Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228543--59660-3296191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
170 zur Beleuchtung. Ach, Israel hat es in der "Schultz der Leiden gelernt, die Licht und Weihe spendende Olive Adonajs zu sein! Nicht selten ist es, das; eigenes Leid rauh und unbarmherzig, hart und stumpf gegen fremde Not macht; anders aber bei Israel. Es liegt das Bitterkraut auf dem Sedertisch, — der Jude denkt da an das eigene Leid und wird weich und milde gestimmt und sogleich fordert er die Hungrigen auf, an seinem Tische zu essen und die Dürftigen, an seiner Feier teilzunehmen. Das ist der Schluß, den Israel aus seiner Lebensrechnung gezogen, weil es selber gehungert, nicht andere hungern zu lassen, und Armen die Pforten des Mitleids zu öffnen, weil diese ihm so häufig verschlossen wurden. Möchten sie doch kommen und solches richtig erwägen, die noch immer nicht die Menschenliebe als echte Blüte des Judentums anerkennen wollen! Möchten sie überhaupt alle Gesetze lesen, die sich an die ägyptische Knechtschaft anlehnen; müßten sie nicht alle, falls sie vorurteilsfrei urteilen können, ihren Irrtum eingestehen, wenn sie den Satz lesen: „Den Aegypter schätze nicht gering, du warst ja ein Fremdling in seinem Lande!" Inzwischen mögen wir uns die Sprache der Festsymbole ja genau merken und aus ihnen die drei Grundwahrheiten unserer Lehre heraushören: den Glauben an Gott als den Vater aller Menschen; den Glauben an die Sendung Israels als Lehrer und Priester der Menschheit und den Glauben an die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen, die sich in Liebe und Gerechtigkeit zusammenschließen sollen. Wenn uns das Passahfest in der Sprache seiner Symbole diese drei Wahrheiten von neuem einschärft, so wird unser Blick gelenkt auf jene große Zeit der Zukunft, wo für die gesamte Menschheit das große Passahmahl anbrechen, wo der Geist der Liebe und Gerechtigkeit alle Menschen erfüllen und allen der Nus der Freiheit erschallen wird. Einen leisen Hauch von diesem Wehen des Gottesfriedens auf Erden, von diesem ewigen Völkerfrühling verspüren wir an unserm heiligen Feste alljährlich und diesmal insbesondere, wo an einem und demselben Tage die verschiedenen Bekenntnisse ihr Frühlingsfest feiern. Möchte die Stimmung dieser Festzeit nachhalten und einem jeden die Botschaft tief ins Herz schreiben: Zum Lieben ist der Mensch da, nicht zum Hassen! Dann bricht gar schnell das Zuknnftspassah an und alle preisen in einmütigem Chore Gott, den Weltenlenker als den, der erlöset „aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Kummer zur Freude, aus dem Dunkel zum Licht." Me Woche. s Berlin, 7. April, diesen Tagen war wieder viel davon die Rede, daß das Protektorat über die orientalische Christenheit von Frankreich auf Deutschland übergehen solle. Die Sache hat, wie man sich denken kann, auch für uns ein naheliegendes Interesse. Aber die offiziöse süddeutsche Reichskorrespondenz bezeichnet die Nachricht jetzt als „blinden Lärm" und bemerkt dazu: „Die ganze Geschichte ist erfunden, und zwar recht ungeschickt. Der Vatikan wäre, selbst wenn er die ihm angedichtete Absicht hätte, kaum imstande, das religiöse Protektorat im Orient durch einen einseitigen Akt von Frankreich auf Deutschland zu übertragen, und wenn er es könnte, würde er es nicht tun. Aber auch ^werrn es in der Hand der Kurie läge, das religiöse Protektorat der französischen Republik ohne weiteres zu entziehen und es dem deutschen Reiche anzubieten, so würden — und das M die Hauptsache — der Kaiser und seine Ratgebtzr ein solches Angebot zurückweisen. Wir treiben