Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- Seite 162 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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162 zu interessieren. Geldgeschenke für die zionistische Kasse, oder wie man es nennt, für den Nationalfonds, für den Schekel, den zionistischen Stempel, sind in dem kleinsten bulgarischen Orte zu einer ich möchte fast sagen: albernen Mode geworden. Aus den Rechenschaftslisten des offiziellen bulgarischen Zionistenblattes, des „Haschosar", das in Philippopel erscheint, kann mau ersehen, welche „hochwichtigen" Ereignisse den Anlaß geben, dieser Kasse Spenden zufließen zu lassen; so werden Gaben übersandt gelegentlich eines Tanzfestes, weil einer seine Mandoline stimmen gelernt hat, weil fein Freund gut gesungen hat, weil jemand an den Schipkamanövern teilgenommen hat rc. rc. aä iutiintum. Das ist aber noch nicht alles. Jede dieser Gemeinden gibt Theatervorstellungen zu gunsten der zionistischen Kasse. Letzte Woche war die Reihe an Philippopel, wo eine musikalische Soiree unter Mitwirkung des „Israelitischen Chors" stattfand. Doch ich will nicht vergessen, auch ein gutes Moment für die bulgarischen Zionisten anzuführen. Das Komitee von Philippopel hatte auf seinem letzten Kongreß im September beschlossen, eine Unterstützungssumme von 400 Francs zur Ausbildung eines jüdischen Lehrers auf einer jerusalemischen Schule auszuschreiben. In dem öffentlichen Wettbewerb ging eilt junges Mädchen, Fräulein Suhula Abdallah, als Siegerin hervor; sie reiste sofort nach der heiligen Stadt ab. Bei jeder Partei ist das Uebermaß von Uebel, geschweige beim Zionismus. Hätten diese Herren sich damit begnügt, dem Zionismus in der Synagoge oder auf ihren Ballfesten Zuwendungen zu machen, so hätte das sicherlich nicht den Groll des bulgarischen Suzeräns, der Hohen Pforte, geweckt. Aber wenn sie öffentliche Aufzüge veranstalteten, um den Jahrestag des Zionismus feierlich unter freiem Himmel zu begehen, etwa wie die Sozialisten ihren ersten Mai, so brauchten sie sich nachher nicht zu wundern, wenn die türkischen Konsuln diese Demonstrationen als beleidigend für ihr Land empfanden. Jetzt hat die türkische Regierung Verdacht?geschöpft. Und nicht zufrieden damit, die Pforten Palästinas und Syriens (Khaiffa, Jaffa, Beyruth) verschlossen zu haben, hat sie noch besondere Maßregeln gegen die bulgarischen Juden ergriffen. Ein Redakteur der jüdischen Zeitung „La Verdat»", die in Sofia erscheint, hat daraufhin bei dem ottomanischen Konsul Erkundigungen über den Inhalt der türkischen Verfügungen eingezogen und folgendes in Erfahrung gebracht: „Da viele bulgarische Juden, die sich nach Anatolien begeben hatten, um dort Ackerbau zu treiben, pekuniären Schiffbruch erlitten haben und der türkischen Regierung zur Last gefallen sind, so hat man nachstehende Verfügungen erlassen: 1. Jeder israelitische Kaufmann bulgarischer Nationalität, der beabsichtigt, in Geschäftsangelegenheiten nach der Türkei zu reisen, muß sich vorher erst, begleitet von zwei Bürgen, zu dem türkischen Konsul seines Wohnorts begeben; dort müssen sich die beiden letzteren verpflichten, ein-, zwei- oder dreitausend Franks Geldstrafe zu bezahlen, falls der Verreisende nicht innerhalb einer ^bestimmten Frist nach ein, zwei oder drei Monaten zurückgekehrt ist. 2. Will eine jüdische Bulgarin einen in der Türkei wohnenden Mann heiraten, so muß auch sie dieselbe Bürgschaft leisten. Die Bürgen werden erst