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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-17 · Heft 16 (17.4.1903) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
Seite 190 (sequence 12)
Language
German
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190 zcrwuste sie sich das lange Haar, ihre Glieder zuckten ans wie in verhaltenem Schmerz und ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Leid. „Wehe, wehe! Mir und meinem Geschlechts!" (Forts. fol»t.> Aus dem Lande der Knechtschaft. Von Samuel Gordon. Aus dem Englischen überseht von M. Pulvermann. V. Staunen und Verwunderung, mit einer ihm selbst unerklärlichen Rührung hatte der Kommissar den Vorgang beobachtet. Eine große Unruhe bemächtigte sich seiner; was war mit ihm vorgegangen? Seitdem er diese Schwelle überschritten, war er von Wundern und Rätseln umgeben! Er konnte es nicht begreifen, daß er ein echter Slave der reinsten Nasse, der keine andere Sprache als die russische kannte, die fremde Unterhaltung dieser Menschen, Wort für Wort, verstehen konnte! Ohne jegliche Anstrengung war ihm der ganze Sachverhalt sofort klar geworden: Ein Fremder war rein zufällig in das Elternhaus eingekehrt, und das scharfblickende Mutterauge hat ihn trotz der vielen Jahre der Trennung sofort als ihr Kind wieder erkannt. Aber was hat er denn mit der ganzen Sache zu tun? Was geht ihn denn das Schicksal dieser Menschen all? Und doch! Fühlt er nicht auch sein eigenes Herz laut und wild schlagen? War er denn ganz behext? Was war denn das eigentlich für eine Erinnerung, die aus einer längst, längst vergangenen Zeit so plötzlich in ihm auftauchte? Was war denn das für eine Empfindung, tranmartig, uebelverschleiert, die ihn so oft beunruhigte, daß er manchesmal in Heller Verzweiflung die Hände zusaunnenballte, um sich von dieser quälenden Unruhe zu befreien, um sich Klarheit zu verschaffen? Und jetzt wieder erinnerte er sich ganz deutlich, wie die Menschen ihm früher, als er noch ein kleiner Junge gewesen, immer eine gewisse Frage vorlegten, die er mit „Naftali" beantwortete, und jedesmal dafür geprügelt wurde; nicht „Naftali" sondern „Ivan" sollte er sagen. Er denkt wieder ave die vielen schlaflosen Nächte, die er damals verbracht, um sich seinen Namen einzuprägcn, um nicht wieder „Naftali" zu antworten und wieder neue Schläge zu bekommen! Naftali! Was bedeutet dieses Wort? In welchem Zusammenhänge steht es mit seinem Namen? Er weiß es doch ganz bestimmt, er heißt Ivan Khriloff und ist seit zehn Jahren Polizeikommissar in Vilkulno! Und doch: „Naftali", ganz heimisch und vertraulich klang es in seinen Ohren! Aber, nein! er läßt ihm keine Ruhe; jetzt will er sich Aufklärung verschaffen über all das Rätselhafte und Geheimnisvolle in seinem Innern. Die Juden sollen ja kluge Leute sein; dieses Volk hat ja große Männer und Propheten aus seiner Mitte hervorgehen lassen; und auch diese Frau mit den: sanften Blick, der ihn so wohltuend berührt, deren kluger Sinn, deren scharfes Auge es verstanden, nach Jahrzehnten wieder da anzuknüpsen, wo sie damals aufgehört er will sie ernstlich fragen; vielleicht daß sie auch sein Inneres beschwichtigen kann -!! „Wartet auf mich draußen," sprach er zu seinen Helfershelfern, die in Gegenwart des Kommissars, bei all dein Ungewöhnlichen, das sich vor ihren Angen abffnelte, dennoch kein Wort zu äußern wagten, „wartet draußen und kommt unter keinen Umständen eher herein, bis ich Euch rufe." Die Männer gehorchten schweigend; und als die Türe sich hinter ihnen geschlossen, da ging er mit festen Schritten ans Hagar zn, und ihre Hand erfassend und ihr ins Auge blickend, sprach er, und seine Lippen formten sich unwillkürlich zu jeneu fremden Lallten: „Und was bedeutet Naftali?" Mit einem erschütternden und durchdringenden Schrei sprang die alte Frau auf! Diese Frage, dieser Name, aus dein Munde dieses Mannes! Und dazu in ihrer eigenen Sprache! Sollte sie sich freuen oder sollte sie wehklagen? Mit beiden Händen faßte sie den Kopf des Kommissars, und ihn scharf und durchdringend anblickend, bemerkte auch sie die täuschende Ähnlichkeit mit Awromele. Eine Totenblässe überzog ihr Gesicht, „Herr und Vater!" murmelten ihre Lippen, „Du bist gerecht und Dein Tun ist gerecht! O, Prüfe mich nicht zu schwer, und lasse nicht die Wonne meines Lebens wie einen Traum Verschwinderl! „Naftali," sprach sie mit stierem Blick: „Naftali — hat — mein - zweiter Sohn geheißen —" Sie konnte nicht weiter sprechen, die Sinne schwanden ihr, und sie wäre zu Boden gestürzt, hätten nicht ihre beiden Söhne sie aufgefangen. Bald schlug sie ihre Augen wieder auf, und sie sah sich in den Armen des Mannes, den sie bisher als Feind ihres Glaubens, als Feind ihres Volkes zn betrachten gewohnt war —, und jetzt war es ihr Sohn -!! Ein herzzerreißendes, trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihr Blick war wie ill weiter Ferne gerichtet. Doch Plötzlich kam es wie eine Erleuchtung über sie, eine Erleuchtung, die jeder Mutter, ob Mensch oder Tier, eigen ist, und mit der Hand über das Haupt ihres zweiten Sohnes fahrend, flüsterte sie: „Naftali, Du bist ja auch meiu geliebtes Kind, die Stimme Gottes hat es meinem Mutterherz^n laut verkündet." Der Kommissar befreite sich fällst aus ihrer Umarmung und schritt auf Nechemja zu, als wollte er um den Segen des Vaters bitten. Doch plötzlich hielt er still, und in seine Tasche greifend, nahm er seinen Achatstein heraus, den er, ohne selbst zu wissen warum, schon seit Jahren, als ein kostbares Kleinod aufbewahrte. Er erinnerte sich jetzt wiederum, welches Nubehagen er stets empfand, wenn Fanuschkas niedliche Finger damit spielte, und wie peinlich es ihn berührte, wenn sie ihn nach der Bedeutung des geheimnisvollen Zeichens befragte, welches da eiugekratzt war. Und jetzt, mit einem Male wußte er es ganz genau, es war ja der zweite hebräische Buchstabe, das „Veth", das fast wie ein Haus geformt war; und jetzt war es auch kein Zweifel mehr für ihn: er war Naftali, und diese hier waren sein Fleisch und Blut, Vater, Mutter und Zwillingsbruder, und die Stimme der Natur drängte ihn mit aller Macht zn diesen Menschen hin, zu den Menschen, die ihm vor einer Stunde noch wildfremd waren; zu denen er gekommen war, um sie aus dem Boden ihrer Heimat gewaltsam zu entwurzeln und erbarmungslos in die unbekannte Fremde hinauszutreiben! Und draußen stand ja die ranblustige Horde, die nur auf seinen Befehl wartete, um mit dem Schrecklichen zn beginne!:! Und er war ja für die Ausübung dieser Menschenhetze verantwortlich! — Er, der Polizeikommissar Iwan Khriloff-, er, Naftali, der Sohn und Bruder dieser armen Menschen! Heilige Mutt — — nein, dn Gott Israels, du <

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