Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- Seite 189 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1«s zu sehen, und mit einer tiefen, jedoch trotzdem stolzen Verneigung gegen den König verließ sie das Gemach. Die Augen der jungen Fürstin jedoch folgten den Bewegungen ihrer Mutter und richteten sich mit sehnendem Ausdruck nach jener Stelle hin, hinter der die Gestalt Alexandras verschwunden war und es schien, als könne sie ihre Gedanken nicht losreißen und als folgten sie mit magischer Gewalt der mütterlichen Beschützerin. Stirnrunzelnd hatte der König ihre bangenden Blicke bemerkt, war auch ihrem stumm bewegten Mienenspiel gefolgt, und jetzt ruhte sein Auge mit spähendem Ausdruck auf ihren Zügen. Zu Tode erschreckt war sie jenem Blicke begegnet, o sie kannte ihn wohl, jenen heimtückischen Basiliskenblick, sie wußte wohl, was es zu bedeuten hatte, wenn sie im Auge ihres Gatten jener rotglühenden Funke zeigte, der gleich eineni verderbenbringenden Blitze emporklomm und der, ach stets, der Vorbote eines nahen Gewitters wurde. O, sie wußte es und sie wußte auch, daß es dann keine Rettung gab für die Unseligen, denen der königliche Zorn galt: sie kannten ihn alle, jenen Zornesblick, jenes drohende Aufzucken in dem sonst io gleißnerisch lächelnden Antlitze des Herrschers, sie kannten und fürchteten ihn, alle, alle, die Vornehmen des Reiches, wie die Mitglieder der königlichen Familie, denn zu gut wußten ie es, daß der Argwohn des Königs nie ruhte, daß er stets Unheil und Verrat witterte und daß er mit ewigem Späherblick seine Umgebung verfolgte, um sich und seinen Thron vor Angriffen zu bewahren. Wehe aber demjenigen, der schuldbewußt war, wehe, dreifach wehe! Ihm war das Verderben gewiß! Und diesmal, großer, allerbarmender Gott, diesmal, sie hatte es ja soeben vernommen, waren es ihre Teueren, denen das Unheil drohte, war es der geliebte, götterschöne Aristobul, über dein unaufhaltsam das Verhängnis schwebte! Und dieser, ihr von Gott angetrauter Gatte, dieser blut- und ehrgierige Tyrann, e r hatte die Macht, in seine Hand war es gegeben. Glück und Unheil zu verschwenden, in seine vom Morde triefenden Hände hatte der Gott Israels die Macht gegeben über Leben und Tod, über Nutzen und Frommen eines ganzen, großen geknechteten Volkes! O und wie hart leitete er dieses Volk, wie schwer, wie unsäglich hatten selbst die Vornehmen des Landes unter seiner schrankenlosen Willkür;u leiden! Wahrlich schwer lastete die Hand Gottes über Israel! Doch was kümmerte sie das Volk, — was das Wohl und Wehe der Vornehmen, i h r Leid war es, was sie aufieufzen ließ und stöhnen unter dem schweren, schier unerträglichen Drucke, — ihr Schmerz und das drohende Geschick des geliebten Bruders! Wie sie ihn dafür haßte, den Verruchten, wie sie seinen Anblick scheuend gleich dem eines Aussätzigen und dennoch mußte sie ihren Schmerz unterdrücken, mußte eine sorgenlos heitere Miene annehmen, — ja, und was das scheußlichste war, mußte dem Verhaßten Liebe heucheln! Er hatte sie an sich gezogen und indem er ihren Kopf mit dem reichen Haare an seine Brust drückte, legte er den Arm um ihren schlanken, weichen Leib. Nun hatte sie sich gefaßt und mit unsäglicher Anspannung rller Geisteskräfte bemühte sie sich, des Sturmes Herr zu