Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Leistungsfähigkeit herabgedrückt würde, um so höher müßten die Milliolienzisfern der Frachteinnahmen für die Meeresbeherrscher Balliu und seine Kohnsorten anschwellen. Diese aufblühende und sich ausblähende moderne Hansa suhlt sicher das Selbstbewußtsein in sich, die Versicherung der deutschen Zukunst gegen alle Gefahren auch für den Fall zu übernehmen, daß die deutschen Bauern durch eine Wirtschaftspolitik nach Jud' Ballins Wünschen ebenso weit zu Grunde gerichtet und ihre Aecker in Jagdgründe verwandelt würden, wie es die englischen schon lange sind." Der Artikel spricht dam: noch von der „Wasserzukunftsschwärmerei" der Regierung und schließt, wer nicht in die Parole „Fort mit diesen Wünschen Ballins" einstimme, der sei ein „Wasserzukunftsmann" und Feind der deutschen Bauern. Es genügt wohl, die Tonart, in der sich die „loyalen Stützen des Thrones" gefallen, wieder einmal gekennzeichnet zu haben. Einen interessanten Artikel veröffentlichte in voriger Woche die „Kölnische Bolkszeitung" unter dem Titel: „Bursche heraus!", indem sie über die jüdischen Studenten folgendermaßen sich ausspricht: „Es wird, namentlich in der freisinnigen Presse, des öfteren darauf hingewiesen, daß die Juden hervorragend talentiert zur höheren Geistesbildung seien, und tatsächlich ist der Prozentsatz der Juden in den höheren Berufen ein auffallend hoher. Die erstere Behauptung ist eine stark übertriebene. Seit langen Jahren habe ich Gelegenheit gehabt, Hunderte von jüdischen Mitbürgern mit höherer Schulbildung kennen zu lernen; mit einer großen Anzahl jüdischer Assessoren, Rechtsanwälte und Aerzte. von denen ja die Mitglieder der beiden letzten Berufe nicht selten im Publikum besonderes Ansehen als Kapazitäten genießen, habe ich in näheren, teilweise freundschaftlichen Beziehungen gestanden, so daß ich mir ein begründetes Urteil habe bilden können: die Juden übertreffen nun die Christen all geistigen Fähigkeiten in keiner Weise, wohl aber beschämen sie dieselben häufig durch Strebsamkeit, beständigen Fleiß und eine zähe Ausdauer im Kampf ums Dasein, und darin liegt zum großen Teil das Geheimnis ihre vielen, insbesondere materiellen Erfolge. Der Jude, mag er noch so gering begütert sein, geht von vornherein darauf aus. seinen Kindern, vor allem seinen Söhnen, die allerbeste Ausbildung zu teil werden zu lassen, koste es. was es wolle. Sehr oft begnügt er sich nicht mit der Ausbildung seiner Kinder auf den höheren Schulen; er versucht ernst* lich, alle ihre Talente zu wecken und läßt ihnen musikalische, rhetorische Ausbildung, Unterricht im Zeichnen, Malen u. s. w., durch Künstler zu teil werden. Frühzeitig bringt „der Weihnachtsmann" (!) den Heranwachsenden Gymnasiasten die Klassiker; den Studenten werden die besten allgemein wissenschaftlichen, literarischen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Werke angeschafft. Ich habe es oft erlebt, daß jüdische Referendare von ihren durchaus nicht mit Glücksgütern gesegneten Eltern sämtliche 40 und mehr Bände der Entscheidungen des Reichsgerichtes, wie auch andere vielbändige Entscheidungssammlungen und Zeitschriften, umfassende juristische Werke sür Hunderte von Mark geschenkt bekamen, die sie alle nach und nach mit eisernem Fleiße durcharbeiteten. Die größten Entbehrungen, die die Eltern mit ihrer ganzen Familie sich der Ausbildung der Söhne willen auferlegen mußten, schreckten sie nicht zurück. Dazu kommt, daß bei den Juden die Opferfreudigst sür ihre studierenden Glaubensgenossen regelmäßig eine mustergiltige ist; die reichen Juden schießen Tausende zu den Kosten zu, verschiedentlich habe ich es beobachtet, daß wenig vermögende jüdische Anwälte abwechselnd miteinander jüdische Studenten der Rechtswissenschaft während der langen Vorbereitungsjahre bis zu ihrer Niederlassung als Anwalt und der reichen Heirat vollständig