Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 180 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Stein! Siehe doch, wie mein eigen Kind mich nicht erkennen will! Warum stehst Du denn so stumm da? Warum schwörst Du nicht auch bei Deiner zukünftigen Glückseligkeit, daß Awromele wahr und wahrhaftig unser Sohn ist?" Nechemja, der seine Aufregung kaum bemeistern konnte und fortwährend auf Awromele blickte, sprach mit trauriger Stimme: „Wozu soll ich noch schwören, Hagar? Wenn Dein Anblick ihm nicht den Glauben beibringt, wenn die Stimme der Mntter, die das Kind in den Schlaf gesungen, keine verwandten Klänge im Herzen des Mannes erweckt, — was soll ich da noch viel sagen, um ihn zu überzeugen?" „Ach, wie gern möchte ich überzeugt sein — wie willig möchte ich Euch glauben," sprach Awromele zaghaft, mit bewegter Stimme; „doch Ihr habt mir ja vorhin selbst erklärt, daß Ihr stets kinderlos gewesen seid?!" „Das war ein Gelöbnis, welches wir uns gegenseitig gemacht," erwiderte Hagar schnell, „niemals wollten wir von unseren Kindern reden, weil die schmerzliche Erinnerung unser beider Herz brechen würde; wenn aber das eine vor dem andern gebrochen wäre, wie sollte wohl das eine ohne dem andern bestehen können?" Und aufs neue in Tränen ausbrechend, bat sie Awromele, doch von seiner Jugend zu erzählen, damit jeder Zweifel beseitigt werde. Mit schluchzender Stimme begann er: „Alles was ich weiß, ist, daß ich im Hause eines jüdischen Lehrers — eines einsamen, stillen Mannes lebte; er nannte mich Sohn, und ich verehrte ihn als Vater, ohne darüber weiter nachzudenken. Auf seinem Sterbett aber offenbarte er mir, daß er mich auf der Landstraße gefunden, und als sein eigen mich erzogen; zugleich aber machte er es mir zur heiligsten Pflicht, bald nach seinem Tode hinauszuziehen, um nach meinen Eltern zu forschen, niemals aber von diesem Schmuckstück mich zu trennen, das sicherlich zu einer Wiedererkennung führen wird. Seit dieser Zeit wandere ich nun unausgesetzt, fort und fort, nirgends Ruhe findend und gerade zu dieser Jahreszeit, da ist es mir, als hätte ich Flügel statt Füße, und eine innere Unruhe läßt mich an keiner Stätte lange verweilen. Und so hat mich Gott hierher zu Euch geführt; und da sollte ich seine Fügung nicht anerkennen? Da sollte ich meinem eigenen Herzen nicht glauben, da doch der Dämon der Ruhelosigkeit von mir gewichen, seitdem ich in Eurer Nähe weile — seitdem ich Euch ins Auge geschaut? Komin, meine Mutter — o, komm, Vater! O, Freude meines Lebens; o Seligkeit, die ich noch nie genossen, und nach der ich mich ewig gesehnt! O, Vater, Mutter!" Und während heiße Tränen ans seinen Augen stürzten, schlang er die Arme um seine Eltern, die wortlos das wiedergefundene Kind an das stiirmischpochende Herz drückten. (Forts. folgt.) Sprerhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Hln Nr. 13 Ihrer geschätzten Zeitung teilt Herr Engen Philipp in Posen in dem Artikel „Vor den Wahlen" mit, daß Herr „Hans non Mosch dem Kreise Meseritz^Bomst seine Person für eventuellen Bedarf freundlichste zur Verfügung (als Reichstagskandidat) gestellt l at." Gestatten Sie mir hierzu die Bemerkung, daß im Kreise Meseritz-Bomst bei der nächsten Neichstagswahl die Antisemiten von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten absehen und gleich im ersten Wahlgange für den bisherigen Abgeordneten v. Gersdorff-Bauchwih Druck und Verlag von Rud olf M o s se in Berlin. stimmen werden. Zu diesem Resultate hat vornehmlich die jüdische Bevölkerung des Wahlkreises durch ihr zielbewußtes Verhalten bei den letzten Kommu»ialwahlen beigetragen, in welchen sie den Beweis erbracht hat, daß sie das „Zünglein an der Wage" ist, wie das in dem bezüglichen Artikel in Ihrer geschätzten Zeitung seinerzeit näher ausgeführt wurde. Im Hinblick auf diesen Artikel können wir es uns