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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-17 · Heft 16 (17.4.1903) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
Seite 191 (sequence 13)
Language
German
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191 Schöpfer des Himmels, wie kann ich da helfen?! O, steh mir bei und lehre mich den rechten Weg wandeln!!" Eine Weile verharrte er schweigend mit geschlossenen 'lugen und gefalteteil Händen; sein Atem flog, seine Brust leuchte schwer, lind die wechselnde Blässe und Röte in seinem Gesichte ließen seinen Herzenskampf, seine Unruhe und Aufegung deutlich erkennen. Doch schnell richtete er sich wieder auf und seine Hand nit dem Erkennungszeichen emporhaltend, sprach er zu allen oreien gewendet: „Sehet her, ich bin Naftali, den Gott auf wunderbare Weise hierher geführt! Ihr seid meine Eltern, Du bist mein Bruder! Wollt Ihr mich als Kind und Bruder wieder auflehmen? Mich, den Abtrünnigen, den Getauften, der bisher n der Mitte Eurer Peiniger gelebt, den sie gelehrt Euch zu mssen mit ihrem Hasse? Soll ich wieder zu Euch gehören? 0, Vater, o, meine Mutter! Wollt Ihr mich wieder lehren, oas ich einst gekannt, aber inzwischen wieder vergessen? Soll ch wieder mit Euch teilen Gutes und Böses, oder — soll ch ein Ausgestoßener bleiben für alle Zeiten?" Keiner antwortete; eine unheimliche Stille herrschte in dem leinen Stübchen, nur durch Hagars leises Schluchzen unterrochen, und durch schwere Seufzer, die Nechemja hin und oieder ausstiesz. Armer Nechemja! Als es ihm klar geworden war, das; Awromele sein Kind ist, da war ihm das Herz schier wr Freude stehen geblieben, und er glaubte jetzt schon im Paradiese zu wandeln; — doch, dieser Rückschlag! Sein zweiter Sohn! Es gab für ihn keinen größerer: Gegensatz im Leben — dieser ein Gelehrter, ein Frommer, bei dessen Anblick das Vater- )erz vor Freude aufjauchzen wollte! Und hier ein Christ, ein ^eind seines Volkes, dessen Erscheinen ihm und jedem Inden Furcht und Entsetzen einflößte!! — Aber wiederum, seine etzige Rene, seine Buße, sein Klagen und Jammern! Es war in schwerer Kampf, der: die Seele des alten Mannes zu kämpfen latte. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Er tand hastig auf und seinem zweiten Sohne in die tieftraurigen -lugen blickend, sprach er herzlich: „Mein Sohn warst Du früher, bist Du jetzt, und wirst Dn auch später bleiben, ob auch alle Sünden Satans Dir anzaften; denn der Mensch kann nicht mit eigenen Händen ein Stück von seinem Herzen losreißen! — doch, mit uns gehen dei uns bleiben?? — Und das schmerzliche Zusammenzucken Nastalis bemerkend, fuhr er weiter fort: „Ueberlege Dir wohl, was Du willst, und — was Du kannst! Ileberlege wohl, was Du für Deine Brüder tun könntest, wenn Du in Deine jetzige Stellung verbleibst! Wäre es nicht ein , großes Verdienst, wenn Du ihnen Schutz und Schirm sein könntest, um das Traurige von ihnen abzuwenden?" Naftali schüttelte traurig sein Haupt. „Nein, Vater," sprach er, „wie könnte wohl ein Einzelner! den: Meere des Hasses gebieten? des Hasses, der schon im! Kinderherzen ausgesäet, in der Jugend gepflegt wird, bis er chließlich im Manne zu einer unausrottbaren Giftpflanze! herangewachsen ist! Sieh, mein Vater, war es der Instinkt, war es das jüdische Blut, das in meinen Adern rollt? mein Inneres hat sich stets gegen die Grausamkeiten empört und 'ch versuchte immer sie zu lindern und zu mildern; doch mit welchem Erfolg, das habt Ihr ja heute abend