Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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182 vielfach gut gesinnt und romantisch, aber die Unabhängigkeit und Freiheit des Denkens fehlt oft. Auf solchem Boden erwachsen keine Individualitäten ersten Ranges, keine jugendlichen Genies, welche die ganze Welt bezaubern und Mit- und Nachwelt in ihren Bann bringen. Die Ungunst um uns herum schafft das „geistige Ghetto". Das übertriebene Anregen des Nationalgefühls drüben hat mich hüben etwas ähnliches erzeugt. Ob mit dauernden Erfolgen und mit welchen für Kultur und Gesittung und wahre innere Freiheit auch die Zukunft lehren. Geister ersten Ranges fehlen hüben jetzt und auch drüben sowohl in Kunst und Wissenschaft wie in Dicht- und Staatskunst. Die Genies lassen sich nicht ans dem Boden stampfen, wenn dieser Boden ein die Individualität schädigender und unterjochender ist. Also sorgen wir inunserenKreisen wenigstens für die Zukunft, daß es Tag bleibe und das; immer mehr an Stelle der Knechtschaft die Freiheit trete! Unsere bürgerliche Freiheitdenn um diese handelt es sich bei den Reichstagswahlcn — ist in unsere eigene Hand gegeben und in die Hände mit uns gleichstrebender Bürger. Lehrt doch das Pessachfest, das; kein Volk nur auf die Gunst der niedrigen und der oben wehenden Winde vertrauen soll, sondern daß es stets gerüstet und gegürtet sei, um den Kampf für sein gutes Recht selbst führen zu können. Lamentieren wir nicht fortgesetzt mit romantischen Klagen und Seufzern nach einer Vergangenheit, die doch so gestaltet nimmer wiederkehren kann, sondern bereiten wir der Saat der Zukunft den Boden! Der deutsche Reichskanzler hat gezeigt, daß er unserer Glaubensgemeinschaft volle Achtung entgegenbringt. Der Bundesrat, zu dem auch die Regierungen gehören, welche unseren Kultus gleichberechtigt in ihre staatlichen Organisationen eingefügt haben, sichert jetzt das Wahlgeheimnis durch besondere Einrichtungen. Also lassen auch wir uns nirgends einschüchtern. Beginnen wir auch da, wo langjähriger Druck schon das Gefühl der Knechtschaft hat einwurzeln lassen, mit der Aufrichtung der Gedrückten zur Freiheit. Rechtzeitig müssen wir — und zwar jetzt schon, wo der Aufmarsch der Parteien fast vollendet ist. — dem Kleinkrieg und den Ehikanen unserer Gegner gegenüber eine feste Haltung zeigeri. Da, wo unmittelbare Schmähungen gegen das Judentum im Wahlkampfe gebraucht werden, müssen wir sofort antworten oder uns an die Berliner Zentralstellen zur Abwehr und zu unserem Schutze wenden. Denn wie jeder Israelit am Sederabend sich selbst als am Auszug zur Freiheit beteiligt betrachten soll, so haben weise Männer unter uns zur Abwehr gegen die auf uns einstürmenden Wogen feste Dämme rechtzeitig errichtet, an denen der aufrührerische Gischt in ohnmächtigem Grimme zerschellen soll. Der Blick in die schmerzensreiche Geschichte unserer Ahnen, die, selbst als Pharaos Rotten hinter ihnen her waren und die wilden Wogen sie umbrandeten, fest standen wie ein Mann, soll auch unseren Mut aufrichten im Vertrauen auf den Sieg des Rechtes über jede rohe Gewalt. Die in Jahrhunderte lange Kulturarbeit, nicht zum wenigsten unter Teilnahme jüdischen Geistes aufgerichteten festen Dämme gegen Roheit und Uebermut, unser auf dem gleichen Bürgerrecht aufgebauter Staat, unsere religiösen Einrichtungen und unsere