Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- Seite 165 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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16S Henryk Glicenstein ist geboren in dem kleinen polnischen Städtchen Turek im Gouvernement Kalisch. Er besuchte ein Lheder vom fünften bis zum siebzehnten Jahre. Wenn man hinter 17 ein Ausrufungszeichen macht, wie ein angesehener Kritiker (Ludwig Beer in Rom), dem wir die ersten biographischen Mitteilungen über den Künstler verdanken, und von dieser ausgiebigen talmudischen Erziehung des Künstlers, noch mehr aber von dem „Aberglauben" seiner Umgebung ein hier und da fast abschreckendes Bild entwirft, so mag manches öaran allerdings als Hemmnis für die zartbesaitete Künstlerieele gewirkt haben. Aber dieser Kampf ist malt, die Feindschaft zwischen den Philistern und dem genialen Simsonkämpser, der endlich die hemmenden Fesseln abwirft, findet sich von jeher überall. Und ist es denn nicht für dieses so unsäglich arme, u ungeheuerer Ueberzahl zusammengepferchte polnische Judentum äußerst ehrenvoll, das; sich dort schon Gönner fände», frühzeitig fanden, welche mit allen Kräften auf das aufstrebende Talent aufmerksam machten, es tatkräftig unterstützten und auch für feinen Unterhalt auf der Akademie in München orgten. Ehre darum auch dem Manne, der mit gründlicher und ansprechender Kritik zuerst für Glicenstein in der größer« Oeffentlichkeit eingetreten ist, Ehre aber auch der Wahrheit! Der Talmud hat, wie ja auch Ludwig Beer schließlich zugibt, oem Künstler nichts geschadet. Auch über Glicensteins äußeren Lebensgang hören wir zum ersten Male in dem allgemein begeistert aufgenommenen Aufsatze „Talmud und Hellenentum" 'irriges: Zunächst interessieren in den; Werdegang eines begabten Künstlers uns sein Vater und seine Mutter. Der Vater var ein frommer Talmudist, er heiratete mit 17 Jahren, der iunge Ehemann widmete sich im Hause seines Schwiegervaters ganz seiner weiteren wissenschaftlichen Ausbildung im jüdischen Wissen, — eine Sitte, die jetzt auch im jüdisch-polnischen Rayon bereits abkommt, ohne daß dadurch die Juden dort tüchtiger und besser geworden sind. Im Hause seiner mütterlichen Großltern wurde Henryk Glicenstein als der zweite Sohn und Voräufer von sieben anderen Geschwistern geboren. Als er zwei gahre alt, zog die Familie aus das Land. Wohin und wes- >alb wird uns nicht gesagt, aber wir sehen hier überall jenes uns allen wohlbekannte „Jichns" obwalten, das bei uns die Aristokratie des Geistes selbst aus dem größten Elend herausjebt. Die Mutter Glicensteins nahm ihr kleines Kapital und röffnete in einem Dorfe einen kleinen Handel. Der Vater tudierte rastlos weiter in den heiligen Büchern. Der betende Vater Glicensteins — er lebt noch in seinem kleinen Turek — -st einer der stärksten Eindrücke des jungen Künstlers, von dem ein Biograph mit Recht sagt: Bei ihm ist „die Liebe der Natur eine religiöse, sie ist mit Religion durchtränkt." In der tiefsten Pietät für den Vater ist der Künstler festgewurzelt, und weil er sonach ganz zu uns gehört, sei aus dem hübschen Kulturbilde aus Polnisch-Turek, das L. Beer in der Nation" entwirft, auch hier noch etwas von dem tiefen Gemüt dieses Vaters erzählt. Er bestahl den Kram seiner Frau, die mit Lebensmitteln handelte, um die dort furchtbare Not leidenden Armen zu beschenken, er stahl in seinem eigenen Hause von dem Holzvorrat und trug ihn mit dem kleinen Henryk zu den Armen. Dabei wurden Vater und Sohn von der Polizei als Diebe verhaftet, bis es herauskam, daß ihnen das Holz gehörte und sie sich selber bestahlen, um deu Armen Zu helfen. Aber die Familie verlor eines Tages ihr bischen Vermögen und zog nach Turek zurück. Der Vater Glicensteins unterrichtete jetzt als Melammed fremde Knaben von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends, der Sohn lernte natürlich mit. Aber ihm wurde von dem Vater schon um fünf Uhr morgens noch besonderer Unterricht zu teil, der erst nach Mitternacht zu Ende ging. Geschadet hat auch das dein Künstler nichts. Verdankt er doch selbst einen Teil seiner Kunstfertigkeit dem Vater. Denn auch der Vater war künstlerisch begabt, er schnitzte. Er schnitzte aus Papier allerhand Pflanzen, er schnitzte in Schiefer Petschafte und in Holz Verzierungen an Gesetzesrollen, sowie an der Misrach-Seite des Almemors. Alle diese traulichen Erinnerungen aus unseren religiösen Gebräuchen vertiefen frühzeitig das Gemütsleben des begabten Kindes. Vater und Sohn malen gemeinsam eine Karte des heiligen Landes, sie umgeben sie mit den Zeichen des Tierkreises und hoffen, dereinst gemeinsam die Stätten der biblischen Erzählung aufsuchen zu können. Es war ein Traum. Mit siebzehn Jahren mußte Henryk nach Lodz in die Lehre, er kam zuerst zu einem Schirmfabrikanten. Dann wurde er Schildermaler. Der „Besitzer einer Talmudschule" (wie Beer es nennt, eS ist wohl ein Bethhamidrasch gemeint) nimmt sich des Knaben an, man macht die polnischen Zeitungen auf ihn aufmerksam, und der Judenknabe schnitzt vor den Augen der Redakteure aus einem kleinen Stück Schiefer eine Gruppe an einem Tisch, darunter einen Dominospieler, eine Frau mit dem Kinde an der Brust, einen Marin mit einem Trinkglase. Nun kommt Glicenstein auf die Gewerbeschule und dann auf die Akademie nach München. Auch Berlin hat Anteil an der Entwickelung des Künstlers, denn der Berliner Michael Beer-Preis für jüdische Maler und Bildhauer gibt ihm zweimal die Mittel, nach Italien zu reisen und zuerst einen acht Monate dauernden, dann ständigen Aufenthalt in Rom zu nehmen, wo sein Genius sich jetzt immer herrlicher zu entfalten beginnt. UMM Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von Carola Buchheim. 1. ^ieh' da, Jaiphas, Du wagst Dich auch hinaus?" „Ja, warum denn nicht? Warum sollte denn gerade ich nicht hier sein?" „Warum Du nicht? Ja, ja, ja, das ist doch ein köstlicher Spaß," hohnlachte der riesige Metzger, „was suchst Du hier . ..?" „Was Ihr alle sucht," lautete die brummig gegebene Antwort des Gehöhnten. „Wir alle und Du, krüppelhafter Zwerg, das ist noch ganz was anderes," und dabei reckte sich der Spötter in seiner ganzen riesenhaften Größe. „Ja," mengte sich ein anderer aus der Menge ein, „ja, wir haben wohl einen Grund, hier zu stehen und für uns soll auch etwas nach dem langen Warten blühen . . ." „Für Dich! für Dich!" stürmte es da von alleil Seiten ans den erschreckt Zurückfahrenden ein, „für Dich, der Tu zu Hause ohnehin ein paar Weiber und einen Sack voll.Kinder hast, denen Du kaum das hungrige Maul stopfen kannst . . ."