Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 172 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1-2 Aus dem Elsaß. März 1903. ein Vierteljahr hat es gedauert, bis ein Bericht über die Generalversammlung des elsaß-lothringischen Nabbinerverbandes vom 3. Dezember v. I. seinen Weg in die deutschen jüdischen Blätter gefunden hat (vergl. Nr. 8!). Wenn nun gar daselbst zu lesen ist, die Versammlung habe die Veröffentlichung der Verhandlungen beschlossen, so könnte ich fast geneigt sein, meine in der gleichen Nummer des vorigeil Jahrgangs ausgesprochene Vermutung, daß unsere Behörden nicht immer zu wissen scheinen, ivozu jüdische Zeitungen da sind, etwas zu verallgemeinern! Nun gut, der Bericht ist da; und wollen Eingeweihte auch wissen, daß sein Erscheinen beschleunigt worden sei durch einen Artikel über den Zionismus im Elsaß, in welchem die Existenz des Rabbinerverbandes in jener etwas unzarten Weise in Frage gestellt wird, bei der man es schon verstehen kann, wenn der Verbandsausschuß vielleicht auf eine Entgegnung verzichtet, so schadet das auch nichts, wenn er nur jetzt in unserem Lande gelesen wird. Denn dann kann er wenigstens etwas dazu beitragen, daß das Mißtrauen allmählich beseitigt werde, das dem Rabbinerverband entgegengebracht wird, und das vorläufig das größte Hindernis für eine erfolgreiche Tätigkeit desselben ist. Die Bevölkerung, soweit sie Kenntnis von seinem Dasein hat, ist vielfach der Ansicht, er bezwecke zur Erhöhung der knapp bemessenen Rabbinergehälter die Einführung der Kirchensteuer, die natürlich keine Gegenliebe findet, übrigens auch von der Mehrzahl der Rabbiner nicht gewünscht oder doch als aussichtslos bezeichnet wird. Den Konsistorien erscheint der Verband außerdem als eine Folge der Bewegung zugunsten eines Oberkonsistoriums und einer andern Zusammensetzung der Bezirkskonsistorien, bei der auch einige Landrabbiner in diese Körperschaften eintreten sollen. Dementsprechend verweigerte auch das Straßburger Konsistorium als Zeichen seines wohlwollenden Entgegenkommens dem Verband seinen Sitzungssaal. Die Rabbiner hätten nur znm „Lernen" zusammenzukommen, äußerte sich vor kurzem eine maßgebende Persönlichkeit; es ist somit noch nicht als ein Beweis dafür anzusehen, daß jene Gesinnung nach der offiziellen Anmeldung sich geändert hat, wenn demnächst dieser Saal den Rabbinern — nicht dem Verband — geöffnet wird zu einem talmudischen Vortrag deS Herrn Rabbiner Schül e r-Bollweiler, und zu diesem auch der Oberrabbiner von Straßburg, der sich gleich den andern Oberrabbinern dem Verband nicht angeschlossen hat, sein Erscheinen zugesagt hat. Sollen daher die wirklichen Ziele des Vereines bekannt werden, so ist die Veröffentlichung seiner Verhandlungen das einfachste Mittel. Daß sie dann, wie jüdische Zeitungen überhaupt, auch gelesen werden, dafür müßten die Rabbiner sorgen, aus dem Lande und in den Städten. Man versuche es doch einmal, Lesezirkel zu gründen, da für Literaturvereine der Boden zu selten geeignet ist. Auf der Tagesordnung der letzten Generalversammlung standen also, wie die Welt nunmehr erfährt, Vorschläge zur Hebung des Religionsunterrichts. Der Verband hat sich damit gleich eine wichtige, aber schwere Aufgabe gestellt, deren Lösung noch Jahre in Anspruch nehmen wird, falls sie über» Haupt befriedigend gelöst werden kann, solange es kleine Landgemeinden giebt. — Um hier gleich einem Irrtum vorzubeugen, in den der Leser des Berichts leicht verfallen könnte: der Religionsunterricht liegt keineswegs in den Händen der Kantoren, sondern wir haben auch eine beträchtliche Anzahl israelitischer Elementarschulen, die von Lehrern aus den staatlichen Seminarien geleitet werden. An diesen wird ganz wie in den christlichen Schulen biblische Geschichte und Katechismus gelehrt und wie alle Elementarfächer vom Kreisschulinspektor inspiziert. Nicht obligatorisch ist hingegen der unter der Aufsicht des zuständigen Rabbiners stehende hebräische Unterricht, der im Anschluß an die Schulstunden gegen besondere Bezahlung erteilt wird, an dem aber trotzdem mit verschwindend seltenen Ausnahmen alle Kinder teilnehmen. Was wir aber nach dieser Richtung hin doch fordern müssen, ist — mehr jüdisches Wissen der Lehrer. Denn, mögen sie in den andern Fächern noch so tüchtig sein, wir haben unter ihnen eine stattliche Anzahl, die selbst keinen, berechtigten Anforderungen genügenden Religionsunterricht genossen haben. Es wird mir unvergeßlich bleiben, wie einer dieser Herren mir gegenüber sich seiner Kenntnis der Geschichte der deutschen Juden rühmte, die er sogar samt und sonders auf seine Schüler übertragen habe, und sich schließlich herausstellte, daß diese sämtlichen Kenntnisse aus dem — Briefe eines ihm befreundeten Primaners stammten! Daß derartiges möglich ist, ist wahrlich nicht die Schuld der Lehrer — wir haben aber mit diesen Tatsachen zu rechnen. Soll nun etwa wirklich der Rabbiner den hebräischen Unterricht an diesen Schulen übernehmen? So sehr dies auch im Interesse der Jugend wäre, so ist dies einfach deshalb unmöglich, weil dadurch die wichtigsten und notwendigen Nebeneinnahmen unserer schlecht besoldeten Lehrer gefährdet würden. Und was soll in den Gemeinden geschehen, in denen kein Rabbiner ist? Erreicht würde nur ein gespanntes Verhältnis zwischen Rabbiner und Lehrer, bei dem die Bevölkerung auf Seiten der „unterdrückten" Lehrer stände. Nein, das Interesse unserer Jugenderzieher für jüdisches Wissen muß geweckt werden, und zwar glaube ich, daß ein bekanntes Universalmittel auch in diesem Falle gute Dienste leisten würde, ein Verein der Religionslehrer, der um so Ersprießlicheres leisten könnte, als die materiellen Interessen in den allgemeinen Verbänden, denen unsere jüdischen Lehrer gleichfalls angehören, wahrgenommen werden. Letzterer Umstand erklärt es vielleicht zum Teil, weshalb Elsaß-Lothringen meines Wissens das einzige Land in Deutschland ist, in dem ein derartiger Verband noch nicht existiert. Diesem Verein sollten auch die Rabbiner angehören, die Religionsunterricht erteilen. Diese, sowie die älteren noch besser vorgebildeten Lehrer und die wenigen, die jüdische Lehrerbildungsanstalten besucht haben, könnten dann leicht anregend wirken und die Notwendigkeit weiterer Privater Studien darlegen. Nebenbei sei noch auf einen anderen Mangel in diesen Schulen hingewiesen: die überall vorhandenen Schulbibliotheken enthalten keine jüdischen Werke, sondern nur allgemeine Jugendschriften. Viel schlimmer sieht es aber in den Gemeinden aus, die keine israelitische Elementarschule besitzen. Die Kinder besuchen da die christlichen Schulen, wohnen sogar oft, allerdings ohne daran teilzunehmen, dem christlichen Religionsunterricht bei,