Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
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195 Die Wahlbewegung treibt seltsame Blüten. In einem Wahlkreise unterstützen die Konservativen die Antisemiten, im andern bekämpfen sie sie und umgekehrt sehen wir dasselbe Spiel. In Hersfeld-Hünefeld-Rotenburg haben sie gegen den bisherigen antisemitischen Abgeordneten Werner einen eigenen Kandidaten in der Person des Gutsbesitzers von Stockhausen aufgestellt, in Arnswalde-Friedeberg dagegen unterstützen sie die Kandidatur des Verlegers Wilhelm Bruhn. Außerdem haben die Antisemiten in Schaumburg-Lippe einen andern Kandidaten aufgestellt, weil der konservative Landgerichts- Präsident Deppe gegen ihr Programm Bedenken hegte. Ebenso geht eS in anderen Wahlkreisen zu. Man darf sich indes darüber nicht täuschen. Kurz vor der Wahl wird eitel Freude und Friede in allen drei Lagern herrschen. * Der rumänische Minister des Inneren Basil Lascar hat aor seiner Abreise nach Berlin durch eine ihm nahestehende Persönlichkeit die Nachricht lanciert, daß ihm eine wichtige Mission in Berlin übertragen worden sei. die „darin besteht, i'em Grafen Bülow die Lage der Juden in Rumänien nach den letzten offiziellen Daten auseinanderzusetzen und dem deutschen Kanzler für die reservierte Haltung zu danken, welche >r anläßlich der im deutschen Reichstag vom sozialistischen Abgeordneten Bernstein entwickelten Interpellation bewahrt hat." Diese Nachricht ist nichts als ein geschickter Schachzug, mit welchem die am Ruder befindlichen Nationalliberalen ihren Uebertritt in die Opposition vorzubereiten suchen. Die sensationellen Enthüllungen über die Einmengung liberaler Minister in die Affäre der falschen Amortisierung rumänischer RententitreS haben nämlich die Stellung der Regierung von «irund aus erschüttert urd die Eventualität eines Regierungswechsels in nächste Nähe gerückt. Die konservativen Nachfolger er heutigen Regierung werden aber unter dem zwingenden Drucke der Staatsraison und der öffentlichen Meinung in Europa i > der unhaltbar gewordenen Lage der Juden in Rumänien gewisse Verbesserungen einführen müssen, welche sich aus den Besuch t er öffentlichen Schulen, die Organisation der jüdischen Gemeinden c. beziehen werden. Diese Reformen, so wenig bedeutend und einschneidend sie auch sein mögen, sind aber keineswegs populär, i nd es liegt unseren Liberalen daran, heute schon die öffentliche Meinung des Landes mit dem Gedanken vertraut zu machen, > aß ihre Politik vollständiger Abstinenz in der Judenfrage l icht bloß wahrhaft national und den Interessen des Landes »ntsprechend sei, sondern auch die volle Zustimmung der maßgebenden Faktoren des Auslandes finde. Die Anrufung der ontisemitischen Instinkte der Pöbelmassen im Namen angeblicher nationaler und patriotischer Interessen hat sich aber in -> uinänien stets als ein wirksames parteipolitisches Kampfmittel erwiesen, und unsere sogenannten Liberalen haben dieses Mittel immer mit großer Meisterschaft zu handhaben gewußt. Der Korrespondent des „Berl. Tgbl." hat es ans ganz sicherer Quelle, daß Lascar die eingangs erwähnte und im Adverul" veröffentlichte Nachricht persönlich inspiriert hat, um der liberalen Partei in der Frage des Antisemitismus nne wirksame Plattform für ihre künftige oppositionelle Kampagne vorzubereiten. Aus den bisherigen Enthüllungen in der Finanzaffäre und insbesondere aus dem Verlaufe des Prozesses Protopopesch - Evenimentul, ist bis zur basoluten Evidenz ersichtlich, daß im Jahre 1887 der zeitige Ministerpräsident Sturdza und im Jahre 1901 der damalige Finanzminister Pallade die falsche Amortisierung von rumänischen Rententitres im Interesse des Staates anbefohlen haben. Die gou vernementalen Blätter gestehen diese Fälschungen nahezu unumwunden ein und wissen zur Verteidigung nichts Besseres vorzubringen, als daß Sturdza nichts zu persönlichem Vorteile, sondern alles im Interesse des Staates getan habe. 4> Für die Uebersiedelung der Juden in die innerrussischen Gouvernements wird jetzt in Westrußland lebhaft Propaganda gemacht. Die jüdische Presse erinnert — so schreibt der „Warschawsk. Dnewn." — an ein in Petersburg bestehendes Kom itee, das über ein Kapital von etwa einer halben Million Rubel verfügt und den in das innere Rußlands übersiedelnden Juden die Mittel zu dieser Reise und für die erste Einrichtung gewährt. Da die Regierung in letzter Zeit vornehmlich wegen der geplanteil Verbesserung der traurigen Lage der Bauern die für die Inden geltenden Aufenthaltsbeschränkungen rücksichtslos zur Geltung bringt, so dürfte das erwähnte Komitee demnächst viel in Anspruch genoinmen werden. — DerZusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren ist zwar nicht zu verstehen, dafür ist aber auch der Tenor der ganzen Mitteilung so unklar wie möglich, da doch die innerrussischen Gouvernements den Juden so gut wie verschlossen sind. Oder sollte diese Mitteilung am Ende gar darauf Hinzielen, die Regierung davor zu warnen, daß sie jene Gegenden den Inden ja nicht offne, da es jüngst verlautete, daß man in Petersburg dergleichen Absichten hege? In Algier ist wieder einmal der Gouverneurposten frei. Auch der letzte Inhaber dieses vielbegehrten Postens, Herr Revoil, erweist sich jetzt mehr und mehr als ein stiller Bundesgenosse der Antisemiten. Dafür aber hat der Präsident der französischen Republik auf die Ansprache des Großrabbiners von Algier beim Festmahle, in der er den Präsidenten der Treue der algerischen Israeliten für die Republik, welche ihre Emanzipation der Republik verdankten, versicherte, die folgende von den Telegraphenbureaus merkwürdigerweise nicht mitgeteilte Antwort gegeben: „Die jüdische Gemeinde in Algier verdient mehr als irgend eine andere meine Sympathie und mehr als irgend eine andere hat sie auch Ursache, der Republik ergeben zu sein, die sie befreit und beschirmt hat." Auch die Rede, die Loubet beim Bankett gehalten, war ein warmer Appell für Freiheit, Gerechtigkeit und Eintracht unter den Bewohnern des Landes und den Bekennen: der Religionen. Hoffentlich wird man jetzt nach Algier einen zuverlässigeren Vertreter dieser Anschauungen der Regierung senden, als die bisherigen Gouverneure waren. * In Kapland wird gegen Lord Milner, weil er der Einwanderung der Juden günstig gestimmt ist, von verschiedenen Seiten gehetzt. Das demokratische Wochenblatt Nervspapar" schreibt: „Der deutsche Jude und Gouverneur vom Kaplande, Lord Milner. warnt im Interesse seiner Landsleute die englischen Arbeiter vor der Auswanderung nach dem Transvaal, weil die englisch-deutschen Juden, seine Stammesgenossen. die Sklavenarbeit der Farbigen, der Kulis und der Chinesen, für sich, mit Ausschluß aller freien Arbeiter monopolisieren wollen. Dieser Lord Milner, als Agent der Kapitalisten.