Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 176 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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176 unter derselben Frömmigkeit Brüder heißen. Diese Stunde! muß kommen, sie wird kommen, sobald Gott es nur will.! Und darum ist das Denkmal der Hoffnung zugleich eine Pathetische Anrufung: „Siehe hier den schlummernden Messias, siehe! er schläft noch immer, also erwecke ihn!"... Wir haben einige antijüdische Stellen weglassen müssen. Und ob nicht Herr Ludwig Beer in seinem Aufsehen erregenden sonst dankenswerten Aussatz „Talmud und Hellenentum" gerade der Pilpulist ist, der allerhand krause Arabesken in die reinen und großen Gedanken einer edlen Künstlerseele mit hineinverwebt! Das Judentum braucht als „Merkstein" keinen im Felsen schlafenden Barbarossa und wir glauben hier und da die abgestandenen Klänge einer Mission zu hören, so auch, wenn der Kunstkritiker! vom Irrtum der Znkunstshoffnung und auch von dem „matten Judentum" spricht: „Eigentlich müßte das Denkmal wie in einem Mausoleum im Felsen verschlossen sein, und wenn der! Herr dereinst ruft, wird der Felsen gebären und dem Messias das leibliche Tor öffnen. Eine Ahnung von all diesen düsteren Träumen ruht über dem schlafenden Messias, der, matt wie das Judentum, langbärtig sitzend, im Schlummer übersinkt mit einer Gebärde und einem Ausdruck der Trauer und unsagbarer Würde. An seinem Arme schlummert der Schild, mit dem er Israel decken wird. Aber der Messias schlummert schon lange, und er schläft so tief wie einer, der niemals erwachen wird!" Diese harmlose Phantasie Glicensteins — denken wir — muß eher die Rührung und das Mitempfinden jedes Juden und jedes fühlenden Menschen erwecken! Und in der Tat hat dieser Entwurf zuerst die Aufmerksamkeit Josefs von Kopf auf den darbenden Künstler gelenkt, der mit Weib und Kind in Nom da saß und nicht mehr das Geld hatte, um sich Ton für die Arbeit zu kaufen. Damals kamen Kopf und mit ihm sein jüdischer Mäcen und der russische Graf Str. und brachten dem Schöpfer des Messiasentwnrfes Arbeit und Bestellungen und damit wieder Geld, Mut und neue Hoffnung. Damals wird Gliceustein, mit einem Blick auf sein junges Weib und seinen Neugeborenen in Erdanken voll Freude ansgerufen haben: „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels!" Und in diesem religiösen Empfinden unseres Volkes schlummert auch der messianische Gedanke, und nicht der jüdische Künstler, der sich mitten in Not und Elend an der Hoffnung Israels aufrichtet, ist der „Phantast", sondern der schon genannte Kritiker, wenn er einerseits von „gestorbenen Gedunkelt" spricht und andererseits die Idee des Judentums von dem Frieden, den der Messias allen Menschen bringt, sinnlich vergröbert. Beer schreibt dem liberalen Blatte aus Rom in gewiß nicht beabsichtigter schiefer Manier in „Talmud und Hellenentum" über den Messias der Menschheit, an den er eingestandenermaßen nicht glaubt und an dem er auch den Künstler zweifeln läßt: „Er müßte in den Felsen selbst gehauen werden, in einen Riesenberg, meinethalben so groß wie die Jungfrau!" Dann gehts noch höher hinauf und dieser Messias soll für die Juden werden: „ein Montblanc der Hoffnung, auf den sich alle Augen dieses durch die Welt verstreuten Volkes vereinigen." Ach Gott, ja, wir können ja auch Hoffnung und Auflichtung brauchen, aber wir schwärmen nicht für das Pyramidale, Gletscherhaste und schneidig Kolossale. Das Judentum hat sich auch an falsche Mefsiasse nicht gehalten, es strebt weiter und es steht