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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-03 · Heft 14 (3.4.1903) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
Seite 164 (sequence 10)
Language
German
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164 achtzig Jahren erst recht ein dornenvoller. Wenngleich Munk schon als Student für einen Buchhändler die aristophanischen Komödien mit solcher Musterhaftigkeit übersetzte, daß hier wirklich das lateinische Sprüchwort „sx nnAue leonem" zutraf, und wenngleich ihn der Rektor des evangelischen Gymnasiums seiner Heimatstadt, das er besucht hatte, Klopsch, der schon früh auf die vielverheißenden Anlagen des Knaben aufmerksam geworden war, auf jede Weise materiell zu fördern suchte, gelang es Munk, ungeachtet eines glänzenden Doktor- und Staatsexamens, doch nicht, eine Staatsstellung zu erlangen. Zunächst war er einige Jahre als Hauslehrer, dann als Lehrer an der Wilhelmsschule, der jüdischen Realschule in Breslau, tätig. Als aber diese im Jahre 1848 aufgelöst wurde, erhielt er zwar ein kleines Wartegeld, mit den: er zur Disposition gestellt wurde, außerdem seitens der einzelnen Kultusminister, die aufeinander während eines Dezenniums in Preußen folgten, sowohl seitens des konservativen Herrn von Ladenburg wie des „liberalen" Ministers der neuen Aera, Herrn von Vethmann-Hollweg, die schönsten Versprechungen, weiter aber auch nichts. Endlich riß ihm der Geduldsfaden. Nachdem er zehn Jahre lang unter seinem vorurteilslosen Gönner Klopsch mit Genehmigung des königlichen Provinzialschulkollegiums als „freiwilliger Hülfsarbeiter" mit vorzüglichem Pädagogischen Erfolge gelehrt, und nach dem Tode des Direktors sogar den klassischen Unterricht in Prima erteilt hatte, ohne deswegen der Anstellung auch nur um einen Schritt näher gerückt zu sein, nahm er voll berechtigten Unmuts 187)8 seinen Abschied und zog sich in das Privatleben zurück, sich von nun ab ausschließlich seiner oben skizzierten schriftstellerischen und Vortragstätigkeit widmend. Er starb, nachdem er kurz vor seinem Tode eine noch heute sehr lesenswerte Abhandlung „über den Wert der klassischen Bildung" verfaßt hatte, am 3. Mai 1871. Von ihm gilt dasselbe, was der Biograph von Salomon Munk sagt: „Mnnk war eine anziehende und verehrungswürdige Persönlichkeit. Sein Geist war durch ein tiefes und ausgebreitetes Wissen erleuchtet, sein Gedächtnis schnell und sicher, sein Urteil von einschneidendem Scharfsinn, dabei war sein Wesen milde, ohne Verbitterung gegen die Schläge des Schicksals, wie gegen das Vaterland, das ihn zurückstieß, alle Härte und Strenge seiner Natur nur gegen sich selbst wendend, gegen andere freundlich, fürwahr ein echter Israelit, in dem kein Falsch ist." Henryk Glicenstein. Von M. Friedeberg. I. s ist eigentlich beschämend, daß man in Deutschland und namentlich in unseren Kreisen erst neuerdings den Namen dieses in Rvm lebenden jüdischen Künstlers häufiger Hort, dessen „Klagender Orpheus" in Bronze auf der großen Berliner Kunstausstellung bei Kennern viel Anerkennung fand. Aber was ist unter etwa 2000 Kunstwerken eine einzelne, wenn auch genial geschaffene Gestalt? Es fehlte in Deutschland bisher gänzlich an einem Totaleindrnck und Gesamtbilde dieses Künstlers, der vielleicht zu bescheiden, sicher aber bisher zu arm war. um eine Gesamtausstellung zu veranstalten und dabei Pauken und Trompeten des Kuusthandels und der europäischen Kunstkritik allenthalben für sich ertönen zu lassen. Lange Zeit kannten ihn nur