wohl an dieser Stelle versagen, ans einzelne unzutreffende Aeußerungen des Herrn Eugen Philipp in seinem Artikel näher ein zugehen. Bei der hohen Bedeutung, welche Ihre geschätzte Zeitung auch im gegnerischen Lager genießt, wäre manche dieser unzutreffenden Aeußerungen besser unterblieben. Ganz ergebenst Ein jüdischer Reichstagswähler des Wahlkreises Meseritz-Bomst Sehr geehrter Herr Redakteur! ie Einwände, die Herr M. Goldberg (S. 132 Ihres geschätzten Blattes) gegen die Erklärung macht, welche mein Freund, Herr Professor G. Deutsch von der Mordechai-Stelle Aloeä Xainn I K 84.; gegeben hat, sind nicht stichhaltig. Es könnte vielleicht genügen, aus die Noten des R. Mose Jsserles in ^bsn-lm-Lser, Kap. 62 § 2. zu verweisen. Im Einzelnen läßt sich aber bemerken: ml Einwand 1: Die erwähnte Bedeutung von ^22 " als Gegensatz zu „Geschwister" — findet sich schon ^edamot III Uiselrrm 6. ml Einwand 3: Mordechai spricht nicht von einem „Verbot". Er sagt, daß die Alten „sich gehütet" haben, zwei Hochzeiten, auch von Nichtverwandten, gleichzeitig abzuhalten. Einwand 2 ist es, der mich veranlaßt hat, das Wort zu nehmen, um hier mitzuteilen, was ^ich) Herrn Prof. Deutsch gleich nach Erscheinen seiner sehr interessanten Notiz schrieb. In Mordechai eil. UieU. di Irento 1553 lautet die Stelle (dort als 1459 gezählt! /1'12112 l'.l L'ZVXIN 1^'LXI und ähnlich in Mordechai bei ^.Ikasi eü. ZabioneUa 1554—55, nur daß es hier 2^2)2 heißt. In dem zu dieser Ausgabe gehörigen (auch später abgedruckten) ausführlichen Mordechai-Jndex von Josua Boaz heißt es sehr schön: O'N2Z2 1^'LX 1'N Hier ist also keine Rede von 2^2) „alten Nicht-Juden". Wie kamen nur diese alten Heiden und kamen die — von Prof. Deutsch erwähnten — Klammerndem Wilnaer Censor vor Augen? Sehr einfach: Ein späterer Mordechai-Herausgeber. der gelehrte Menachem David aus Piztin, der unserrn Autor hier die Alfasiausgabe Krakau 1597 bearbeitete, war mit der ihm vorliegenden Wortfolge nicht zufrieden und rückte dasselbe 2^222 heraus, war aber, wie immer in seiner Ausgabe, so gewissenhaft, die Aenderung durch Klammern zu bezeichnen, so^daß wir hier lesen 1'N O'WXIN <2^222) 1^'LX, was dann stehen blieb, bis das von Prof. Deutsch gekennzeichnete Censorstückchen gespielt wurde. Soweit zur erklärenden Erwiderung. Es mag mir gestattet sein, noch ein paar Kleinigkeiten hinzuzufügen. Mordechai führt in dem diskutierten Paragraph eine Stelle aus ^28 Kap. XI.) an "121 NIX 7Q2 511^2 '2 PX die anscheinend von Hochzeiten spricht, oder jedenfalls in dem bei Mordechai weiter folgenden so gefaßt wird. Vergleicht man aber das Fragment eines anderen Ebel-Traktats, der sich bei H. Siat eä. Bamberger II, S. 40 findet (danach bei Brüll. Jahrbücher I, 19 und Horowitz: Uralte Toseftas, II—I!I p. 45) scheint unsere Stelle eher von der Beerdigung zweier Bräute zu sprechen, indem auch von der Lobrede über einen Verstorbenen gebraucht wird. Auch so wäre aber analogienweise eine Stelle zu benutzen, und so scheint sie von N. Alexander Süßkind (^AAuäall, Noeä-Xaiun I, 6) wirklich auch nur benutzt. Möglicherweise rührt jener nicht von Mordechai her sondern von einem späteren Interpolator, da ja der gedruckt vorliegende Mordechai, wie das S. Kohn eingehend nachgewiesen, sehr stark und nicht glücklich bearbeitet ist. Vor uns liegt der „rheinische Mordechai, während der viel bessere „österreichische" Mordechai. wn Kohn uns belehrt hat, noch in Handschriften ruht. Und hier möchte ict dem obenerwähnten Mordechai-Herausgeber, Menachem David, zur verdienten Ehre helfen. Er hat, wie m. W. weder Kohn noch sonst Jemand beobachtet hat, schon bemerkt, daß dieser gedruckte Mordecha der „rheinische" ist und setzt deshalb ans das Titelblatt seiner Ausgabe ">2-l->j2 2"1 NLL- Ko perlHagen, 15. März 1903. D. Sirnonsen. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.