Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 15. Allgemeine Berlin, 10. April 1903 eitung -es Au-enchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! > AbonnementS-PreiS: Durch Buchhandel, I I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I I unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M-1 IRedaeterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Nabdiner Ar Ludwig Philippson-Lonn Verlags-GrpeLition: Lerlin, Äerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition find an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I 8^V., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moste, Berlin. > Inhalt. Leitartikel! Die Symbole des Passahfeftes. — Die Woche. — AuS dem Elsaß. — Ein spanischer Hetzdiakon. Von Dr. M. Kayserling. I. — Henryk Micenslein. Von M. Friedeberg. II. — Feuilleton: Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von Carola Buchheim. II. — Aus dem Lande der Knechtschaft. Von Samuel Gordon. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. IV. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, AuS der Provinz Posen, Bremen, Hannover, Bochum, Köln, München. — Von Nah und Fern. Die Symbole -es Passahfeftes. Berlin. 8. April. Judentum ist nicht die starre Gesetzesreligion, als die man es so gern hinstellt, indem man bei seiner Beur- ^2^ teilung der einfachen Begriffe von Mittel und Zweck, von Form und Inhalt, Kern und Schale mit einander verwechselt. Es wird gewiß keiner in Abrede stellen wollen, daß ihm die Idee allein nicht genügt, daß er den Gedanken auch in ein angemessenes Gewand zu kleiden sucht, das ist aber schließlich nicht beim Bekenntnis Israels allein zu finden. Keine Religion kann der Formen, der sogenannten Zeremonien entraten, sollen ihre Wahrheiten auch zu Keimen des Lebens werden, sollen sie nicht zwischen Himmel und Erde schweben, ohne aus das Menschenherz einznwirken. Solange die Seele der leiblichen Hülle bedarf, wird der Geist der Religion auf einen Körper nicht verzichten können. Wer dies vorurteilslos erwägt, der wird unser Judentum gewiß freundlicher beurteilen, und gibt er sich schließlich auch Mühe, sich in Sen Gehalt der Formen zu versenken, so findet er gar bald den Gedanken, der durch sie dargestellt werden soll. Kein einsichtiger Bekenner unseres Glaubens wird die Form für das Wesen, die Schale für den Kern nehmen, vielmehr irr den religiösen Satzungen nur die sinnfällige Darstellung wichtiger Ideen sehen. So wird er ganz gewiß die Symbole des Passahfestes auf ihren inneren sittlichen Gehalt ,u prüfen versuchen. Nicht umsonst mahnt in der alten Festrzählung ein Gesetzeslehrer: „Wer sich über die drei wesentichsten Symbole des Passahfeftes nicht ausspricht, ihren Sinn Uso nicht zu deuten sucht, der hat seiner Pflicht nicht genügt." Zu den vier Fragen, die da nach der überkommenen Sitte beim Eingänge des Festes im innigen trauten Familienkreise aus dem Munde des jüngsten Teilnehmers der Tischgesellschaft vernommen werden, läßt sich gar leicht noch eine fünfte hinzufügen. Passah feiern wir, das Fest der Befreiung und Erlösung von den Bänden der Knechtschaft und^ Sklaverei, Passah, weil mit dem ersten Lenzeswehen dem mizraitischen Israel auch ein neuer Lebensfrühling anbrach. Wenn aber sich in unserer Geschichte jenes Gesetz der Natur zu wiederholen scheint, daß der Tag wieder der Nacht und dem Herbste der Sommer weichen müsse, ist es wohl recht, ein Ereignis zu feiern, das längst überholt ist, sich zu freuen, daß der Posaunenruf derFreiheit einstmals denen ertönte, die dann immer bis heute das „Lämmlein" waren, das man hetzte, verfolgte und verwundete? Wer diese Frage aufwirst, dem geben des Festes wichtigste Symbole, richtig begriffen und verstanden, die gehörige Antwort. Nicht die körperliche Freiheit war das Ziel, um dessentwillen Israel auS Mizraim geführt wurde, sie war nur das Mittel zur geistigen Besreiung, die Vorbedingung für seine Erwählung und Heilssendung an die Menschheit. Wo Sklavenketten den Körper drücken und das Joch den Nacken beugt, da kann das Gemütsleben nicht reifen und sich der Geist nicht entfalten, da müssen verkümmern alle edlen Triebe und Fähigkeiten, und Verhallen die Stimmen des Herzens und der Vernunft. Als Vorstufe zur sinaitischen Offenbarung erhielt jene Befreiung bleibenden, ewigen Wert, aus sie wies daher die Stimme des Herrn auch hin, als er am Sinai der Menschheit seinen Willen bekundete. In jener Nacht, da unsere Altvorderen zum erftenmale das Passahlamm opferten, sanken in den Staub alle Götzen Aegyptens, und wurde die Idee von einem welterlösenden Gotte, der Himmel und Erde geschaffen, in die Welt gesetzt, die seitdem ein Hoffnungsanker für alle Bedrückten und Verfolgten war. Und die Mazzah, ein Bild kann sie sein für unsere Sendung auf Erden. Häufig genug kann man es mit einem gewissen wissenschaftlichen Anstrich vortragen hören: Israel trage das Kainszeichen der Verdammnis au seiner Stirn, es müsse wandern von Ort zu Ort, von Land zu Land, uustät und flüchtig nmherirren; spreche nicht das schon gegen es? Und wie viele mag es in unfern Reihen geben, die ähnlich denken! Da rust denn die Mazzah, das reine, ungegorene Brot uns zu: Israel ist niemals dazu bestimmt gewesen, Reiche zu gründen oder zu zerstören, weltumstürzende, die Menschheit in Wallung und Gärung versetzende Werke zu vollbringen. Nicht um als Nation nach politischer Macht oder nach Weltherrschaft zu streben, nicht um den Glauben mit Feuer und Schwert zu verbreiten, ist es erlöst worden; der Staat, den es besessen, ging zu gründe, auf daß Israel inmitten der Völker lerne und lehre. Das ist Israels Aufgabe. Unsere Bekennerschar wird von den Alten der Olive verglichen, die da gepreßt werden muß, damit sie das Oel spende