Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
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18?> Seil Monaten tagt jetzt bereits die englische Kommission, die beraten soll, ob die armen Ausländer, die sich hauptsächlich im Osten Londons zusammendrangen, nicht an allem Elend der englischen Arbeiterschaft die Schuld tragen. Die Jingopresse hat ihr bestes getan, besonders gegen die Juden und die Deutschen — die Juden Pflegt sie übrigens aus Begnemlichkeitsrücksichten immer gleich als „Deutsche" zn bezeichnen —- die gröbsten Verdächtigungen zu schleudern. Es genügt, daß irgend ein Ansländer in London einen Hering stiehlt, und man wird diese Schandtat sicherlich in dieser Presse unter der Ueberschrift „Unsere Ausländer" Tag für Tag verzeichnet finden, zugleich vielleicht mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber, daß der gute englische Richter den Missetäter nicht für die Freveltat gleich hängen ließ. Marl kann nun auch Untersuchungen zu lang ansdehnen und dabei das Gegenteil erreichen von dem, was mau erreichen will. Man wünschte Stoff zu finden, um gegen die Einwanderung vorzngehen. Jetzt muß man null aus englischem Munde Antworten hören, die diesem Plane ganz entschieden ungünstig sind. So trat ein Mitglied des Grafschastsrates für den von unbemittelten Fremden hauptsächlich bevölkerten Stadtteil Stepneh der Ansicht ellergisch entgegen, daß die Fremden daran Schuld trügen, daß die armen Engländer ans dem Stadtteil ausgetrieben würden. Er hätte hinzufügen können, daß man dafür den Whisky verantwortlich machen müsse. Drei englische Lehrer aus dem Ostende Londons bestätigten, daß die Hälfte ihrer Schüler Kinder ausländischer Juden seien und fügten hinzu, daß sie gleichzeitig die bestell und anständigsten Schüler seien, die sie hätten. Auch außerhalb der Schulstunden fielen die Kinder durch ihr anständiges Betragen auf. wie überhaupt die Kinder der Ausländer. Ein englischer Jude, der Fabrikant Morris Cohen, konnte die erstaunliche Mitteilung machell, das; seine christlichen englischen Arbeiter erst durch die allsländischen gelernt hätten, so zu schneidern, daß er imstande sei, nunmehr kontinentalen Firmen Konkurrenz zu machen, woran früher niemals zu denken gewesen wäre. Immerhin seien heute in Deutschland noch etwa 50 000 Arbeiter beschäftigt, für den englischen Markt Mäntel zu nähen, und lediglich durch den Einstrom ausländischer Arbeiter sei es möglich, dieser ausländischen Konkurrenz ein Ende zu machen. Er sei fest davon überzeugt, daß durch die Einführung dieser ausländischen Schneider auch andere englische Industriezweige gehoben, statt gedrückt worden seien. Es wird zweifellos interessant sein, zu sehen, welche Lehren die Kommission ans diesen Aussagen ziehen wird. Jedenfalls ist die Fremden- und Judenhetze, die man ill England anzuregen bemüht war, schon jetzt als gescheitert anzusehen. Den russischen Rabbinern sind auf Anordnung des Ministers Exemplare des Manifestes des Zaren vom 26. Februar d. I. mit der Weisung übermittelt worden, dieselben ill allen Tempeln und Bethäusern der Stadt während des Gottesdienstes zur Verlesung bringen zu lassen. Dieser Befehl wurde auch am jüngsten Sabbath ausgeführt. Wir wollen hoffen, daß die toleranten Grundsätze des Manifestes auch den Juden zu gute kommen. Denn was diese gerade um ihrer Religion willen in Rußland zu leiden haben, ist allbekannt. Die nachfolgende Geschichte bietet dazu eine charakteristische Illustration: „Dieser Tage wurde vor dem Petrikauer Gericht in einer Sitzung in Bendzin folgender ungewöhnliche Fall verhandelt. Alls der Anklagebank sitzt der Einwohner von Bendzin Josef Martin Bornstein 33 Jahre alt. augeklagt wegen Verlassend der Religion