Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sofür haben denn wir seit Jahrtausenden unser Glück und user Blut hingegeben? Warum soll denn nach diesem beispiellosen Erfolge der „Nimbus des auserwählteu Volkes" zerstört wrden jein? Muß nicht vielmehr dieser Erfolg uns noch bessere Hoffnung geben auf die Zukunft? Die Hoffnung daß ie Menschen immer mehr erkennen werden, daß es nur einen einzigen und göttlichen Erlöser gibt, eine erste und einzige rlösungstat, die göttliche Tat der Erlösung von Mizraim und amit der Erlösung vom Heidentum in jeder Form und Erheinung? Die Wissenschaft wird uns den Nimbus nicht nehmen, en Ruhmestitel, daß wir mit einer in der ganzen Geschichte ihres leichen nicht habender: Beharrlichkeit und Treue der Fahne 's Einig-Einzigen gedient haben. Nur wir selbst könnten durch nsere Gewissenlosigkeit es bewirken, daß der „Nimbus des auswählten Volkes" dahin ist für immer und ewig. Vielleicht och niemals ist das Judentum mit so scharfgeschliffenen Waffen es Geistes angegriffen worden wie in unseren Tagen. In olcher Lage und in solchen Kriegszeiten sollte man erwarten, a müßten alle Israeliten um die alte Fahne sich scharen und nsammenhalten zur Verteidigung des gefährdeten Heiligtums. Herrn man aber anstatt dessen die betrübende Erfahrung machen luß, daß Israeliten, die sich sonst jedes Glaubens schämen, 'fort bei der Hand sind, an die Unfehlbarkeit eines Professors l glauben, der mit der Lärmtrompete die nach seiner Ansicht llerneuesten Behauptungen in die Welt hinausposaunt; wenn /an lesen muß, daß diejenigen „Mitglieder der orientalischen esellschaft, deren Vorfahren im Orient gelebt haben", den mtesten Beifall spendeten, als man den Ruhmeskranz ihrer Erfahren Blatt nur Blatt zerpflückte, und womöglich gar em Angreifer ihrer Religion die Waffen irr die Hand geben, mH man da an solche Israeliten nicht mit Schmerz und Beschämung die Frage richten: „Gehörst du zu uns oder ehörst du zu unseren Feinden?" *) 0 In den Schlußbemerkungen seines zweiten Vortrages S. 42 duft sich Delitzsch auf das Zeugnis eines „Welt- und bibelkundigen israeliten", der ihm in einem Privatbriese geschrieben habe: „Unwidergbar ist Ihre Behauptung, der jüdische Monotheismus sei ein zoistisch-partikularisch-exklusiver." Das geht allerdings sogar noch der Delitzsch hinaus, der im Widerspruche zu Delitzsch Nr. II, in inem ersten Vortrage S. 50 zugegeben hatte, daß die Propheten ui Jahve den Gott des Weltalls erkannten" und „auf Verinnerchung der Religion drangen." Seit wann ist denn aber irgend ein rivatbriefschreiber und wäre derselbe sogar ein Bankier, ein berufener Vertreter und Interpret des Judentums? Hat denn der „Welt- und ibelkundige" (?) Privatbriefschreiber noch nicht gemerkt, daß wieder innral das Judentum nicht bloß die Kosten der Orientsorschungen ahlen, sondern auch zur größern Verherrlichung des Christentums -gradiert werden muß? (Vgl. Del. Vortrag I S. 50 II. S. 38.) ie erst nachträglich durch die Zeitungen bekannt gegebene Erklärung on Delitzsch, er wolle sich im Gegensatz zu Genesis 12, 3 zu demmigen flüchten, der im Leben und im Sterben gesegnet habe, die )m fluchen, hat bereits einige Jahrtausende vor ihm ein Psalmist '09, 28) mit den Worten abgegeben: „Mäzen sie fluchen, du sollst giien!" Wahrlich, es wird an der Zeit sein, auch einmal das Juden- "M auszugraben aus dem Schutte der Vorurteile, unter welchem asselbe noch immer trotz Bibel und Wissenschaft vergraben daliegt. Auch jetzt noch erscheint der Mann mit dem leuchtenden Angesicht in unserer Mitte und an jeden Einzelnen von uns richtet er die Frage: „gehörst du zu uns oder zu unfern