Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- Seite 161 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das fragliche Werk, das c nen Mr.'RiPP zum Verfasser hat, ist vor einigen Wochen in London erschienen und enthält eine Anzahl von geschichtlichen i ud gerichtlichen Dokumenten, die dem Leser eine Einsicht verschaffen in das soziale und Geschäftsleben der Juden, die , oischen den Jahren 1220 und 1284 in England gelebt haben, folgende daraus entnommene Notizen dürften auch für i anche Leser dieser Blätter von einigem Interesse sein. Während der besagten Zeitperiode waren die Juden in « ngland unter besonderem Schutze der damals regierenden ' önige, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil sie ihnen i Pekuniären Angelegenheiten höchst nützliche Dienste leisteten. Jahre 1241 tagte ein jüdisches Parlament in der Stadt " wrcester, wohin die Juden Englands ihre Delegierten geschickt > Uten, um die jährliche Judensteuer für den König zu regussren und festzusetzeu. In ihrem geschäftlichen Verkehr! dienten sich die Juden legaler Dokumente, die unter dem amen „Starr" (hebräisch 1LL') bekannt waren, und zwar , ns dem Grunde wohl, weil ihr Inhalt meist ans hebräischen Wörtern und Phrasen bestand, obschon lateinische Inschriften i h darin zuweilen vvrfanden. Der Chief-Rabbi hatte in der egel Sitz und Stimme unter den allgemeinen Staatsrichtern, > enn ein Jude in einen Gerichtsfall verwickelt war. Die ersten Spuren des Antisemitismus zeigten sich in ngland im Jahre 1144, und zwar geschah dies in der Stadt? orwich, wo die Juden emes Ritualmordes zum ersten Mal t schuldigt wurden. Solche unbegründete Beschuldigungen riederholten sich in folgenden Zeitperioden, die von manchen Würdenträgern der Kirche heimlich in Szene gesetzt wurden, b-ner der letzteren — Boniface de Savorie, Erzbischof von banterbury — veranlaßte den König Heinrich von England i n Jahre 1244, die Juden in ein Ghetto zu sperren. Ein anderer Erzbischof, Peckham mit Namen, bewirkte im Jahre > 82, daß alle Synagogen geschlossen wurden, mit Ausnahme rner einzigen, die aber in eine Kirche umgewandelt wurde, > o die Juden den kirchlichen Gottesdienst und die Missionsedigten anhören mußten. Besondere Aufseher wurden labet angestellt, deren Aufgabe eS war, die Juden zu i "hindern, ihre Ohren mit Watte zu verstopfen, da sie sonst t e über sie gehaltenen Schmähredeu nicht deutlich genug l ren würden.— Das laufende Heft der „«lswisli tzumtvil^ Ueviovv" enthält i ater andern lesenswerten Artikeln auch einen Teil der ersten orlesungen, die Dr. Steinschneider in der Beitel Heine vhraim'schen Lehranstalt in den Jahren 1859—97 gehalten > >t. In der Einleitung bemerkt der Verfasser, daß diese orlesungen, und namentlich die ersteren, als Originalarbeiten o agesehen werden können, da zu jener Zeit noch kein Werk : U'icher Art vorhanden war, um ihm für Anordnung und arm als Vorbild zu dienen. Die fraglichen Vorlesungen "schränken sich nicht aufs Mittelalter, sondern sie berühren uach andere Zeitepochen in der jüdischen Geschichte, und sie l aber, daher einen nach verschiedene»! Richtungen hin bleibenden literarischen Wert. Vielleicht berichte ich später etwas ausführlicher über diesen allgemein höchst interessanten Gegenstand. - Unter dem Titel „liberal .Inllsism" (Das liberale Judentum) hat der bekannte jüdische Gelehrte Claude Montefiore eine Schrift veröffentlicht, worin er seine Ideen kundgibt hinsichtlich der Reformbestrebungen, die in jüngster Zeit bei einem Teil der Juden im Westen von London so markant hervorgetreten sind. In einem meiner nächsten Briese werde ich einige Notizen über den Inhalt des fraglichen Buches bringen, das jedenfalls mehr als eine bloß vorübergehende Beachtung verdient. Dr. H. Hirschfeld vom .lovvi^ll College! in London ist seit einiger Zeit beschäftigt, die in Cambridge sich vorfindenden arabischen Fragmente der „Geniza" (aus Kairo) zu klassifizieren nnd nach und nach der Oeffentlichkeit zu übergeben. Diese Fragmente, etwa 12000 au Zahl, enthalten recht viel jüdischwissenschaftliches Material, und die Herausgabe derselben wird sicherlich von Freunden der jüdischen Wissenschaft und Literatur mit Sehnsucht erwartet werden. Derselbe jüdische Gelehrte hat im vorigen Jahre eine größere Schrift über die Komposition des Koran (Oorrni) veröffentlicht, die auf Kosten der Londoner ,-liozml ^iatic doeietv" gedruckt wurde. Dieselbe ist in den englischen Fachblüttern höchst günstig beurteilt worden, und wirklich ist sie, und namentlich für Fachmänner, eine recht interessante Arbeit. Sie bildet, man möchte fast sagen, eine ausführliche Fortsetzung zu Geigers bekannter Preisarbeit, die vor vielen Jahren unter dem Titel erschienen ist: „Was hat Mohammed dein Judentum entnommen?" Briefe aus dem Orient. <-»,?Me näher der Mittelpunkt, desto stärker wirkt die Auziehungskraft. Das ist ein logisches, wissenschaftliches Gesetz. Und dennoch wird es durch die Ereignisse, die den Zionismus oder die zionistische Anziehungskraft betreffen, widerlegt. Die Juden Palästinas sind Zionisten, ohne sich dessen eigentlich bewußt zu sein. Sie leben schon in den Toren Zions, und die Sehnsucht der meisten übrigen Juden ist ihnen in Erfüllung gegangen. Die Jude»» der europäischen Türkei und Anatoliens scheuen sogar, dieses gefährliche Wort, den Zionismus nämlich, auch nur nuszusprechen. Die israelitisch-türkischen Zeitungen, zum Beispiel die in Konstantinopel, Smyrna oder Saloniki erscheinenden, deuten diese Bewegung, wenn sie ihrer Erwähnung tun müssen, nur mit geheimnisvollen Worten, mit phrasenreichen Umschwei feil an, die die Leser im allgemeinen verstehen und die ottomanische Zensur passieren lassen muß, weil sie ihnen nichts anhaben kann. Die bnlgarischen Juden jedoch, diese türkischen Ex- Untertanen, beobachten schon seit langem keine Zurückhaltung mehr. Bei ihnen pfeisen die Spatzen zionistische Melodien von den Dächern. In dreißig kleine Gemeinden eiugeteilt, machen diese 30 000 bulgarische Juden mehr Lärm als 30 Millionen. Die leitenden Komitees dieser Bewegung: das Zentralkomitee in Philippopel und die Unterkomitees in Sofia, Rustschuk, Tatar-Bazardzik u. s. w., wenden alle Mittel an, das große und kleine Volk an dein von Dr. Herz! inaugurierten Werke