Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 174 (sequence 8)
- Language
- German
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174 nehme Juden, Vertreter verschiedener Gemeinden des Landes dein jungen Könige mit der Vorstellung, daß sich unter ihnen ein „Malsin", ein Verräter und Denunziant befände, den sie als gemeingefährlich einem alten Herkommen zufolge nach ihrem religiösen Gesetze mit dem Tode bestrafen müßten. Zur Ausführung der Exekution erbaten sie sich daher vom Könige die Erlaubnis, oder vielmehr den „Albala"?) den diesbezüglichen Auftrag an den königlichen Häscher. Der König, in dem Glauben, daß es sich um einer: den Aljamas. den jüdischen Gemeinden, Unheil bringenden gewöhnlichen Menschen handele, willfahrte ihrem Begehren, wie es heißt, auf Fürsprache einiger Vertrauenspersonen des Königs, welche durch Geld von den Feinden Pichons gewonnen worden waren. Mit dem Handschreiben des Königs und einem Schreibe:: der Juden, welche an der Spitze der Gemeinden des Königreichs standen, begaben sie sich sodann zu den: Häscher, namens Fernen Martin, der sich bereit erklärte, ohne weiteres den königlichen Auftrag zu vollziehen. An: 21. August 1379 in früher Morgenstunde traten zwei vornehme Juden mit Fernen Martin in das Haus Pichons, sie ließen ihn wecken unter dem Vorwände, daß sie gekommen wären, seine Maulesel zu pfänden. Sobald er an der Tür seines Hauses erschien, wurde er ergriffen und enthauptet. Die Hinrichtung Pichons, dessen Namen dem Könige garnicht genannt worden war, erregte in Burgos ungeheures Aufsehen. Der König war über das Geschehnis selbst, daß man einen so allgemein geachteten Mann wie Pichon, den langjährigen treuen Diener seines Vaters, an seinen: Krönnngstage getötet, ebenso sehr entsetzt, wie über die Art und Weise, wie man den Befehl Zur Hinrichtung von ihm erschlichen hatte. Die Juden, welche das Todesurteil von ihn: erbeten hatten, sowie den mitbeteiligten Rabbiner der Gemeinde Burgos ließ er hinrichten; Fernan Martin, der gleichfalls zun: Tode verurteilt worden war, schenkte er auf Fürbitte einiger Granden zwar das Leben, ließ ihm aber zur Strafe die Hand abhanen. Ganz Kastilien war über die Justifizierung Pichons aufs höchste erbittert. In Sevilla, wo der jüdische Obersteuereinnehmer wegen seines ronzilianten Wesens bei den Christen sehrbeliebt war, fand dadurch der Haß gegen die Juden neue Nahrung; derselbe wurde noch besonders genährt durch einen fanatischen Geistlichen, der die Juden zur Zielscheibe seines Eifers und seiner Gehässigkeit machte. Es war dies Ferrand Martinez, der Erzdiakon von Sevilla. Ferrand oder Fernando Martinez, der erbittertste Feind der Juden, der Vorläufer Vicente Ferrers, wird sonderbarer Weise von den jüdischen Chronisten nie genannt, und doch war er es, der die grausamste Verfolgung der Juden in ganz Spanien heraufbeschworen hat; die Metzeleien und die Zwangstaufen des Jahres 1391 werden von Joseph Jbn Zadek mit Recht nach seinen: fluchwürdigen Namen genannt.-) Ferrand Martinez gehört zu den Menschen, welche ein Ziel unausgesetzt in: Auge haben und es mit Beharrlichkeit und bewunderswerter Hartnäckigkeit verfolgen. Er war, wie der gelehrte Salomon Ha-Levi, nach der Taufe als Kirchenfürst Paul de Burgos oder de Santa Maria genannt, in seinen: „Scrutinium" versichert, „mehr heilig als gelehrt" und stand wegen seiner Frömmigkeit, seines glühenden Eifers und als ) Das in den Nechtsgutachten spanischer Rabbiner häufig vorkommende oder ist das spanische Albala. Joseph Jbn Zadik in seiner betitelten Chronik (ZleälLevo! ^Lvvi'Äi» Oll'om'cles p. 93). Gründer eines Hospitals in Sevilla in hoher Achtung. Sein Fanatismus und sein Judenhaß kannten keine Grenzen. In seinen Predigten, welche er nicht bloß in den Kirchen, sondern auch auf freien Plätzen, oft vor Tausenden von Zuhörern hielt, bildeten die Juden das beständige Thema. Er dichtete ihnen alle möglichen Laster an; bald donnerte er gegen ihren Hochmut und ihren Reichtum, bald gegen ihre Geldgier und ihren geschäftlichen Verkehr. Ohne Unterlaß hetzte er die Bevölkerung Sevillas gegen sie. Zu ihren: Unglück bekleidete er auch noch die einflußreiche Stelle eines Generalvikars des Erzbischofs von Sevilla; als solcher maßte er sich die Gerichtsbarkeit über die in der Diözese wohnhaften Juden an und suchte ihnen, wo er nur konnte, materiellen Schaden zuzufügen. Er ging in seinen: fanatischen Hasse so weit, daß er die Behörden der zu seiner Diözese gehörigen Orte, in. welchen Juden wohnten, aufforderte, sie nicht länger zu dulden und sie zu vertreiben. Die jüdische Gemeinde zu Sevilla, damals die größte und reichste des Königreichs, durch das Auftreten des Erzdiakons ernstlich beunruhigt, wandte sich in: Jahre 1378 an D. Heinrich II. um Schutz. Dem Könige konnten diese Ausschreitungen nicht gleichgültig sein, er hatte durch etwaige Volksausstände und Gewalttätigkeiten gegen die Juden nachteilige Folgen für seine Finanzen zu befürchten. „Die jüdische Gemeinde in Sevilla hat bei uns darüber Klage geführt," heißt es in den: Schreiben des Königs an den Erzdiakon vom 25. August 1378, „daß Ihr fortwährend Schlechtes und Ehrenrühriges gegen die Juden predigt, daß Ihr die Bevölkerung gegen sie aufwiegel' und zu befürchten ist, daß dadurch Nachteile uns, den: Könige und Schaden an Gut und Leben den Juden erwachsen. E< wurde in der Klage hervorgehoben, daß Ihr gegen unse: striktes Verbot Euch unterfanget, die den Juden Anstehenden Rechte aufzuheben, daß Ihr rechtswidrige Urteile in ihren Rechtssachen fället und ohne Grund und Recht Vollstreckungen gegen sie vornehmet, daß Ihr neuerdings, seitdem wir Sevilla verlassen haben, in böswilliger Weise gegen Gesetz und Rech! die Räte der Stadt Alcala de Guadeyra und die andern Städte und Ortschaften des Erzbistums Sevilla unter Au drohung der Exkommunion schriftlich und persönlich aufgeforderi habet, den Juden nicht zu gestatten, unter ihnen zu wohnen oder mit ihnen zu verkehren. Wir sind über Euer Vorgehen nicht wenig erstaunt und befehlen Euch, daß Ihr gegen du Juden, welche unter unserer Botmäßigkeit stehen, für die Folg ohne von uns beauftragt zu sein, nichts unternehmet, daß Jh' die Bevölkerung nicht gegen sie aufreizet und Prozesse, welch Juden betreffen, nicht entscheidet." Den Juden wurde di direkte Weisung, auf Vorladung des Erzdiakons nicht zu er scheinen und sich seinem Urteilsspruch nicht zu unterwerfen Dieser königliche Erlaß wurde allen Beamten Sevillas sowi der anderen Städte und Ortschaften des Erzbistums zur Punkt lichen Darnachhaltung mit dem besonderen Aufträge zugesteM daß sie die Juden überall schützen und verteidigen. Der königliche Erlaß machte auf den fanatischen Erzdiako; nicht den geringsten Eindruck; er setzte seine aufwiegelnde; Predigten fort und maßte sich nach wie vor die Gerichtsbarkeit über die Juden an, sodaß sich die jüdische Gemeinde Sevilb vier Jahre später gezwungen sah, sich unter Hinzufügung der sie schützenden erzbischöflichen und königlichen Privilegien nw einer neuen Beschwerde an den König zu wenden. Die strenge Rüge, welche ihn: D. Juan I. daraufhin au: 3. März erteilte