im Orient keine Prestigepolitik, wir erheben dort auch in religiösen und kirchlichen Dingen keine universelle, nur nationale Ansprüche, das heißt wir üben das aus der Souveränetät des Deutschen Reiches fließende Recht aus, dessen Angehörige, Katholiken, wie Evangelischeoder Israeliten, zu schützen, wo immer dies tatsächlich und völkerrechtlich angängig ist. Damit hat man sich auch in Frankreich abgesunden. Man weiß dort, daß neben der von Deutschland, Italien und Rußland ausgenommenen nationalen Schutzpolitik im Orient noch genug Raum bleibt für die Wahrnehmung alter französischer Gerechtsame und Überlieferungen. Frankreichs religiöse Schntzherrschaft in Fragen, wo kein nationales Interesse mitspricht, zu bestreiten oder gar an uns zu reißen und aus Motiven der Eitelkeit, des Machtkitzels, des Prestiges die Sorge für religiöse und kirchliche Angelegenheiten anderer Völker im Orient zu übernehmen, ist der deutschen Politik niemals eingefallen/ Auf Grund dieser Anschauungen wurde der „Hilfsverein der deutschen Juden" vor einem Jahre begründet, und man darf hoffen, daß seine Tätigkeit die Förderung der deutschen Reichsregierung im Orient und andern Ländern finden wird. Kaiser Wilhelm II. hat, wie jeder politisch versierte Deutsche weiß, das Wort geprägt: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser". Das muß man sich vor Augen halten, wenn man die neueste Leistung des Organs „Bund der Landwirte" recht bewerten will, das von der gleichnamigen Vereinigung in Hunderttausenden von Exemplaren allwöchentlich in ganz Deutschland verbreitet wird. Wenn der Bund seine Generalversammlung abhält, betont er stets in ostentativer Weise seine Königstreue und stellt sich als die einzige Stütze der Hohenzollernmonarchie hin, mit dem größten Aplomb Produziert er sich vor versammeltem Volke im Mantel der Loyalität „bis auf die Knochen". Das hindert ihn nicht, bald im Stillen, bald öffentlich gegen die Krone zu Hetzen, wenn sie sich erlaubt, Wege zu gehen, die den Herren vom Bunde nicht gefallen. Dafür von Zeit zu Zeit Beweise festzulegen, ist nicht ganz unzweckmäßig. Das oben genannte Bundesorgan also bringt in seiner neuesten Nummer unter der Überschrift „Herr Ballin wünscht", einen Artikel, dessen Tonart wohl zu beachten ist. Er beginnt folgendermaßen: „Der orientalisch schlaue und betriebsame Direktor der Hamburg- Amerika-Packetfahrt hat kürzlich den „Wunsch" ausgesprochen, daß zu den kommenden Handelsvertrags-Verhandlungen auch Vertreter der Schifffahrt mit beratender Stimme von unserer Regierung zugezogen werden sollen. Ein solcher „Wunsch" von einer im Zeichen des Wasserkur! ns so einflußreichen Stelle wird volle Berücksichtigung finden. Wahrscheinlich wird Herr Ballin selber oder ein ihm geeignet erscheinender Vertreter nicht nur bei allen Verhandlungen mit überseeischen Staaten mit raten, sondern sogar das Steuerruder für Bestimmung des dabei einzuschlagenden Kurses in die Hand bekommen": Und dann heißt es weiter (wir zitieren wörtlich) im „Bund der Landwirte": „Wenn unsere Zukunft nun einmal ganz auf dem Wasser Liegen soll, dann muß dem orientalischen Geldmann und seinen internationalen Großhandelsgenossen widersinnig erscheinen, gesetzliche Maßnahmen zum Schutze der allerdings vielen Hunderttausenden deutschen Bauern Erwerbsquelle bietenden Viehzucht zu treffen, wenn dadurch die Ein. nahmen der unser angebliches Zukunftsgebiet, das Weltmeer, beherrschenden großen Schifffahrtsgesellschaften um viele Millionen geschmälert werden. Je mehr die deutsche Viehzucht durch Seucheneinschleppung und erleichterte billige Auslandskonkurrenz in ihrer