unterstützten. Sollen wir Katholiken nun hinter der Zähigkeit und Opserfreudigkeit unserer jüdischen Mitbürger zurückstehen? Niemals!" Der Artikel enthält neben manchem Falscheil auch viel Wahres. Aber die Hauptsache ist für uns die Mahnung, diesen Bildungstrieb unserer Jugend nicht zu unterdrücken, wie dies jetzt mit Rücksicht auf die Zeitverhältniffe so oft versucht wird. Der österreichische Minister für Kultus und Unterricht Dr. Ritter v. Härtel beantwortete in dieser Woche die Interpellation der antisemitischen Abgeordneten Dr. Pattcn und Genossen, betreffend die Zuweisung eines Preises von 2000 Kronen aus der Bauernfeld-Stiftung an den Literaten Arthur Schnitzler in folgender Weise: Die Interpellanten scheinen von der Voraussetzung auszugehen, daß ich als Unterrichtsminister Mitglied des betreffenden Kuratoriums, und als solcher für die Beschlüsse desselben verantwortlich sei. Dem gegenüber beehre ich mich zu konstatieren, daß ich nicht etwa als Unterrichtsminister in das Kuratorium dieser Stiftung berufen wurde, sondern auf Grund des Stistungsbrieses vom 13. Januar 1894 demselben angehöre. Obwohl ich mich demnach verpflichtet suhle, sür meine Handlungen als Privatmann Rechenschaft zu geben, so stehe ich doch nicht an, zuzugestehen, daß unter meiner Teilnahme Gerechte und Sünder, Christen und Juden, Ausländer und Inländer durch Ehrengaben und Preise ausgezeichnet wurden, indem nach dem Wortlaut und dem Geiste des Stistsbriefes hierbei nicht der Tansschein, sondern literarische Leistungen maßgebend waren. Allerdings wäre es dem Kuratorium leichter, seine undankbare Aufgabe zu erfüllen, wenn einzig und allein oder vorwiegend der Taufschein oder die Stammesangehörigkeit seine Entscheidungen bestimmen könnte. Gegen den Vorwurf aber, Literaten mißliebigen Ursprungs vor Anderen zu begünstigen, kann das Kuratorium die Tatsache schützen, daß den fünf in der Interpellation namhaft gemachten Dichtern 19 christlicher Konfession mit dem Betrage von mehr als 30000 Kronen gegenübergestellt werden können. Je schwieriger es ist, in Sachen der Kunst unfehlbar zn urteilen, desto dankbarer werde ich sein, aus Künstler aufmerksam gemacht zu werden, deren Werke einen unbestreitbaren Vorzug vor anderen verdienen. Parteipolitische Rücksichten aber, welcher Art immer, wird die Kommission von sich fernhalten müssen, wenn sie im Sinne des Stifters weiter wirken soll. Es war nicht anders zu erwarten, und die Herren haben die Abfuhr, die ihnen zu Teil geworden, mehr als redlich verdient. «. Das Manifest des Zaren über die Einführung von Reformen in Rußland hat vielleicht doch auch für die dortigen Juden ein gewisses Interesse, als es die Befestigung der religiösen Toleranz im Reiche versügt. Bis jetzt begegneten die russischen Inden auf dem Gebiete der freien Verrichtung des Gottesdienstes großen Hindernissen. Fast alle Gesuche der jüdischen Gemeinden im Innern Rußlands um Erlaubnis zum Bau von Bethäusern werden nicht nur von den lokalen Behörden, sondern sogar vom Ministerium des Innern zurückgewiejen. Die jüdische Gemeinde von Tjumen in Sibirien bemüht sich seit sieben Jahren vergebens, die Genehmigung zur Errichtung einer Synagoge zu erreichen. Sogar alljährlich während der hohen jüdischen Feiertage werden in Rußland unzählige Juden dem Strafgericht überantwortet, weil sie es wagen, ohne behördliche Zustimmung einen „Minjan" znm ausschließlichen Zweck der Abhaltung von Gottesdiensten zu veranstalten. Wer weiß es endlich nicht, daß in Moskau die mit Genehmigung der Behörde erbaute Synagoge seit beinahe zehn Jahren geschlossen dasteht, ohne daß es den Inden gelingen konnte, die Zustimmung der hohen Obrigkeit zur Oeffnung des Gotteshauses zu erwirken. Hoffentlich wird es dem Manifest des Zaren gelingen, diese Nebel abzuschaffen und den Juden in Rußland die freie Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen.