ist unsere Zukunft, sie uns zu erhalten unsere erste und wichtigste Pflicht. Daß der Gottesdienst, wie er noch immer in vielen unserer Gemeinden testeht, nach Neugestaltung (ich sage nicht Reform) schreit, wer kann sich dem Gedanken verschließen? Aber wir wollen nicht daran vergessen, daß es auch heilige Pflicht der Gemeinden ist. heute dafür zu sorgen, dem Arbeitswilligen zur Arbeit zu verhelfen. Die alte Art der Wohltätigkeit, die nicht selten den Bettel großzog, sie muß einem vernünftigen Unterftüstungssyste m weichen, und unsere großen Gemeinden mögen in dieser Richtung den kleineren mit gutem Beispiel vvrangehen. Der Karren des Judentums ist, wer täuscht sich darüber, arg verfahren. Starke Hände sind notwendig, ihn wieder ins richtige Geleise zu bringen. Die richtigen Atänner, auf den ihnen gebührenden Platz gestellt, werden wohl diese Aufgabe lösen. Nur nicht verzagen, nur nicht sich > »schüchtern lassen. Wir haben heute eine schwere Krise zu t berstehen. Aber trösten wir uns! Die vitale Kraft des Judentums hat dieses schon über manchen kritischen Punkt l nweggeholfen. Darum laßt uns jede neue Einrichtung, die; un Wohle des Judentums getroffen wurde, freudig begrüßen, wie Vergangenheit ist uns heilig, aber ein Volk gehört der Gegenwart an, und darf sich nicht verschließen den großen Aufgaben der Zukunft. Ivvri. Prof. Delitzsch' zweiter Vortrag über „Babel und Bibel' . Besprochen von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttin gen. ^gMenau nach Jahresfrist hat Prof. Delitzsch seinem Vortrag über „Babel und Bibel" einen zweiten folgen lassen, der, vor demselben erlauchten Auditorium gehalten und soeben im Druck erschienen, noch größeres Aussehen erregt l at. Sogar der Kaiser hat schließlich in die Diskussion einl griffen und in einem zur Veröffentlichung bestimmten Brief > i den Admiral v. Hollmann seinen eigenen Standpunkt aus-! hrlich dargelegt. Aber niemand hat auch jetzt wieder ein l sseres Recht und die dringendere Pflicht, die Stimme zu c heben, als das Judentum. Unser Recht versteht sich von selbst, da die Sache uns zu allermeist angeht, die Pflicht aber haben wir nicht nur, weil uns unser Bestes streitig gemacht wird, i ndern auch weil niemand sonst unsere Sache so führen wird, wie es uns erwünscht sein muß und not tut. Denn wir dürfen uns nicht darüber täuschen. Alle die Zurückweisungen > ad Widerlegungen, die Delitzsch' Angriffe auf das Alte westament von der extremsten Orthodoxie bis zur radikalsten wcitik, von Theologen und Orientalisten erfahren hat, sind acht von der Liebe zu Mordechai, sondern von der Abnagung gegen Haman" eingegeben. Der Schaden, den das Judentum dabei nehmen könnte, läßt sie samt und sonders kalt. Wenn dadurch vieles von dem Nimbus des .auserwählten Aolkes' verloren geht, so schadet das nichts." Ja, manche Gegner Delitzsch', gezwungen, das Alte Testament als Objekt ivrer Wissenschaft und Grundlage des eigenen Glaubens zu verteidigen, zeigen dabei ein kläglich ängstliches Bestreben, sich von dem Verdachte zu reinigen, als wenn sie damit zu Gunsten des Judentums redeten. In diesem Sinne hat sich z. B. Prof. Gunkel, der neueste Prophet der Kritik, ausgesprochen. Uns kann das nicht Wunder nehmen. Ein Christ und sei er noch so bemüht, unbefangen zn-urteilen, kann und darf das Alte Testament nicht nach seinem absoluten Werte würdigen, und für Juden und Judentum einzutreten, dazu gehört ein in unserer tiefgesunkenen Zeit selten gefundener Mut. So müssen wir uns selbst verteidigen. Der zweite Vortrag wiederholt nicht nur die Uebertreibungen des ersten, sondern er richtet noch heftigere Angriffe gegen fundamentale Anschauungen und Lehren des Alten Testamentes und somit des Judentums. Der Verfasser zeigt sich darin noch verrannter in seine nichtigen Hypothesen, den Blick noch mehr durch seine babylonischen Scheuklappen eingeengt und schließlich hat er der zweiten Auflage, die alsbald nachfolgte, ein Vorwort angefügt, in dem man eine erschreckende Aehnlichkeit mit der aufreizenden Methode des Antisemitismus konstatieren muß, so sehr ich überzeugt bleiben möchte, daß der Sohn von Franz Delitzsch die Gemeinschaft mit den Antisemiten von sich weisen wird und meiner Ansicht nach nur beschränkter Fanatismus an seinem Freimut Anstoß nehmen und seine tiefe Religiosität verkennen kann. Indem wir sämtliche Aufstellungen, sowohl die prinzipiellen Thesen als die Einzelheiten prüfen, wird sich, wie ich zuversichtlich hoffe, für jeden Unbefangenen ergeben, daß der Vortrag ein Gewebe unhaltbarer Einseitigkeiten und Uebertreibungen, sowie sehr erheblicher Mißverständnisse ist. I. Bei den Laien hat wohl nichts so großes Aufsehen gemacht, wie der angebliche Nachweis, daß wichtige, anscheinend von der Bibel zum erstenmale der Welt verkündete Lehren schon lange vorher den alten Babyloniern bekannt gewesen seien. Nicht nur gewisse Erzählungen, wie die Schöpfungs¬ und die Sündflntgeschichte, sondern auch der Sabbat und andere mosaische Gesetze, ja sogar der Monotheismus, der Glaube an einen Gott, sollen aus Babel, nicht aus der Bibel stammen. Selbst wenn dies alles zuzugeben wäre, obgleich wir es nicht zugeben, so ist das große Geschrei, das darüber erhoben worden ist, schwer verständlich und lediglich ein Zeugnis des unglaublichen Mangels an historischem Sinne und an Verständnis für das Wesentliche. Schon in meiner ersten Erwiderung habe ich geltend gemacht, daß der Wert einer geistigen Schöpfung keineswegs in der Neuheit des Stoffes, sondern in dem neuen Geist, der ihn durchdringt, zu suchen ist und daß der Geist, der die Erzählungen, Gesetze und Lehren der Bibel durchdringt, in der Tat ein neuer und von Babel himmelweit verschiedener ist. Ich habe dabei an Werke wie Shakespeares „Hamlet", Lessings „Nathan", Goethes „Faust" erinnert. Heute will ich dafür ein Beispiel wählen, welches den lauten Triumph über die neue endlich aufgedeckte Nichtoriginalität des Alten Testamentes ein für allemal zum Schweigen bringen sollte. Es ist die anscheinend allseitig vergessene oder verschwiegene Tatsache, daß sich dieser Nachweis nicht etwa mit vereinzelten und strittigen Anklängen, sondern auf das umfassendste und absolut sicher für das Neue Testament und das Christentum führen läßt und längst geführt ist. Die religionsgeschichtliche Forschung insbesondere der letzten Jahrzehnte hat den unumstößlichen, durch eine wahrhaft erdrückende Fülle von Belegen erhärteten Beweis geliefert, daß das Neue Testament keine einzige, aber

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