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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-17 · Heft 16 (17.4.1903) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
Seite 184 (sequence 6)
Language
German
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184 wohnern dieser Festung war die Außenwelt ein Fremdes und Unbekanntes. Unter den Posaunenstößen der neuen Zeit sind die Festungsmauern von Jericho gefallen und die Riegel sind von innen abgebrochen worden. Der ehemalige Ghettojnde schwärmte hinaus in die Gärten und Felder der Weltkultur, während alle Zugänge geöffnet wurden zur freien Erforschung des Judentums. Kein Wunder und keine Ueberraschung, daß da auch mancher gekommen ist, nicht mit unbefangenem Sinn und nicht mit harmloser Absicht, sondern „>v'«dar!io svk'Iupllo b'zocko" mit einem vom Hasse geschliffenen und vom Vorurteil geschärften Schwerte, um das Judentum nach seiner Art, etwa wie der Holzhauer im Walde, zu lichten und zu erforschen. Vor der Wissenschaft haben wir keine Furcht und vor dem Lichte haben wir nie gezittert. Aber das können wir verlangen, daß man das Judentum als einen heiligen Boden betrachte, daß man also mit dem geziemenden Ernste und mit dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit herantrete an die Behandlung religiöser Fragen und religiöser Erscheinungen. Wer es aber an dieser Gesinnung fehlen läßt, der muß es sich gefallen lassen, daß man ihm die Frage entgegenhält: „Gehörst du zu uns oder zu unfern Feinden?" Fragen wir zuerst die Wissenschaft: „Gehörst du zu uns oder zu unfern Feinden?" Ein heftig wogender Streit der Meinungen ist ausgebrochen über die Frage der Originalität des Judentums, über das Urheberrecht unseres Lehrers Mose hinsichtlich der durch seinen Mund verkündeten Ideen. Ist er ein Entdecker oder ein bloßer Nachahmer? Das ist die Zeitfrage, welche alle andern in den Hintergrund gedrängt hat. Ein nicht überall lauterer Wettbewerb ist ausgebrochen um den Besitz unseres Eigentums. Wer hätte das geahnt, daß das Judentum wieder einmal in den Mittelpunkt der Debatte gestellt werden würde? Ehemals hatte inan behauptet, daß unser Lehrer Mose bei den ägyptischen Priestern, zu deren Füßen er als Schüler gesessen, eine Anleihe des Geistes gemacht habe. Heute will man das Judentum als eine Erbschaft oder wenigstens als eine Fortsetzung der babylonischen oder besser der altkanaanitischen Weltanschauung erklären. Was würde wohl unser Lehrer Mose zu solchen Behauptungen sagen, wenn er aus seinem unbekannten Grabe ausstehen und erscheinen würde in unserer Mitte? Nun, er hat bereits die Antwort darauf gegeben. Als hätte er geahnt, daß es einmal so kommen würde, hat er bereits vor Jahrtausenden erklärt: „Nach dem Vorbilde des Landes Mizraim, darin ihr gewohnt, sollt ihr nicht handeln; und nach dem Vorbilde des Landes Kanaan, wohin ich euch bringen werde, sollt ihr nicht handeln." Man erklärt eine Sache am besten aus ihrem Gegensätze, und ein leuchtendes Bild hebt sich am klarsten ab von dunkelm Hintergründe. Dieser dunkle Hintergrund war Aegypten. Gewöhnlich meint man, es habe sich bei Mose um das Erringen der politischen Freiheit für sein Volk gehandelt. Das hätte er aber, wie im vorigen Jahrhundert die Israeliten des Abendlandes, auch beim Verbleiben im Lande durch ausdauernde Arbeit allmählich vielleicht erreichen können, wenn es ihm nicht zu tun gewesen wäre um ein Losreißen seines Volkes vom Lande des abenteuerlichsten Aberglaubens, um einen völligen Bruch mit der Vergangenheit. In Aegypten wurden nämlich die Menschen geknechtet und die Tiere vergöttert. Meint man etwa, das war ein einzelner Irrtum