au Euch selbst erfahren, — die Leidenschaften sind stärker als meine Befehle! Gern würde ich mich opfern, um meinen Brüdern zu helfen, . doch mein bisheriges l whlwollendes Verfahren hat schon das Mißtrauen gegen mich wachgernfen; und wenn dann die volle Wahrheit entdeckt wird, werden nicht meine Brüder dafür doppelt büßen müssen? Würde nicht mein Verderben Hunderte und Tausende mit in den Abgrund reißen? Nein, nein! Nimmer könnte ich jetzt ruhig leben, nachdem ich weiß, was und wer ich bin! Nimmer könnte ich das Elend mitansehen; jeder Schlag, der mein Volk träfe, würde mich zehnfach verwunden! Ohne Nutzen würde ich mich elend verbluten! O, Vater, Mutter rettet mich vor diesem Gedanken! O, rettet mich vor mir selber! " Nechemja saß in Gedanken versunken und murmelte leise: „Mit uns ziehen?-Du?? Achtundzwanzig Jahre!! Und jetzt Jude! — — Kann denn ein einziger Funke unter einem Berge von Asche und Schlacken noch einmal zu einer Flamme angefacht werden? — Achtundzwanzig lange, lange Jahre! — Nein! Es kann nicht, es kann nicht sein!!" Hagar stand auf und ging zu ihn: hin. „Nechemja, Du hast einen Kieselstein, iber kein Herz in Deiner Brust! Willst Dil den Ertrinkenden wieder ins Wasser zurückstoßen, weil — seine Kleider naß geworden sind? Nein! das Herz unseres Kindes ist rein und hat zu uns gehört, wenn auch ihm selbst unbewußt, trotz der fremden Umgebung, und jetzt wird es mit verdoppelter Liebe nur uns sich zuwenden! Und Du, mein Erstgeborener," sprach sie zu Awromele gewendet, „Dn bist doch ein Gelehrter und wohlbewandert in der heiligen Schrift; hast Dir kein Wort zu sagen? Aus Deinem Munde möchte ich die Wahrheit vernehmen." „Mein Mund kann nur das verkünden," sprach er feierlich und ernst: „was die Stimme Gottes schon längst in meinem Herzen gesprochen! Wäre es nicht sein heiliger Wille, daß Naftali zu uns gehören soll, er hätte uns nicht in so wunderbarer Weise hier zusammengeführt. Gott ist barmherzig und sein heiliger Wille geschehe!" „Sein heiliger Wille geschehe!" sprach auch Nechemja entschlossen , „komm mit uns, Naftali, mein Kind, und Gott wird uns auch weiter den rechten Weg führen!" Mit lautem Weinen stürzte sich Naftali in die Arme seines Vaters, und seine Aufregung war so groß, daß er kein einziges Wort hervorzubringen vermochte. Endlich gelang es den Liebkosungen der Mutter, ihn so weit zu beruhigen, daß er an die nächsten Aufgaben denken konnte. Er trocknete seine Tränen, und sich wieder stramm aufrichtend ging er zu den Russell hinaus und sagte mit seiner gewohnten befehlenden Stimme: „Ihr braucht hier nicht mehr zu warten; hier ist unsere Arbeit getan, es hat lange gedauert, aber endlich ist es mir gelungen, der Frau das Geständnis abzupressen, daß sie mit den beiden Männern allerlei Höllenzanber und Teufelskunste getrieben-und darum müssen alle drei dem heiligen Ketzergericht in Kiwa übergeben werden, und zur größeren Sicherheit werde ich sie selbst dorthin abliesern. Gehet nun und helfet den andern, doch bei Eurem und bei ihrem Leben verbiete ich Euch jede Gewalttätigkeit und jede Roheit unter allen Umständen. Ihr kennt mich und mein Zorn trifft den, der sich auch nur das geringste zu Schulden kommen läßt! Besonders Dir, Stefan, will ich es freundlich raten, Dich nicht wieder, wie hier, als Wohltäter aufspielen zu wollen -! Du hast so viel auf dem Kerbholz, daß Du wohl bald selbst die große Reise nach Sibirien wirst antreten müssen, und — da

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