Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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67, r-hrgm,,. «r. >4, GrMriUdrblItr. s°rw, 3. April 1903 Weirage zur „Akkgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 29. März. Die heutige Repräsentantenversammlung wurde vom Vorsitzenden Herrn Löwenberg mit einem warmen Nachruf auf den jüngst verstorbenen Justizrat Meyer eröffnet; im Anschluß daran verlas er das von der Wittwe eingegaugene Dankschreiben für die von den Gemeindebehörden veranstaltete Trauerfeier und teilte mit, daß Frau Justizrat Meyer der Armenkounnission der jüdischen Gemeinde 3000 Mark hat überweisen lassen. — An Stelle der beurlaubten Kommerzienrat Friedländer und Professor Landau sind die Herren Stellvertreter Bodenstein und IManuel Sachs einberufen worden und nehmen an der heutigen Sitzung bereits teil. Gemäß einem Schreiben des Gemeindevorstandes ist die von den Repräsentanten gewünschte Aufnahme des Englischen in den Schulplan der jüdischen Mädchenschule abgelehnt worden. — Eine Zuwendung der Frau Justizrat Apolant in Höhe voll 25000 Mark zur Begründung einer Justizrat Eugen Apolant- Stiftung wird debattelos angenommen; die Zinsen sind zur Unterstützung von Juristen jüdischen Glaubens bestimmt worden. Debattelose Annahme erfahren ferner ein Legat des Herrn Leonhard Simion in Höhe von 1000 Mark an die Armenkommission, eine Zuwendung der Frau Ferdinand Reichenheim in Höhe von 7500 Mark an die Präparandenanstalt und endlich die Schenkung des Herrn Max Mecklenburg, welcher zur Erinnerung an den Tag seiner Silberhochzeit für die Zöglinge des zweiten Waisenhauses in Pankow eine Kegelbahn hat errichten lassen. — Der Gemeinde- Zuschuß an die Waisenkommission wird für das Etatsjahr 1903—04 von 43000 Mark aus 48000 Mark erhöht. Mit der Subvention von 2300 Mark (bisher 2000 Mark) an den Religionsverein Moabit erklärt sich die Versammlung einverstanden, ebenso mit der Gewährung von 300 Mark an den Fortbildungsverein Montefiore. Der 4300 Mark betragende Erlös aus dem Abbruch der Häuser Kaiserstrabe 29—30 lvird dem Baufonds für den Neubau der Mädchenschule überwiesen. Es folgen alsdann einige Neubildungen von Verwaltungskommissionen. Es kommt bei diesen Vorlagen zu einigen unliebsamen Auseinandersetzungen zwischen der linken und rechten Seite. Die Rechte steht auf dem sonderbaren Standpunkte, daß der Gemeindevorstand die Wahl von konservativen Gemeindemitgliedern in die Verwaltungskommissionen systematisch zu hindern suchte, und ergeht sich in Klagen darüber, daß, obwohl die Konservativen mit großer Majorität aus der letzten Wahlurne hervorgegangen seien, noch immer in überwiegender Zahl in den Kommissionen die Liberalen vertreten seien. Der in der heutigen Sitzung von Herrn Berlin zitierte Fall, nach welchem eine strenggläubige Hospitalitin in der Altersversorgungsanstalt gezwungen worden sein sollte, am Sabbat sich den Ofen zu Heizen, und infolge ihrer Weigerung an zwei oder drei Sabbaten im ungeheizten Zimmer sich aufhalten mußte, ist zwar sehr bedauerlich, trifft jedoch die Verwaltungskommission oder den Vorstand durchaus nicht. Wer unsere Humanitären Institutionen kennt, weiß ganz genau, daß der Beschwerdeweg bis zum Vorstande ein gar weiter und schwieriger ist, welchen die Wohltatenempsänger aus Rücksicht auf die eigene Person nur im äußersten Notfälle beschreiten. Die meisten Vorkommnisse werden im direkten Verkehr mit dem unteren Hauspersonal erledigt, das, wie wir zugeben müssen, nicht immer sehr glücklich ausgewählt ist oder aber der scharfen und sorgsamen Überwachung seitens des ihnen Vorgesetzten Inspektors ermangelt. Ist in dem genannten Falle die Beschwerde bis zum Inspektor gedrungen und hat dieser nicht die sofortige Abstellung der durchaus berechtigten Klage veranlaßt, so verdient er mindestens eine scharfe Rüge, wenn nicht gar die Entfernung aus seinem Amte, welche bei der heutigen Diskussion die Herren Geheimrat Blumenthal und Loewenberg dringend forderten. Geheimrat Blumen thal ging wohl zu weit, als er diesen Fall als so unerhört bezeichnet?, wie er seit den Zeiten der Inquisition nicht vorgekommen sei. Vom Vorstandstisch erwiderte