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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-17 · Heft 16 (17.4.1903) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
Seite 186 (sequence 8)
Language
German
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126 Schule niemals wegen irgend einer epidemischen Krankheit geschlossen werden mußte, beweist den vortrefflichen Gesundheitszustand dieser ungeheuren Anlage, die jetzt einen Flächenraum von zwei englischen Morgen!ra) bedeckt." Man sieht, ein würdiges Seitenstück zn der grandivsen Schöpfung der Volksbildnngsanstalt im östlichen London seit 1884. die des edlen Menschenfreundes Arnold Toynbee Namen unsterblich macht. Und wie eine Fügung des Schicksals: gerade dieser ungemein segensreichen Idee als Kultnrträgerin hat sich jüdischer Aufklarnngssinn bemächtigt, worüber der warme, anziehende Aufsatz „Eine Tohnbee-Halle in Berlin" «wie solche in Wien und Hamburg seit 1900 bezw. 1901 bestehen) in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. 4 vom 24. Januar IS02 Seite 43 hübsch unterrichtet.?I. (An spanischer Ketzdiakon. Von Dr. M. Kayserling. II. (I^^errand Martinez war nicht der Mann, der sich so leicht einschüchtern ließ; ohne die Drohung des Königs zn beachten, schürte er weiter gegen die Juden. Da entschloß sich die jüdische Gemeinde Sevillas, ihn vor das oberste Tribunal . zitieren zu lassen. Dienstag den 11. Februar 1888, mittags 12 Uhr, erschienen vor den Oberrichtern Ferrand Gonzalez und! Reh Perez sowohl Ferrand Martinez. Erzdiakon von Ecija! Kanonikus der Kirche S. Maria und Generalvikar des Erz-! bischofs von Sevilla, als auch der Tnchhändler D. Jndah! aben Abraham als Vertreter der jüdischen Gemeinde Sevillas; beide in Begleitung ihrer Zeugen. T. Jndah, dem zuerst das Wort erteilt wurde, brachte seine Klage vor lind sprach:! „D. Ferrand Martinez, Erzdiakon von Ecija! Ich, D. Judah, aben Abraham, Vertreter der jüdischen Gemeinde Sevillas, erkläre Euch im Namen derselben: Ihr wisset, daß der hochj heilige König D. Heinrich und sein Sohn, unser Herr und König D. Juan, Gott erhalte ihn, Euch durch mehrere Reskripte haben verbieten lassen, alles das zu tun, was in ihnen enthalten ist. Obgleich diese Reskripte Euch von seiten der jüdischen! Gemeinde mehreremale vorgewiesen und Ihr sowohl von ihr i als von den Beamten der Stadt Sevilla ersucht worden seid,! das. was Euch verboten wurde, zn unterlassen, Ihr dennoch! hartnäckig fortfahret, sowohl in Euren Predigten als in aller:! anderen Dingen gegen die königlichen Befehle zn tun und Euch unterfanget, in den Prozessen der Juden gegen jedes Recht! Urteile zu fällen; darum ersuche ich Euch namens meiner Gemeinde, hier angesichts des Tribunals ein für allemal, daß Ihr für die Folge alles das unterlasset, was Euch untersagt wurde, alles, was Ihr gegen die Gemeinde oder gegen einzelne Mitglieder derselben nach Recht und Gesetz nicht tun konntet und durftet. Namens meiner Gemeinde erkläre ich Euch ferner, daß im Wiederholungsfälle wir sofort bei dem Könige darüber uns beschweren werden, damit unser Herr und König sehe und wisse, daß Ihr nicht befolget und nicht befolgen , wollet, was er Euch aufgetragen, und daß Ihr getan habet und noch immer tuet, was er Euch verboten hat." Das Tribunal wurde von D. Judah ersucht, ihm über diese Erklärung, Ankündigung und Verwahrung ein Zeugnis auszustellen. Nachdem die von D. Jndah dem Tribunal vorgelegten königlichen Reskripte