höher als alle längst verwitterten Kolosse oh in Aegypten oder in Babylon. Alle wahre Größe ist einfach. Daß aber selbst in unfern Tagen »roch die berufensten Kenner der Plastik, wie z. B. Professor Wilh. Lübke in seiner „Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis ans die Gegenwart" die religiöse Jdealkunst in der Plastik als eine ausschließlich christliche auffaffen und jüdische Bildhauer überhaupt, besonders einen Antokolsky, einen Glicenstein, nicht einmal dem Namen nach kennen — das läßt uns wünschen und hoffen, daß Glicenstein, um diese von christlichen Skrupeln geplagten Kunstkritiker eines Besseren zu belehren, nicht kolossal, aber schlicht seinen Messiasentwurf ausführe und als ein Monument in die Geschichte der Plastik einfüge. Die Hoffnungen des Menschheitsideals, welche der Messiasgedanke so ideal vertritt, trägt der Jude allezeit im Herzen und er betätigt sie lebenslänglich im Schaffen und Wirken, nicht in leeren Phantastereien. Deshalb stimmen wir auch ganz mit Lübke überein, wenn er am Schluffe des genannten Werkes fragt: „Ist es unserer Zei nicht gegeben, den höchsten ewigen Gedanken Ausdruck zu leihen? Ist unsere Zeit so ideenarm oder sind ihre Ideen so widerspenstiger Natur, daß sie sich der plastischen Verklärung entziehen? Gewiß nicht. Wohl aber sehen wir die Völker heut in einem Zustand gewaltigen Ringens, dessen Ziel dahin geht, die fast überall noch lastenden Fesseln vergangener Zeiten, welche eine freie, menschenwürdige Entwickelung hemmen, abzustreifen, aus dem frisch vordringenden Leben die faulenden Reste zu entfernen, die sich für das allein Lebensfähige halten, weil eine verkehrte Staatsräson aus solchen morschen Balken die Stützen des wankenden Staatsgebäudes zu machen beliebt. Diese Kämpfe werden zu Ende geführt werden, und wer zweifelt daran, daß die Völker siegen müssen?" Ein Beispiel des aus tiefster Not aus dem hier geschilderten Druck sich emporringenden und endlich siegenden Idealismus ist auch Henryk Glicenstein, dessen übrige, größtenteils ganz im Geiste der Modernen geschaffene Arbeiten wir in einer kurzen Schlußskizze besprechen werden. Gerade bei eingehender Betrachtung unserer Kunstentwickelung und nicht zum wenigsten in der Bildhauerkunst sehen wir, wieviel von dem idealen „Nimbus des auserwählten Volkes," selbst in den alten Zentren der Kultur schon im Schwinden begriffen ist. Gerade deshalb sollte aber ein angehender Meister, wie Glicenstein, sich diesen Stoffen der Bibel, die doch die idealsten nnd gemütstiefsten sind, wieder mehr zuwenden und nicht mit der verflachenden Allerweltskunst gehen. Die größten Meister seiner Kunst, selbst in unseren Tagen, sind ihm darin vorangegangen. Als Rietschels Vater gestorben war, erzählte dieser Meister in seinen als Vermächtnis für seine Familie ausgeschriebenen „Jugenderinnerungen" : „Der Tod meines Vaters erschütterte mich tief; ich fühlte das Bedürfnis, meinem Schmerze und meiner Sehnsucht künstlerischen Ausdruck zu geben — ich fiel auf das Wiedersehen Josephs mit seinem Vater Jakob, der mit seinen Söhnen nach Aegypten zog." Die Zeichnung dieses Frieses ist eine der schönsten Kompositionen Rietschels. Joseph in reichem Gewände ist vom Wagen gesprungen, dessen Gespann von seinen Dienern gehalten wird. Von dem Anblick des halberblindeten Vaters tief bewegt, eilt er demselben mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. Noch einmal zieht der Schmerz der Jugend durch seine Seele, aber er wird durch die Freude des Wiedersehens verdrängt. Jakob schreitet gebückt einher, die