dann von ihrer Verpflichtung befreit, wenn das Mädchen dem türkischen Konsulat eine Erklärung zusendet, die von dem Großrabbiner des Ortes an dem sie heiratet, unterzeichnet ist. 3. Bis auf Weiteres ist es den türkischeil Konsuln verboten, ihr Visa auf die Pässe israelitischer Bulgaren zu setze,, die sich in der Türkei niederzulassen gedenken. Die serbischen Juden. Aus den jüdischen Statistiken, die von Zeit zu Zeit e - scheinen, weiß man wohl, daß Serbien mehr als 5000 Jsra - liten beherbergt, aber über ihr dortiges Leben und Wirken hat man bis jetzt wenig erfahren. Nun ist es einem bulgarischen Blatte gelungen, sich einen Korrespondenten in Serbien : , verschaffen, der darüber Auskunft giebt. In einem sein r letzten Briefe, der von dem Vorsteher der Gemeinde in Ni h unterzeichnet ist, schreibt er, daß ein ernster Zwischenfall d e Gemüter unserer Glaubensgenossen aufgeregt hat. Ein junger Israelit aus Nieh veröffentlichte in einem serbischen Blat e einen Artikel, der von Beleidigungen und Verdächtigung,. gegen die Juden dieser Stadt strotzte. Der Artikel ist g - zeichnet „Juda Jscharioth". Die jüdische Presse des Orient - hielt mit ihrer Verachtung für den anonymen Feigling nickt hinterm Berge. Er ist schon genügend durch das Pseudonym gekennzeichnet, unter dem der Artikel erschienen ist. Die bosnischen Juden. Bosnien! Abermals ein kleines Land, das kaum 6000 Jude, (genau 5845) aufweist. Im Jahre 1901 erschien in Sarajevo, dem Hauptsitz der Statthalterschaft, ein Jahr hindurch ein Zeitung in jüdisch-spanischer Sprache: „La Alborada", die uiimehr oder welliger über die Lage der bosnischen Jude , informierte. Seit dem Verschwinden dieses Blattes ist die La, e dieser israelitischen Gruppe ein wenig in Dunkel gehüllt. Die letzten Nachrichten lassen erkennen, daß die zionistiscke Propaganda, die von einem Delegierten des Philippopele r Zentralkomitees in Sarajewo und anderen serbischen Or schäften betrieben wird, auf fruchtbaren Boden gefallen ist un? gute Erfolge gezeitigt hat. In Sarajewo hat der israelitisck: Musikverein „La Lyra" vor einigen Tagen eine musikalisclliterarische Soiree mit anschließendem Tanz zum Besten de - zionistischen Fonds veranstaltet. Daran anschließend möch . ich hier noch die Namen der Städte angeben, die Beiträec zur zionistischen Kasse gespendet haben, nämlich Vichigra Travnik, Zinitsa, Vissaka, Haytsa, Zitcha, Kissayak, Biclin, Dervent, Mostar (Herzegovina). Würde man dadurch nult die Namen der Städte erfahre», in denen jüdische Gemeinden existieren, so wäre es nicht der Mühe wert, sie aus diese > Grunde namhaft zu machen. Die syrischen Juden. Die syrischen Juden, deren Sprache, wie allgemein bekann: arabisch ist, besitzen nicht wie ihre ägyptischen Brüder ei, e Zeitung in ihrer Sprache. Daher kennt man und weiß man nichts von ihnen, die Außenwelt erfährt nichts über sie, es s i denn, daß eine Katastrophe über sie hereinbräche, wie d bekannte Affäre des Pater Thomas in Damaskus. Eine Korrespondenz aus Beyrut, die eben eingetroffen n, teilt mit, daß sich daselbst eine zionistische Gesellschaft unt r der Aegide eines zionistischen Streiters, eines gewissen Herr i Schub, desselben, der früher zum Vorstand der palästinensische > Landesausstellung gehörte — gebildet hat, die den seltsamen Namen führen wird: „Nes-Ha-Libanon" (Wunder des Libanon Das Komitee besteht aus den Herren Schub, zwei dort ansässigen bulgarischen Juden, Mr. Dana, einem reichen Beyruthec Bankier, u. a.