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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
Seite 175 (sequence 9)
Language
German
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I7b hatte inde ebensowenig Erfolg wie die Verwarnung D. Heinrichs. Der Erzdiakon hörte nicht auf, das Volk zu Gewalttätigkeiten anzufeuern; er wisse, versicherte er in seinen Hetzpredigten, daß der König und die fromme Königin es ganz gern sähen, wenn die Christen über die Juden herfielen, und jeder, der einen Juden erschlüge, ungestraft ausgehen würde. Er hatte es augenscheinlich auf die Vernichtung der Juden und die Zerstörung der blühenden Sevilla'er Gemeinde abgesehen. Da hielt es der König in seiner Gerechtigkeit denn doch für geboten, energisch gegen ihn einznschreiten. Durch Erlaß vom 25. August 1383 eröffnete er ihm, daß, falls er von seiner Verfolgung der Juden nunmehr nicht ablasse, er ihn exemplarisch bestrafen würde; „wenn er ein guter Christ sein wolle, so möge er es in seinem eigenen Hanse sein." (Schlich folgt.) Henryk Glicenstein. Von M. Friedeberg. II. ans dem Studium des Talmuds beruhende Ausbildung, welche Henryk Glicenstein in den Jahren seiner Jugend als einzige geistige Nahrung erhielt, hat seinen Geist frühzeitig für die Aufnahme und Verarbeitung der höchsten Probleme des sittlichen Lebens der Menschheit geschärft und für die Erhebung znm Idealen vorbereitet. Sein ältester römischer Entwurf des „Messias" und die Darstellung des ersten Totschlags in der Welt, seine Kainsgrnppe, zeigen tiefes symbolisches Grübeln und eine erhabene Konzeption. Dabei hält sich der Künstler ganz an den schlichten Wortsinn der Bibel und verschmäht alle erfinderischen Kunstgriffe, ivie z. B. kürzlich ein dänischer Dichter (Helge Rode) in einem neuen Drama „Kain" die These vertritt, daß der erste Tod in die Welt gekommen sei, um eines Weibes willen. Um einer auf der Szene erscheinenden mythischen „Hagar" willen läßt er Kain den Abel erschlagen. Glicenstein liegt all dergleichen sern, er bleibt mit der Pietät seiner Kindheit bei der biblischen Ueberlieferung. „Im prima inorts", „Der erste Tod", nannte der KritikerLevi in Rom auch Glicensteins „Kain", als er die Arbeit zugleich mit dem „Orpheus" kennen lernte. Der „klagende Orpheus" war 1902 in Berlin im Landesausstellungspark ausgestellt. Demnächst sollen in Berlin gute Reproduktionen der zahlreichen Werke Glicensteins erscheinen. Da wir aber gerade voll den uns hier interessierenden Schöpfungen weder „Kain" noch „Messias" hier bisher im Original sehen konnten, so folgen wir den sehr interessanten Mitteilungen eines Kritikers und Künstlers, der den „Kain" Glicensteins in Rom, an Ort und Stelle, studieren konnte. In einem kleinen dunklen Atelier der Villa Strohl-Fern in Nom erblickte der kürzlich verstorbene Josef von Kopf im Jahre 1896 die ersten Arbeiten Henryk Glicensteins. Der Altmeister sah sofort, daß hier ein Genie sich in Armut an unzureichenden Aufgaben verzehre, und eines Tages brachte er dem armen jüdischen Bildhauer die Botschaft, daß ein ungenannter edler Förderer ihm zehntausend Lire zur Verfügung stelle, damit er ungestört au einer ersten großen Gruppe arbeite, und zwar ganz ohne das; der Spender Besitzansprüche erhebt. Josef von Kopf hat in seinen hinterlassenen Erinnerungen ausdrücklich hervorgehvben, daß heute nicht die Herren von Stumm und Krupp, sondern Juden zur Zeit hauptsächlich Mäcene der Kunst sind. Jedenfalls darf jenem