Herr Jacoby, daß gegen den Willen der Kommission in die Verwaltung kein Mitglied hineingewählt würde; er bezeichnete die Verwaltung der Altersversorgungsanstalten als eine der besten und warnte dringend davor, einen Keil in die Verwaltung hineinzutreiben, der Gemeindevorftand für etwaige Konsequenzen alsdann nicht die Verantwortung übernehmen zu können glaube. Die Erledigung der Beschwerde sei durch den Vorstand der Anstalt herbeigesührt und der Wiederholung einer solchen Klage vorgebeugt worden. Den Kern der konservativen Erbitterung bildete der Beschluß des Vorstandes, die Zahl der Mitglieder der Verwaltungskommission, welche bisher aus 12 Mitgliedern bestand und in welcher jetzt zwei Vakanzen eiugetreten sind, bei 10 Mitgliedern zu belassen. Herr Man heim er trat dafür ein, daß die Zahl von zehn Mitgliedern vollständig genügend sei, und riet in sehr erregten Worten, keine Verwirrung in die Verwaltung zu bringen durch Fragen, deren Erledigung ohne jede Schwierigkeit herbeigeführt werden könnte. Die Konservativen sahen den Beschluß des Gemeindevorstandes, die Anzahl der Mitglieder der Kommission herabzusetzen, als gegen sie gerichtet an und konnten bei der Zusammensetzung der Versammlung natürlich unschwer die Ablehnung des Beschlusses herbeiführen. Die Wahlen zum Kuratorium des zweiten Waisenhauses, die bereits einmal der Vertagung verfallen sind, gelangten auch heute nicht zum Schluffe. Die von der Versammlung gewünschte Vermehrung des Kuratoriums — es sollten, wie erinnerlich, drei Mitglieder hinzugewählt werden, welche auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen — hat weder die Zustimmung des Gemeindevorstandes noch die des Kuratoriums gesunden. Herr Sanitätsrat Dr. Stern gab die Erklärung ab, daß von den beiden abgeordneten Repräsentanten Syndikus Dr. Minden sein Mandat zurückgeben wolle, um den Konservativen die Möglichkeit zu schaffen, ein Mitglied ihrer Richtung in das Waisenhaus wählen zu können. Nachdem Dr. Minden die Deutung der Mandatsniederlegung als richtig bestätigt, erklären Professor Baginsky wie Geheimrat Blumen thal diesen Grnnd nicht als durchschlagend ansehen zu können und beantragen die Wiederwahl Mindens. Geheimrat Blumen thal bezeichnet die Weigerung Mindens nicht als Konnivenz gegen die Konservativen, sondern als Konnivenz gegen den Eigensinn des Kuratoriums, welches sich gegen die gewünschte Erhöhung der Zahl seiner Mitglieder sperre. In der Abstimmung, welche auf Antrag Baginsky durch Zettelwahl erfolgt, wird mit 11 Stimmen Dr. Minden gewählt, gegen 6 Stimmen, welche auf Herrn Isidor Sachs entfielen. Dr. Minden hält trotzdem seine Weigerung aufrecht und Herr Isidor Sachs erklärt, eine etwa auf ihn fallende Wahl nicht anzunehmen. Deshalb erklärt sich die Versammlung mit der Vertagung der Vorlage schließlich einverstanden. — An Stelle von Geheimrat Blumenthal, welcher seinen Sitz niedergelegt hat, wird für die Bibliothekkommission Professor Blaschke einstimmig gewählt; die übrigen ausscheidenden Mitglieder der Kommission und des wissenschaftlichen Beirats werden sämtlich wiedergewählt. Auch für das Hospital wird die Wiederwahl der Kommission genehmigt. In die Schutzkommission wird Herr- Heinrich Eisner als Vorsitzender gewählt, die Herren Dr. Georg Boas und Professor Landau neugewählt, für die Mitglieder, deren Amtsdauer erledigt ist, Wiederwahl angenommen. Außerdem wünscht der Ausschuß die Erhöhung der Zahl der Mitglieder von 4 auf 8 und schlägt hierzu die Herren Geheimrat Rathenau. Geh. Kommerzienrat Goldberger, Kommerzienrat Emil Jacob und James Simon vor. Für die Kommission für die festgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten ist die Wiederwahl beantragt worden. Herr Löwenberg macht hierbei geltend, daß sich unter den Funktionären mehrere unwürdige Elemente befunden hätten. Herr Martin Simon erwidert, daß der Gemeindevorstand aus einen bereits im Ausschuß von Herrn Löwen berg gestellten Antrag hin verfügt habe, daß die Ausschreibungen der Vakanzen bereits jetzt erfolgen sollen, um hierdurch genügend Zeit für die Recherchen über die sich Meldenden zu gewinnen. Herr Löwenberg erklärt sich hiermit nicht zufrieden und