Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nissim Effendi Gibrs, der ichon eine sehr wichtige Stellung im Ministerium der Zivilliste nne hat, ist zum Zeremonienmeister des eigens sür die Fremden estimmten Pavillons im Mdiz-Kiosk ernannt worden. Sicherlich in Beweis großen Vertrauens! Denn Sie wissen vielleicht, der vielleicht auch nicht, daß dieser Pavillon der Moschee Hamidich gegenüberliegt, in der der Sultair jeden Freitag 'einen Gottesdienst verrichtet. An diesem Tage findet auch militärische Parade statt, in deren Verlauf der Sultan eine lange lllee durchschreitet, in der Regimenter aller Waffengattungen nfgestellt sind. Me Fremden von Rang, die sich vorübergehend a Konstantinopel aufhalten, genießen in diesem Pavillon die Gastfreundlichkeit des Sultans. Man wird zugeben müssen saß dieses Amt viele Schwierigkeiten in sich birgt, insofern als acht nur viel Takt dazu gehört, die Fremden zu empfangen, als auch der Zeremonienmeister die Fähigkeit besitzen muß, siejenigen Elemente fernzuhalten, die etwa Uebles gegen den Zultan im Schilde führen könnten. Diesen Vertrauensposten, sagt das kaiserliche Dekret, versankt Nissim Effendi seiner hervorragenden Sprachgewandtheit md seinem Wohlverhalten gegen den Thron. Es sei noch sinzugesügt, daß der Sultan ihm den Medjidje-Orden zweiter klaffe verliehen hat. * * » „El Tiempo" <Die Zeit) die in Konstantinopel erscheint, ^eilt folgende Nachricht ihren Lesern mit: „Die sehr reiche Familie Sasson aus Bombay, bestehend ms der Witwe Sarah, ihren zwei Töchtern und einem Sohne, st soeben von London her in Konstantinopel angelangt. Mährend der ersten Tage ihres hiesigen Aufenthalts hat die Familie Sasson in das Hotel Pera Palace, in dem sie ab- .estiegen ist, koscheres Essen von einem benachbarten jüdischen Restaurant kommen lassen. Späterhin sind die Köche und der Zchochet der Familie angekommen. Gestern Abend waren die Zassons zum englischen Gesandten eingeladen. Sie befinden ich auf einer Pilgerreise nach Jerusalem, von wo sie nach Zombah zurückkehren werden." Zum Schluß möchte ich noch der Meldung türkischer Rätter Erwähnung tun, daß unter den 57 Schülern, welche neses Jahr ihre Studien an der medizinischen Militärschule eendet haben, vier Inden gewesen sind, die mit dem Range inesHauptlnanns (Kapitäns) zumHeeresdienstzugelassen wurden. Eduard Munk. Von Dr. S. Carpin. Name Munk ist mit goldenen Lettern in die Ehrentafel des Judentums eingetragen. Unter den Trägern dieses Namens nennen wir nur die beiden noch in unserer Mitte weilenden Brüder, die namhaften Physiologen Hermann und Immanuel, von denen der erstgenannte als Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hierselbst, der letztere an der hiesigen Universität als ordentlicher Honorarprofessor seine Lehramtstätigkeit ausübt und bekanntlich als Nachfolger für den Lehrstuhl Du Boy-Reymonds in Aussicht genommen war, was jedoch an einer Kleinigkeit, nämlich am — Judentum des Auserkorenen scheiterte. Wie dieses aus Posen stammende Brüderpaar die naturwissenschaftliche Erkenntnis in Theorie und Praxis sehr wesentlich bereicherte, so hat vor mehr als 100 Jahren ein Glogauer Vetternpaar auf dem Gebiete der Sprach- und reinen Geisteswissenschasten Hervorragendes geleistet: der berühmte Orientalist SalomonMunk, der Sohn eines armen, aber talmudisch gebildeten Synagogendieners, und der ebenfalls aus recht bescheidenen Verhältnissen, wenngleich sein Vater Kaufmann war, hervorgegangene klassische Philologe Eduard Munk. Beide haben in demselben Jahre und mit einer Differenz von vier Monaten auch an dein gleichen Tage das Licht der Welt erblickt, Salomon Munk am 14. März 1803, Eduard Munk am 14. Januar. Während also die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages bei ersterem noch bevorsteht, ist sie bei letzterem bereits vorüber. Aber angesichts der Tatsache, daß unseres Wissens keine Zeitung von Bedeutung an diesem Tage die Verdienste von Eduard Munk gewürdigt hat, halten wir den Versuch für angebracht, noch nachträglich in einem post lestum Gedenktagartikel der Bedeutung dieses ebenso bescheidenen und selbstlosen, wie in gewisser Hinsicht bahnbrechenden Gelehrten gerecht zu werden. Daß das Epitheton „bahnbrechend" für die Gelehrtentätigkeit Munks nicht etwa überschwänglich, sondern durchaus angemessen gewählt ist, beweist die lange Reihe seiner Schriften, von denen naturgemäß einzelne nur sür Fachgenossen verständlich sind, die überwiegende Mehrzahl aber auch sür das gebildete Laienpublikum Interesse hat. Hierher zählen wir seine „Griechische Literaturgeschichte" und seine „Römische Literaturgeschichte", ferner seine Abhandlung über die Reihenfolge der „Schriften Platos" und seine Ausgabe der „Satiren und Episteln des Horaz" in vorzüglicher deutscher Uebersetzung, mit entsprechenden Anmerkungen versehen. Zu der ersten Kategorie gehört, abgesehen von seiner Dissertationsschrift: „De I,ueii?on>poiiii Lreoni'-usi ^tellrmorum poota." (1826), die in ihrer Erweiterung (1840) die geschichtliche Entwickelung der römischen Volkslustspiele auf breitester Grundlage behandelte und alle auf diesem Gebiete einschlägigen Fragen endgültig zum Abschluß brachte, namentlich seine groß angelegte und vom feinsten Verständnis sür dieses so überaus diffizile Gebiet Zeugnis ablegende „Metrik der Griechen »nd Römer", 1834. Wie seine Literaturgeschichten, wurde auch seine Metrik, ans deren Grundlage ein Menschenalter später Roßbach und Westphal ihr Monumentalwerk ausbauten, in fast sämtliche lebende Sprachen übertragen, ein Beweis nicht bloß für die wissenschaftliche Gründlichkeit der Werke, sondern auch für die vorzügliche, volkstümliche Darstellungsart, eine überaus glückliche Gabe, die auch in Eduard Munks öffentlichen Vorträgen zur vollsten Entfaltung gelangte. Sonst führte er ein stilles, zurückgezogenes Gelehrtenleben. Selbstverständlich wurde ihm als Juden, der mit unerschütterlicher Zähigkeit trotz aller glänzenden Anerbietungen a» seinem Glauben festhielt, die Existenz nicht leicht gemacht. Da er von Hause aus, wie bereits erwähnt, unbemittelt war, mußte er sich als Student ist Breslau, Berlin und Halle wacker quälen. Ist der von ihm aus begeisterter Zuneigung zum klassischen Altertum gewählte Beruf auch heute im zwanzigsten Jahrhundert für Juden kein besonders aussichtsreicher, so war er naturgemäß damals vor