dem Ferrand Martinez verlesen worden waren, verlangte dieser eine Abschrift derselben nnd erklärte, daß er seine Antwort schriftlich erteilen würde. Als dann D. Judah mit den anderen Juden, welche in seiner Begleitung waren, und dem Gerichtspersoual vor der Türe des Tribunals stand — der Oberrichter Ferrand Gonzalenz hatte sich, bezeichnend genug, bereits entfernt, nm zu speisen — fragte erden Erzdiakon, warum er ein Stück Tuch widerrechtlich in seinem Geschäfte gepfändet habe. Die Antwort darauf waren Insulten und gemeine Beschimpfungen. Acht Tage später, den 19. Februar, erschien D. Judah wieder vor dem Tribunal, nm die schriftliche Antwort des gleichfalls anwesenden Ferrand Martinez entgegenzunehmen. In seiner Antwort erklärte der Erzdiakon, daß -er nicht anders predigen und handeln könne als er bis jetzt getan und nach den Lehren des Evangeliums tun müsse. Er leugne nicht, daß er die Juden nnd Mauren gezwungen hätte, von den Christen getrennt zn wohnen und zu leben; es sei dies jedoch aus besondere Weisung des Erzbischofs und zum Heile der Kirche wie zum Wohle des Königs geschehen. Wenn er übrigens streng nach dem Gesetze hätte verfahret: wollen, so hätte er die dreinndzwanzig Synagogen, welche sich in der Diözese befanden und welche gegen Gesetz nnd Recht erbaut worden wären, sämtlich niederreißen lassen müssen. Er behauptete ferner, daß die Juden ihm zehntausend Donblonen angeboten hätten, wenn er einer: wichtigen Prozeß zu ihren Gunsten entscheiden würde, daß sie ihm die Reverenz verweigert hätten u. dgl. in. Der ungezügelte Eifer des Erzdiakons hatte endlich auch das erzbischöfliche Kapitel ans der lange bewahrten Ruhe aufgerüttelt, es war zn der Ueberzengung gekommen, daß dem wilden Treiben des fanatischen Priesters notwendig Halt geboten werden müsse. Zwei seiner Mitglieder wurden an den königlichen Hof gesandt, damit sie den König über das gefahrdrohende Auftreten des Erzdiakons aufktären und ihm vorstellen, daß dieser in seinen Predigten sowie in den Reden, welche er in Volksversammlungen halte, selbst die Autorität des Papstes in Frage stelle. D. Juan, der von seiner Gemahlin. der frommen Leonora, ganz geleitet wurde, hatte, schwach wie er war, vergessen, daß er dem Ferrand Martinez vier Jahre früher eine Rüge erteilt, nnd erklärte den vor ihm erschienenen Vertretern des Kapitels, daß er noch warten und vorläufig die Sache auf sich beruhen lassen wolle; des Erzdiakons Eifer sei heilig nnd lobenswert, nur dürfe er das Volk nicht zu Tätlichkeitei: gegen die Juden anfreizen. Die Unentschlossenheit des schwachen, wankelmütigen Königs machte den Erzdiakon immer kühner und verwegener; er stachelte das durch ihn schon fanatisierte Volk immer mehr gegen die Juden auf. Niemand wagte es, ihm entgegeuzntreten. Das schlimmste war zu befürchten. Als er in seinem blinden Eifer dann auch die Autorität des Papstes angriff und in seinen Predigten behauptete, daß auch der Papst nicht das Recht habe, den Juden die Erlaubnis zur Erbauung von Synagogen zu erteilen, da hielt es der Erzbischof von Sevilla denn doch für Pflicht, gegen den ebenso böswilligen wie halsstarrigen Zeloten kraft seiner episkopalen Würde einznschreiten. Er berief ei:: Kollegium, bestehend aus Theologen, weltlichen Doktoren und Gelehrten, Kundigen des kanonischen Rechts, und forderte Ferrand Martinez auf, seine irrigen Behauptungen zu begründen oder zu widerrufen.

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