seine Landsleute und seine Gönner. Diese Bescheidenheit ist mit eines der Kennzeichen des echten Genies, das H. Glicenstein unzweifelhaft ist. Ein schmerzlich tiefes Gemüt, der grübelnde Tiessinn, der sich z. B. in seiner Schöpfung des „Messias" noch dazu mit den Problemen seines Stammes und seiner Glaubensbrüder beschäftigt, verhinderten ferner, daß dieser Künstler schnell in eigentlichem Sinne populär wurde. Der Plastiker hat zwei Wege, um groß und bekannt zu werden. Die meisten wählen den ersten, rascher zum Zielt führenden Weg, sie modellieren die Großen der Erde, deren Bildsäulen fast überreich jetzt auf allen Plätzen und Wegen des Erdballs der modernen Anbetung und Neugier Hingestell> werden, denn wahre Ehrfurcht verirrt sich nicht gar zu häufig an diese Standplätze. Weshalb denn auch unsere Weisen mit Recht darauf hingewiesen haben, daß Israel in Standbildern keinen wahren Nachruhm sieht, sondern in dem Gedenken an die edlen Werke der Väter. Glicenstein ist solch ein echter Künstler und ein echter Jude, wie sein „Kain" und sein „Messias" zeigen. Er geht den zweiten Weg zur Größe, den dornenvollen Weg zu den tiefen, in der keuschen Kunst der Plastik Ausdruck suchenden Problemen. Und dieser Weg führt langsam auch zur Höhe des Ruhmes hinauf. Aber dieser Weg weist weiter als der Tagesruhm der dekorativen Bildhauerei, welche die Marktplätze des vorüberhuschenden modernen Lebens schmückt, es schwebt über dem Haupte des in der ewigen Stadt schaffenden noch jungen Künstlers mitunter der Schatten eines unsterblichen Genius wie der des Michel Angelo. Man wird sicherlich fortan den Namen Glicenstein noch oft hören. Sicher wird auch ihm einmal die Bewunderung zu teil werden, die mau jetzt allenthalben dem dahingeschiedenen Antokvlsky weiht, der ein aus demselben armen Erdenwinkel stammender jüdischer Bildhauer von Gottes Gnaden war und fast noch später als Glicenstein, eigentlich erst zwei Jahrzehnte vor seinem Tode, allgemein in der Welt bekannt wurde. Es sollte gerade seitens der Juden mehr geschehen^ um durch Reproduktionen die Werke solcher Künstler bekannt zu machen. Antokvlsky^s „Jermak", „Nestor", „Iwan der Schreckliche" u. s. w. liegen unserm Empfinden fern, der Künstler war gezwungen, um überhaupt emporzukommen, ganz wo anders Wurzel zu fassen und sich zuerst an den heimischen offiziellen Bahnen emporzuranken, und auch dort hat er Großes geleistet. Aber als er frei ward und sich selbst angehören konnte, kehrte er bald zu unseren ureigenen Bahnen, Stegen und Wegen zurück, schuf seinen herrlichen „Spinoza", den wir auch in Berlin auf der internationalen Jubiläumsausstellung bewundert haben, und seine erschütternden Maranneu, die beider heimlichen Feier des Pessachfestes von den Häschern der Inquisition überrascht werden. Was ist heute Spanien und wo das Ansehen seiner einst allmächtigen Inquisition? Aber der Geist deS Judentums lebt. Und so wollen wir uns auch des lebenden jüdischen Künstlers heute freuen, der in der ewigen Roma strebend und schaffend der Menschheit zu zeigen beginnt, was man aus einem kleinen Polnischen Judennest, aus bitterster Armut für eine Welt von Schönheit und hohen Idealen sich aufbauen und entwickeln kann, — wenn man ein so eminent künstlerisch begabter Jude rst, ein Jude mit der tiefen Gedankenwelt der Väter, aber auch mit ihrer Zähigkeit im bittersten Lebenskampf, der leider so oft (und nicht etwa nur im Ghetto des Ostens) die äußerst zarten Blüten der Kunst zertritt.

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