des Verstandes? Nein, das war ein Prinzip. Wo man die Menschen knechtet, da kann es nur geschehen, weil man nicht den Geist als das Wesen in allen Wesen erkannte und aner kannte, und wo man keinen Respekt hat vor dem Geiste, de wird man zur Vergötterung des bloß Materiellen kommen unk da wird man schließlich die Unsterblichkeit des vernunftlosei Tieres zur Lehre erheben. Warum Mose in den sämtlichen Büchen, die seinen Namen tragen, kein Wort von der Unsterblichkeit de Menschen gesprochen hat? Um durch dieses Schweigen einen Prote« einzulegen gegen den Unfug, der in Aegypten mit der Ver ewigung des Körpers getrieben wurde. Aus diesem Gegen satz heraus ist die Lehre des Geistes geboren worden, di Mose auf seine Fahne geschrieben und aus diesem Gegensatz stammt auch das Wort: „Nach dein Vorbilde des Landel Mizraim, darin ihr gewohnt, sollt ibr nicht handeln."') Es darf als zugegeben betrachtet werden, daß die an dem Lande der ägyptischen Unterdrücker des Körpers und de Geistes kommenden Stämme Israels beim Einströmen in da .Land Kanaan daselbst auf einen Boden kamen, der mi einer Kultur befruchtet war, dessen Samen von irgend eine» Windstrom dahin getragen worden?) Nennen wir also di altkanaanäische Kultur, in deren Land Israel einzuwander: im Begriffe war, mit dem jetzt geläufigen Namen Babels. Umso tiefer wird unser Verständnis und umso größer Wirt unsere Bewunderung dafür, daß Mose die Warnung ausge sprachen und wiederholt ausgesprochen hat nicht bloß vor de, Gefahr, von welcher Israel eben gekommen war, sondern aur! vor der Gefahr, welcher Israel entgegenging, die Warum» ausgesprochen hat mit den Worten: „Nach dem Vorbild de Landes Mizraim, darin ihr gewohnt, sollt ihr nicht handeln: aber auch nach dem Vorbilde des Landes Kanaan, wohn ich euch bringen werde, sollt ihr nicht handeln." Damit ha er warnen wollen vor der Gefahr eines Sumpfes, auf welche» die Blumen schwimmen. Denn das war die altbabylonisch oder altkanaanitische Kultur, mit welcher Israel in Berühr»», kommen sollte trotz aller Blüten des Geistes, die sie hervor brachte, und es ließe sich leicht aus zahlreichen Beispiele! Nachweisen, daß das Judentum wie aus dem Gegensatz zu ägyptischen, so auch aus dem Gegensatz zur altbabylonische: oder altkanaanitischen Religion zu erklären ist, wenn hier nick die Wissenschaft bereits das Urteil gesprochen hätte. Eine Zeitlang hatte man die Gestalt unseres Lehrer Mose wie in einem Nebel verschwinden gesehen. Nun hat de Nebel sich gelichtet und wir sehen ihn, wie Israel ihn eim gesehen: „umgeben mit einem Strahlenkränze leuchtet das Autln des Moses." Eine Zeitlaug waren durch den erregten Lärn die Geister in Verwirrung geraten, nun haben die Geister sü geklärt und auf die Frage: „Gehörst du zu uns oder zu unsere! Feinden?" gibt die Wissenschaft einstimmig zur Antwort, daß de Eingott-Gedanke mit seinen nicht auszudenkenden religiöse! und sittlichen Folgen unser Eigentum und unser Besitz ist, da: y Vergleiche Predigte» aus deni Nachlaß von Dr. M. Io» Bd. I. S. 3ik. 2) Auch Mose kennt die Kultnr Kanaans und schildert sie lz. L M. 6, 10—11): Große und schöne Städte, Häuser angefüllt mit allen Guten, ausgehanene Zisternen, wohlgepflegte Weinberge »nd Oe> banmpflanzungen. Man wird non nun a», nachdem ein aus gemeinsamer ll> Heimat überkommener gemeinsamer Besitz an Kulturelementen, di auf jüdischer Seite durch den aus Chaldäa stammenden Abraha» weiter überliefert wurden, als nachgewiesen betrachtet werden muß, im Gegensatz zur Schule Wellhausens eher von einer vormosai schen als von einer nach mosaischen Thora sprechen müssen.

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