anonymen Förderer Glicensteins auch an dieser Stelle die Anerkennung nicht vorenthalten bleiben, daß er ein junges Talent aus der Tiefe des Elends emporgehoben hat. Denn Glicensteins „Kain" erhielt auf der Pariser Jubiläumsausstellung den zweiten Preis. Der Brudermord ist von ihm, wie auch die Inschrift am Sockel „Bist du der Tod?" audeutet, im Ewigkettssinn der Bibel erfaßt worden, lieber einen Felsen ist der gemordete Abel hingesunken, es ist „der Altar Gottes", um dessen Flammender schreckliche Zwist der Brüder entbrannte; leider um der Flamme Gottes willen erschlägt der Mensch den Menschen und wird ihn erschlagen, bis die Stunde der Erlösung kommt, „wo Löwe und Lamm mit einander spielen." Der „Schlafende Messias" war, wie hierzu bemerkt werden muß, der erste römische Entwurf des Künstlers, an ihm hat er fünfundzwanzig Jahre gearbeitet, und all' seil» eigenes Leid und die Schmerzen Israels hineinverwobe». „Kain" und der unausgeführte „Messias" ergänzen sich in der Phantasie des Künstlers. Aber das Opfer des edlen Kunstmäcens rief zuerst den „Kain" ins Leben, doch auch aus den „Messias" haben sich bereits die Augen eines Gönners gerichtet, so daß er jetzt aus dem Entwurf zu entstehen beginnt. Uebrigens ist ja auch die nur zur Förderung der Kunst des Künstlers und seiner Phantasie bestellte Kaingruppe bisher in Gips stecken geblieben und als Gips hat sie zum erstenmale die Augen der Welt, der berufensten Kritiker, auf sich gezogen, lieber den Felsen, den Altarstein, ist Abel herabgesunken, ein lieblicher, herrlicher Jüngling, das Haupt hängt nach unten mit klagenden Lippen, er klagt um den Brudermord am Altar Gottes! Und Kain: „er steht über den Bruder gebückt, erstarrt, mit aufgerissenen Auge», und doch bewegt er mechanisch die Rechte, die eben gemordet, mit dieser Rechten hat er den Arm des Gemordeten ergriffen, er schüttelt ihn, wohl schwach, wohl nur mechanisch und seine Augen fragen: „Ist das der Tod?" Wenn jetzt Glicenstein am Werk ist, auch seinen „Messias" auszuführen, so wird er zu dem schrecklichen Brudermorde die Versöhnung fügen, ganz im Geiste des Buches der Bücher und als die Quintessenz seiner ganzen mit „Lernen" verbrachten Jugend, als den Inbegriff der Sehnsucht aller Leidenden und besonders seiner gedrückten, dem ständigen Brudermorde erliegenden Menschenbrüder nach einem edleren Dasein. Ludwig Beer in Rom, der den Messiasentwurf im Atelier des Künstlers gesehen hat, schreibt: „Es ist etwas Tragisches um ein Gemüt, das eine Hoffnung nicht nur nicht lassen, sondern sie für alle Hoffenden verewigen will, aus der Ueberzeugung, daß diese Hoffnung bestehen muß, daß sie die einziges?) Daseinsberechtigung eines ganzen Volkes ist, daß er, der Bildner, in sich den Berus und den Zwang trägt, aus dieser Hoffnung ein alles überragendes Denkmal zu machen, eine erhabene Bestätigung dessen, was ein ganzes, verstreutes Volk empfindet, hochaufgerichtet, als ein Stein der Hoffnung, auf den sich alle Augen ... vereinigen. Wozu gäbe es noch Inden, wenn sie nicht an der Wiederkunft eines glorreichen Judentums glaubte». Sie. .. halten sich an das Wort, und das Wort sagt, daß Löwe und Lamm versöhnt sein werden, wenn der Messias kommt, alsdann wird es kein Opserfeuer mehr geben, das den Neid und Brudermord heranfbeschwört, es wird nur ein Gott und ein Name sein, Juda wird die Welt und die Menschheit wird Israel sein, alle werden sich lieben und

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