Feinden"? Wie muß darauf unsere Antwort lauten? Sie kann nicht anders lauten als: Ich bin ein Sendbote des Ewigen und seiner Lehre, auf heiligem Boden stehe ich und ihn will ich verteidigen bis zu meinem letzten Atemzuge! „Me größte Schule der Welt." (AvVAnter dieser auffallenden Ueberschrift lesen wir einen augenfälligen Artikel in Nummer 50 vom Jahrgange 1902 der bekannten illustrierten Familien- und Modenzeitung für das deutsche Haus „Das Neue Blatt", und zwar an der Spitze der ganzen Nummer, nämlich auf der Rückseite des Außentitels. Wir begegnen darin einev gründlichen Schilderung der großen und großartigen jüdischen Schule im Osten der Riesenmetropole London, und da diese Schilderung nicht nur vielen Lesern ganz oder teilweise fesselndes Neues bringen mag, sondern auch beweist, daß das „Neue Blatt" unter der gewissenhaften und erfolgreichen Leitung des vielbewährten Schriftstellers Dr. Franz Hirsch, eins der blutwenigen deutschen Familienblätter ist, das freidenkend und nicht judenfeindlich redigiert wird (außer arideren sind Dr. Adolf Kohut- Berlin und Eugen Jsolani Dresden ständige Mitarbeiter), so verdient es die sympathisierende und sympathische Darstellung zweifellos, hiermit weiteren jüdischen Kreisen, zumal solchen, die für jüdisches Bildungs- und Schulwesen Interesse haben, vorgelegt zu werden; sie lautet wörtlich: „In Spitalfields in London ist das ausländische Element immer bemerkbar, wer aber einmal Bell-lane und seiner nächsten Umgebung zwischen 12 und 1, oder nach 4 Uhr nachmittags einen Besuch abstattet, der wird überrascht sein von den ungeheuren Schwärmen von Kindern, deren dunkles Gesicht und Haar deutlich daraus hinweist, daß sie keine Kinder Englands sind. Es sind dies alles Zöglinge der größten Schule der Welt, die um diese Zeit ihren verschiedenen Bestimmungsorten in East-Endom Zuströmen und die alle zu den Kindern Israels gehören. Nahe an 4000 Kinder erhalten täglich vollständig freien Unterricht und religiöse Erziehung in ^dieser Zuden- Freischule. Ihr Ursprung kann nicht mehr nachgewiesen werden^ vorliegende Urkunden reichen bis auf das Jahr 1817 zurück, aber man weiß, daß bereits vor dieser Zeit (1791) eine kleine Schule, die den Kindern jüdischer Eltern Unterricht und Kleidung gewährte, in nächster Nähe des heutigen riesenhaften Gebäudes gegründet wurde. Im Jahre 1883 faßte das Schulkomitee, in Anbetracht der stets wachsenden Zahl der Bewerber, einen kühnen Entschluß. Er bestand darin, das bestehende Gebäude niederzureißen und eine weit größere Anlage einzurichten. Hierzu wurde ein enormes Kapital verwendet. Man braucht wohl kaum hinznzufügen, daß das Wohlwollen der Familie Rothschild wesentlich zur Durchführung des großes Projektes beitrug. Als die neue Schule eine anerkannte Tatsache und der dadurch gestiftete Segen täglich augenscheinlicher wurde, beschloß die jüdische Gemeinde, ihre Würdigung des Werkes zu beweisen, und sie spendete praktische Hilfe durch den Präsidenten der Schule, Baron Rothschild. Es wurde eine Summe von 2000 Pfund Sterling gezeichnet, womit ein neuer Flügel, der den Namen Rothschildflügel erhielt, erbaut wurde. Dieser enthält eine Reihe sehr schöner Schulzimmer, einen großen Arbeitssaal, ein Laboratorium für chemische Vorlesungen und Experimente, eine Turnhalle, sowie andere Einrichtungen zum Nutzen der Schüler. Eine Sunune voll nicht weniger als 100000 Pfund Sterling wurde entsprechend der wachsenden Ausdehnung der Schule während der letzten Hälfte des Jahrhunderts aufgewendet. Sie enthält 44 Schulzimmer für Knaben und 27 .für Mädchen. Jedes Zimmer ist völlig zeitgemäß 'ausgestattet. Die Tatsache, daß die