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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
Seite 179 (sequence 13)
Language
German
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179 Awromele schlug die Augen auf, und ein schwacher Seufzer entfuhr seinen Lippen. Der Kommissar versuchte ihn aufzurichten und bemerkte dabei eine seidene Schnur um Awromeles Hals, an deren Ende ein hübsch geschliffener, länglich geformter Achatstein befestigt war. Dieses erblicken und vor Schreck den Kranken wieder zurücksinken lassen, war für den Kommissar ein Werk des Augenblickes; wie geistesabwesend starrte er ans das Schmuckstück, und nur mechanisch fuhr er mit der Hand nach seiner Stirn, die mit großen Schweißtropfen bedeckt war. „Heilige Mutter von Kasan! Was soll dieses wieder bedeuten? Binn ich denn ganz und gar verhext? Hier komme ich her und finde einen Menschen, der mir wie ein Ei dem andern gleicht, bei dessen Anblick ich mein eigenes Spiegelbild zu sehen vermeine, und jetzt finde ich auch auf der Brust dieses Menschen den Gegenstand, nach dem ich jahrelang vergeblich gesucht! Mein Gott, mein Gott! Was soll dieses alles nur bedeuten? Hier, lieber Mann," sprach er zu Awromele; „hier habt Ihr so ein hübsches Anhängsel, das ich gern haben möchte. Nein, nein! Aengstigt Euch nicht, ich bin kein Räuber. Ich will es Euch mit gutem Gelde bezahlen, und sicherlich wird Euch das Geld auf Eurer Wanderschaft bessere Dienste leisten. Sehet doch, ich habe ja auch einen solchen Stein, und darum möchte ich einen zweiten besitzen, weil Fanuschka, mein geliebtes Mädchen, mich schon lange quält, und mir schier graue Haare verursacht, ihr doch einen zweiten, zu einem Paar Ohrringe, zu verschaffen. Darum saget mir, was Ihr dafür verlangt?" Die russischen Bauern blickten einander erstaunt und ärgerlich an. „WaS, so viele Umstände mit einem Juden machen? Wenn ihm das Spielzeug gefällt, warum es nicht einfach nehmen, und fertig? Einem Juden gute Worte geben? Wahrlich, ein schlechtes Beispiel für einen strenggläubigen Russen, Geld anznbieten für etwas, was man umsonst haben kann! Einfach lächerlich, unerhört! Na, da wird man wohl schließlich bei der ganzen Geschichte kaum auf seine Kosten kommen!" Mit verbissener Wut beobachteten sie den ganzen Vorgang, doch wagten sie es nicht, ihre Gedanken laut werden zu lassen. Der Kommissar griff nach seiner Geldtasche, doch Awromele hielt das Schmuckstück mit beiden Händen fest umklammert, nnd, einen flehentlichen Blick dem Kommissar zuwerfend, bat er mit schwacher Stimme: „O, guter, gnädiger Herr, bitte, nehmet es mir nicht iveg. O, habet Erbarme»!! Es ist für mich das Teuerste auf Erden! Es ist das einzige Ueberbleibsel von einer Heimat, die ich nie gesehen, von Eltern, die ich nicht kenne, und auf diesem Steine allein beruht ineine ganze Hoffnung, jene geliebten Wesen jemals wieder zu finden. O, nehmet alles »vas ich besitze, obwohl ich nur ein armer Mann bin, nur lasset mir das Einzige, das meine Armut, zugleich aber auch ineinen Reichtum bildet." Während dieser ganzen Unterhaltung saß Hagar in einem Winkel zusamineiigekauert, beide Männer mit glühenden Blicken betrachtend und begierig ihren Worten lauschend, obwohl sie nichts davon verstand, denn sie sprachen russisch. Doch jetzt, plötzlich, beim Aufleuchten des Talglichts, hatte sie den Achatstein in Awromeles Hand erblickt — ihre Angen öffneten sich weit, eine fahle Blässe bedeckte ihr Gesicht, wie ein wildes Tier war