Abwehrorganisationen sind vorhanden, aber wir müssen unser Bürgerrecht auch anwenden, — also scharen wir uns um diese Wälle und kämpfen wir für Recht und Freiheit! Are Wsche. Berlin, 14. April. ine Trauerkunde, die überall tiefschmerzlichen Widerha^ finden wird, kommt uns kurz vor Schluß des Blatte zu. In Meran ist gestern am 13. d. M. nach schwere Leiden der Geheime Negierungsrat Professor Dr. Mori. Lazarus im 79. Lebensjahre gestorben. Der Schmerz in; diesen unersetzlichen Verlust ist um so größer, als wir nm! wenige Stunden vor der Drahtnachricht am selben Tage ein längeres Schreiben der treuen Gattin und unermüdliche. Pflegerin erhielten, in dem sie uns mitteilte, daß gerade di eben erschienene russische Uebersetzung der Ethik des Juden tums den Kranken so erfreut und erregt habe, weil er davon eine tiefe Wirkung auf die Juden im Osten erhofft habe. De Brief schloß allerdings mit den Worten: „Es war Zeit, dan mein Mann auch einmal eine freudige Erregung erlebte — Wir haben einen schweren Winter hinter uns und der Früh ling mit seinen hier ganz ungewöhnlichen Stürmen hat meinen Patienten eine Wiederkehr heftigen Fiebers gebracht. — E> leidet sehr, die Schwäche ist groß. .." Und nun ist er unter den Stürmen des Frühlings dahingegangen in das Land der ewigen Schönheit, die er während seines ganzen gesegneten Lebens mit de Seele suchte! Noch fehlt uns die Fassung, um auch nur in kurze- Umrissen die Grundlinien dieses arbeitsreichen Lebens zu zeichnen; wir müssen uns diese Aufgabe für die nächste Numme Vorbehalten. Nur dem Gefühl des tiefsten Schmerzes um de - großen Verlust, den Israel und die Menschheit erlitten, fihier und heute schon wehmütiger Ausdruck verliehen un auch der Versicherung, daß wir das Andenken des teure Mannes, das ja in seinen Werken unvergänglich fortlebewird, als ein heiliges Vermächtnis hegen und bewahren werden. Friede seinem Geiste, Ehre seinem Andenken! Die Wiederausrollung der Dreyfusaffüre in Frankreia durch die Rede Jaurös hat am 6. d. M. begonnen. Selb! die Gegner sahen voraus, daß die Negierung die Untersuchung über die von Jaurns aufgedeckten Mißbräuche in der Auge legenheit einleiten und daß aus dieser Untersuchung die Revision des zweiten Prozesses sowie die Rehabilitierung Dreyfns' dlm > den Kassationshof hervorgehen werde. Damit hat dc Opitimismus des Judentums eine eigenartige Bekräftigun seiner Weltanschauung erfahren. Der moderne Pessimisnm eines Schopenhauer hat die Ansicht vertreten, daß die Unschul wehrlos sei gegenüber der sieghaften Kraft des Bösen, dm das Laster gedeihe, die Tugend unterliege, daß der allgemein Gang des Lebens nicht von sittlichen Grundsätzen gerege! werde. Und nun sehen wir den ungerecht Verfolgten nac langen! Ringen zu Ehren kommen, sehen wir seine ränkesück Ligen Feinde entlarvt und zu Boden gestreckt. Die Antisemiten mögen noch so sehr wüten und schelten, sie mögen noch s nachdrücklich die Gegner der Fälschung als Fälscher beschimpfe; solche Kunstgriffe der Tücke verfangen nicht mehr. Die Wahr heit siegt. Dieser Ausgang des Dramas, in dem der jüdisch Hauptmann Dreyfus eine hervorragende Rolle spielt, wir! mit reinigender Macht. Er ist doppelt ergreifend in eine; Zeitalter, das die rücksichtslose Kraft verherrlicht und di moralischen Mächte verspottet. Nein, in solchen Tagen kann das Ethos noch lange nicht „umgewertet" werden.