und Uebertritts zum Judentum. Laut Anklageschrift wurde der Angeklagte, von Geburt Jude, am 17. Juni 1887 aus eigenes Verlangen im Auslande und zwar in der katholischen Kirche zu Piekar bei Beuthen getauft und schloß kurz darauf die Ehe mit Paulille Dzinba in der katholischen Kirche zu Bendzin. Einige Jahre lebte Bornstein mit seiner Ehefrau musterhaft, jedoch im Jahre 1898 bemerkte dieselbe, daß ihr Ehemann jeden Freitag abend verschwand und au den Sonnabenden nicht nach Hause zurückkehrte; Ende desselben Jahres verließ Borustein offenkundig seine Frau und kehrte wieder zum Judentum zurück, verrichtete wieder seine Gebete nach mosaischem Ritus, erfüllte wieder alle Zeremonien des Judentums und wollte trotz aller Ermahnungen der katholischen Geistlichkeit ill deu Schoß der Kirche nicht mehr zurückkehren. Wie die Zeugen beweisen, hat Borustein freiwillig die Stelle eines Wächters bei dem israelitischen Bethause in Bendzin angenommen und alle Verpflichtungen der jüdischen Religion eifrig ansgeübt. Dieserhalb zur Verantwortung gezogen, bekannte sich Borustein schuldig und führte zu seiner Rechtfertigung all, daß er deshalb zum Judentum zurückgekehrt sei, weil er zur Annahme der christlichen Religion nicht genügend vorbereitet gewesen und sich unter den Christen völlig fremd gefühlt habe. Die Gattin des Angeklagten, Pauline Borustein, sagte aus, daß ihr Mann, nachdem er sie verlassen, sich von neuem mit Rajsel Neufeld nach mosaischem Ritus verheiratet habe und daß der Grund zum Verlassen der christlichen Religion bei ihm einerseits die Unzufriedenheit darüber war, daß er mit ihr keine Kinder hatte, andererseits die Neberredung» seitens seiner früheren Glaubensgenossen, die ihn längere Zeit bei sich versteckt gehalten. Das Gericht beschloß, den Bornstein zu der christlichen Geistlichkeit katholischer Religion behufs Ermahnung und Stärkung im Glauben zu schicken und ihn bis zu seiner Rückkehr zuill Christentum aller Rechte seilles Standes für verlustig zu erklären und sein Vermögen unter Vormundschaft zu stellen. Der „Kurier Sosnowiecki" fügt hinzu, daß Borustein gar kein Vermögen besitze und sich lediglich von seinem Verdienst als Wasserträger erhalten habe. Gehörst du zu uns oder zu unfern Feinden? s Von Dl'. A. Eckstein. "ls Josua vor Jericho, der festoerriegelten und sestumschlvsseneu Palmenstadt, sich befand, da sah er einen 0"^ Manu mit gezücktem Schwerte sich gegenüber stehen. Da. ging er zu ihm hin und sragte ihn: „Gehörst du zu uns oder zu nusern Feinde»?" Und der Mann mit gezücktem Schwerte gab zur Antwort: „Ein Sendbote des Ewigen bin ich! Nimm deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort aus dem du stehest, es ist ein heiliger Boden." Keine Frage ist beliebter in unserer Zeit als die Frage: „Gehörst du zu uns oder zu uuseru Feinden?" Entweder — Oder! So will man es in politischen Fragen und so will man es in religiösen Fragen, welche das Bewußtsein der Zeitgenossen in Anspruch nehmen. Gibt es ja keinen verständlicheren Anblick als den der Entschiedenheit und Bestimmtheit, wie es keinen unbefriedigenderu Anblick gibt als den der schwankenden Wetterfahne. Zwar zwischen den äußersten Standpunkten, die einander gegenüberstehen, könnte ja in der Mitte auch etwas liegen und dieses Etwas könnte vielleicht gar die Wahrheit sein. Aber mir befinden uns in Kriegszeiten und da gibt es keinen neutralen Boden in der Mitte. Darum lautet heute die Frage: „Gehörst du zu uns oder zu unser» Feinden?" Auch das Judentum hat diese Frage zu stellen. Ehemals war das Judentum, wie Jericho, eine mauerumgürtete Festung, verriegelt nach innen und verschlossen nach außen, da konnte niemand hinaus und da konnte niemand hinein. De» In-