sie mit einein einzigen Sprung an Awromeles Seite, und den Stein gewaltsam ihm entreißend und einen einzigen Blick darauf werfend, schrie sie, mit einer vor Aufregung heiseren Stimme: „Barmherziger Gott im Himmel! Mein Kind, mein Sohn, den ich solange schon verloren. Er ist ja da, hier vor mir! Awromele, mein Leben! Bist Du da? Bist Dir zurückgekehrt zu Deiner Mutter? Lebst Du wieder? Ja, ich sehe Dich. Mein Gott und Herr, Du hast meine Gebete erhört, meine mitternächtlichen Träume hast Du jetzt köstlich belohnt! Es ist ja mein Awromele, mein herziges Awromele!" Mit keuchender Brust und schwer atmend, ließ sie endlich Awromele frei, nnd sich kerzengerade anfrichtend, sprach sie mit überstürzender Hast: „Kommt her Ihr alle; Ihr sollt es hören, was ich Euch erzählen will, nnd Ihr werdet es mir glauben, daß ich die Wahrheit spreche. Vor vielen Jahren hatte ich zwei Kinder, Knaben, die in derselben Stunde geboren waren; und das Gesicht des einen war wie das Gesicht des andern; beide wie die Cherubim auf dem Deckel der heiligen Bnndeslade, einander ähnlich und gleich, wie zwei Sterne am Himmel, und kein Mensch hätte sie unterscheiden können. Um aber zu wissen, welches der Erstgeborene war, damit er bei dem Vorlesen aus der heiligen Thora zuerst aufgerufen werde, und damit er am Erew-Pessach auch richtig faste, nahm ich zwei ganz gleiche Achatsteine, die ich von meiner Mutter geerbt hatte, und mit einem Messer kratzte ich auf dem einen den ersten Buchstaben „Alef", und auf dem andern den zweiten Buchstaben „Beth", und den Stein mit dein Alef hängte ich um den Hals des Nettesten, und den mit dem Beth um den des Jüngeren. Und hier, Nechemja! — Großer Gott im Himmel! Hier ist ja noch das Alef ganz deutlich zu sehen." „Unter Tränen lächelnd zeigte sie den Stein dem Gatten und dem Sohne und fuhr daun fort: „Die Kinder waren sechs Jahre alt, und hatten schon im „Cheder" angefangen „Chnmesch" zu lernen, da zürnte Gott mit uns, und wir verloren beide Knaben an demselben Tage und znr selben Stunde an dem sie zur Welt gekommen waren. Es war gerade am Erew- Pessach, wie heute; Nechemja hatte noch ein kleines Geschäft in einem nahen Dorfe, welches er noch vor dem Feste abwickeln wollte, und ich war nach dem „Schulhof" gegangen um das „Chomez" zu verbrennen — den hölzernen Löffel mit den Brotkrumen, mit dem Wachslicht und den Federn, alles in eine»! Stückchen Leinwand fest eingebunden. Die Kleinen hatte ich vor dein Hause gelassen, wo sie miteinander spielten; und ich hatte die Stube verschlossen, weil ich schon alles für das Fest hergerichtet hatte. Als ich aber zurttckkam, da waren meine Knaben verschwunden; ich suchte sie überall, und lief weinend und klagend zu meinen Nachbarn, und sie erzählten mir, daß vorhin zwei Kosaken vor unserem Hause vorbeigeritteu waren, und — da erkannte ich bald mein grenzenloses Unglück! Am Abend kam auch »och der Gemeindehirt vom Felde zurück, und er erzählte mir, daß er die zwei Reitergesehen, daß jeder ein Kind vor sich auf dem Pferde hatte, und als sie am Kreuzwege waren, da trennten sie sich, und Vereine ging den Weg rechts nnd der andere links. Und der Name des Aelteren war ja auch Awromele, wie der Deine, und — " mit ausgebreiteten Armen auf diesen zustürzend, schrie sie laut auf: „und Dn bist mein Kind! Es ist ja alles wahr, ivie Gott im Himmel lebt! Nechemja!" rief sie jammernd nnd händeringend diesem zu. „Nechemja, Du Mann von

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