Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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178 hochfahrenden Tones hinzu: „Kein Wort weiter, die Königin bedarf für heute Euerer Dienste nicht, entfernt Euch, Ihr habt nichts zu fürchten bei meinem königlichen Worte!" Lautlos und mit zur Erde gesenkten Blicken hatten sich die Frauen der Königin entfernt. Einen Augenblick verharrte sie in tiefem, düsteren Sinnen, dann aber erhob sie den Blick und Hanna zu sich heranwinkend, sagte sie: „Schicke jene nun auch weg, sie mögen meiner Rückkehr im Palaste harren. Du aber Hanna, begib Dich ungesäumt zur Königin und melde ihr, Alexandra harre ihrer und wünsche sie ungesäumt zu sprechen!" Minutenlang beherrschte tiefes Schweigen den Raum. Die Fürstin hatte sich niedergelassen und starrte gedankenvoll zur Erde. Den Kopf in beide Hände gestützt, versank sie in tiefes Sinnen und erst das Geräusch nahender Tritte lieb sie ans ihrem dumpfen Dahinbrüten erwachen. Hanna war eingetreten mit der Meldung, daß die Königin soeben dem Bade entstiegen sei und sogleich hier sein werde. „Wie vernahm sie die Meldung, Hanna, sahst Du sie bestürzt?" „Die erhabene Königin schien sehr erfreut." „Sv, Du glaubst, daß es der Königin wirklich Freude bereitet, mich zu scheu?" „O gewiß, erhabene Alexandra, denn als ich der Königin mit der Meldung nahte, ihre ehrwürdige Mutter harre ihrer Ankunft, da spornte sie mit raschem Befehl ihre Frauen zur Eile an!" „Nun, es ist gut so; nicht immer bereitet meine Allwesenheit der Königin so große Freude," fügte sie halblaut hinzu; dann aber sich an Hanna wendend, wollte sie ihr noch eine Weisung geben, aber da teilte sich mit raschem Griffe der purpurne Vorhang und herein trat, geleitet von mehreren Frauen, die Königin. „Sei gegrüßt, erhabene Alexandra," und auf ihre Mutter zuschreitend, berührte sie ihre herabhängende Rechte mit den Lippen. „Ich danke unserem gütigen Gotte, daß Du Dich vollster Gesundheit erfreust, doch was führt meine erhabene Mutter zu solch ungewohnter Stunde zu mir?" Und nach einem Blicke voll zärtlicher Sorge in das Antlitz der alten Frau fügte sie betroffen von dem Ausdrucke düsterer Sorge, den sie darin erblickte, ängstlich forschend hinzu: „Es ist doch kein Ungemach, das Du mir zu künden kommst, kein Unheil Dir widerfahren oder" — und die Sprache drohte ihr zu versagen — „droht Gefahr meinem teueren Aristobul?" „Du sagst es; meine Tochter, mein geliebter Sohn ist in Gefahr und drohendes Unheil schwebt über seinem jugendlichen Haupte." „Was könnte ihm drohen, Mutter, ihm, dem Liebling des Volkes?" „Des Volkes! Ja, das ist er, unser götterschöner Aristobul, der Liebling aller, sie alle blicken zu ihm auf, wie einst zu David, dem Sohne Jsais." „Nun sagst Du es selbst und dennoch redest Du von Gefahr! Woher sollte das Unheil kommen, von wo siehst Du es nahen?" „Woher es kommen sollte?" unterbrach sie zornfunkelnden Blickes die Mutter, „woher? . . . Nun, von wannen kommt das Unheil über das Haus Hyrkanos — von wem anders, als von ihm, dem Feinde unseres Hauses, von Deinem Gatten!" „Vom König ....?" „Ja, von Herodes, den Gott züchtigen möge und den uns der Allmächtige gesandt hat, als Geißel und Strafe für Israel!" „Gott, der Herr, möge sich unser erbarmen, er schütze das junge, unschuldige Haupt unseres Aristobul!" Und die Königin senkte das Haupt und verhüllte mit ihren wallenden Gewändern die schmerzdurchfurchte Stirne Jetzt aber erhob sie den Blick und mit angsterfüllter Miene wandte sie sich Alexandra zu. „Und ich frage Dich nochmals, meine Mutter, weshalb siehst Du das Unheil nahen für Aristobul, meinen Bruder.. Vielleicht verwirrt die Sorge Deinen sonst so klaren Blick und Deine Befürchtung ist nichts, denn ein Trugbild Deiner erregten Sinne . . . Was sollte der König gegen den Arglose» im Schilde führen?" „Was fragst Du, und weißt es ja auch, gleich mir und gleich uns allen, wie feindlich gesinnt Dein Gatte unserem Haus, vor allem aber meinem teueren Sohne ist, daß jener in seiner göttergleichen Reinheit seit langem ein Stachel für das entmenschte Herz dieses verruchten Mannes, dieses Räubers unserer Krone, dieses Schänders unserer Religion, dieses Verächters unseres Glaubens- und Leugners unserer ehrwürdigen Satzungen, dem nichts heilig ist, es sei denn sein Thron, seine Macht und sein verruchter Leib, den Gott ansrotten möge, auf daß wieder Friede einziehe in das gepeinigte Herz unserer Glaubensbrüder! Verderben über ihn, den Römling und Götzenanbeter! Verderben über den Tempelschänder und ..." Da wurde mit raschem Griff der Vorhang auseinander gerissen und atemlos in fliegender Hast stürzte Hanna ins Gemach: „Herrin, der König naht!" »Forts. folgt.» Aus dem Lande der Knechtschaft. Bon Samuel Gordo». Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. IV. hörte nicht auf die Rede des Bauern und stand noch immer in tiefen Gedanken versunken. Es war aber auch tatsächlich stauuenerregend, wie diese beide» Männer, von verschiedener Lebensstellung, der jüdische Wanderprediger und der russische Polizeikommissar, ein Gegensatz, wie er schärfer kaum gedacht werden kann, wie diese beiden Männer miteinander täuschend ähnlich waren, in Gestalt und Mienen spiel, Zug für Zug, und Linie für Linie. Endlich raffte sich der Kommissar gewaltsam auf, „der Jude ist ohnmächtig," sprach er bewegt; „gebet mir etwac Wein für ihn." Er kniete neben ihm nieder, und fing a» Awromeles Rock aufzuknöpfen, und erblickte die Fingerabdrücke, die Stefans Wut an seinem Halse znrückgelassen. „Ihr Schufte, Ihr habt ihn ja erwürgt." schrie der Kvm inissar zornig. „Verflucht seien Eure Mörderhände! Aber wartet; ich werde mit Euch später Abrechnung halten! Wei» her, Ihr Wüstlinge, Ihr Totschläger!" Ein Zittern durchs seinen Körper; er schauderte innerlich zusammen; ihm war es als sähe er sich selbst als Leiche daliegen. Seinen Bemühungen gelang es, den Besinnungslosen ins Leben zurückzurufe»