werden, der in ihrem Innern raste und dessen Gewalt ihr das Herz zu sprengen drohte. Sie erhob den Blick und nichts in diesem leuchtenden, in reinstem Glanze der Schönheit prangenden Antlitze zeugte von dem Sturme, der sie durchtobt — ein rosiger Hauch bedeckte ihre Wangen und das edel geformt« Kinn, um ihre vollen Lippen spielte ein verführerisches Lächeln und in ihren Augen leuchtete der märchenhafte Glanz wieder, der diesen Augen einen unwiderstehlichen Zauber verlieh. „So sollst Du sein, meine süße Blume," frohlockte der König, „lachend wie der junge Morgen und strahlend wie die ausgehende Sonne, denn Du beschämst den jungen Morgen und verdunkelst die strahlende Sonne durch Deine Schönheit!" „Mein König, wie glücklich machst Du mich durch Deine Liebe und wie preise ich meinen Gott, der mir die Gabe verliehen, in Deinen Augen Wohlgefallen zu finden." „Nenne es mehr denn Wohlgefallen meine Lilie." rief leidenschaftlich erglühend der König; „ich liebe Dich, Du bist die Sonne meines Daseins, das Glück meiner Tage und der Traum meiner Nächte..." „Doch ich zittere, mein Herodes, ich fürchte. .." „Was kannst Du fürchten, meine Geliebte? Bin ich nicht ein mächtiger Herrscher und Dir ergeben in treuer Liebe . . und beschützt Dich mein starker Arm nicht vor jeglicher Gefahr?" „O. nicht Gefahr ist es. die ich fürchte, nein, Herr und König, ich fühle mich sicher, solange mich Deine Liebe schirmt?" „Nun, und dennoch bangt Dir?" „Mir bangt, o Herr vor dem Ende Deiner Liebe! Ich zittere und namenlose Angst ergreift mein Herz, wenn ich daran denke, ich könnte jemals Deine Liebe verlieren, Du könntest andere schöner und begehrenswerter finden denn Deine Marianne!" „Nein, meine Geliebte, Du wirst stets den ersten Platz im Herzen des Herodes einnehmen und kein anderes Weib soll sich jemals meiner Gunst rühmen ..." „Auch jene verführerische Königin nicht? Jene Aegypterin, von deren zauberischem Reiz die Welt widerhallt und die Roms Herrscher zu ihren Sklaven gemacht..." „Kleopatra, die alternde Zauberin," lachte der König, „nein, wahrlich nicht! Mich verlangt's nicht nach ihrer welken Schönheit." „Aber Mark Anton ist doch in heißer Lieb' zu ihr entbrannt .. ." „Mag Mark Anton sich von ihren Zauberkünsten gefangen nehmen lassen." „Er soll ihr Sklave und ihr in allein zu Willen sein," warf Marianne ein, „fürchtest Du ihren schädlichen Einfluß nicht für uns und unser Reich?" „Sei ohne Furcht, mein geliebtes Weib, ich habe mein Reich groß und stark geinacht, ich habe meine Feinde besiegt und fürchte auch Kleopatra nicht! Und darum fürchte auch Du sie nicht! Solange ich Dich bei mir habe, soll es keiner Zaubermacht gelingen, mein Herz anderen Sinnes zu machen." „Solange ich bei Dir bin, jedoch, wenn die Zeit naht, wo Dich der Kampf gegen fremde Völker in die Ferne führt?" „Auch dann noch bleibt mein Herz und mein Sinn bei Dir zurück!" rief leidenschaftlich erglühend der König und bedeckte mit glühenden Küssen ihre Wangen und ihr duftendes Haar. Minutenlang hielt er sie umfangen und stets von neuem suchten feilte glutvollen Küsse ihre zarten Wangen und den rosig lächelnden Mund — dann aber, nach einem erneuten stürmischen Ausbruch wilder Zärtlichkeit war er gegangen, sie aber war zu Boden gesunken, mit wilde»! zuckenden Fingern