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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-03 · Heft 14 (3.4.1903) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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160 die protestantische, und deshalb gibt es auch nur einen katholischen und protestantischen Schulrat, der von der Provinzialregierung eingesetzt wird und dieser untersteht. Nun haben wir in Montreal eine große Anzahl von jüdischen Kindern, die zumeist die protestantischen Schulen besuchen, und das auch trotz vieler häßlichen Agitationen von einer kleinen Clique von Antisemiten heute noch tun können. Aber wenn diesen Kindern auch der Schulbesuch gestattet ist, so haben sie auf der anderen Seile keinen Anteil all den Allszeichnungen, welche der protestalltische Schulrat alljährlich an die Begabtesten und Fleißigsten verteilt. Diese Auszeichnungen, „Scholarships", sind aus dem Grunde sehr wertvoll, weil die Empfänger vier Jahre lang freien Unterricht in den den öffentlichen Schulen folgenden Hochschulen aus Kosten des Schulrates genießen, und wer sich nach diesem vierjährigen Studium wieder eine „Scholarship" erringt, dem steht das freie Studium au der Universität offen. Ein Sohn des hiesigen jüdischen Einwohners Pinsler erwarb sich nun den wertvollen Preis im letzten Jahre, aber der Schulrat weigerte sich, ihm denselben zuzuteilen, und beries sich darauf, daß nur Protestanten dazu berechtigt seien. Im Aufträge der jüdischen Gemeinde beschritt Pinsler den Rechtsweg, da man die Sache endgültig zum Austrage bringen wollte. Der Richter Davidson nahm die Sache lange „eu ävlibsrö", wie hier der Ausdruck lautet, aber das Urteil, welches er vorgestern fällte und dem mit großem allgemeinen Interesse entgegengesehen wurde, fiel gegen Pinsler aus. Aus dem Resümee ging hervor, daß die jüdischen Kinder eigentlich nur aus Gnade und Barmherzigkeit Aufnahme in den protestantischen Schulen fänden, besonders schon deshalb, weil die jüdischen Hausbesitzer keine Abgaben an den protestantischen Schulrat zahlen, wie das protestantische Hausbesitzer tun müssen; die „Scholarship" sei aber ein teures Geschenk, welches vom Schulrat bezahlt werden muß, und deshalb haben jüdische Kinder keine Berechtigung auf diesen Preis. Der Richter ließ dann durchblickeu, daß ihm das gefällte Urteil eigentlich wehe tue, aber er müsse sich an den Buchstaben des Gesetzes halten und es den interessierten Kreisen überlassen, sich an die Legislatur der Provinz Quebec zu wenden und dort ans Abänderung der jetzt bestehenden Gesetze hinzuarbeiten. Die hiesige Baron de Hirsch-Gesellschaft wird denn auch die nötigen Schritte in Quebec tun. Das Verfahren den Juden gegenüber ist geradezu monströs. Ich bin z. B. Protestant, aber natürlich kein Hausbesitzer, bezahle also keine Schulsteuer, sondern dies tut mein katholischer Wirt an den katholischen Schulrat, aber wenn meine Kinder die „Scholarship" sich errungen haben wurden, > so wäre sie ihnen anstandslos vom protestantischen Schulrat bewilligt worden! Warum soll nun ein jüdisches Kind in einem! zivilisiert sein wollenden Lande nicht genau dasselbe Recht haben wie! mein eigenes? Gleiches Recht für alle. Die jüdischen Kinder bezahlen ihr Schulgeld genau so gut, wie die anderen. Erstere zeichnen sich durch Fleiß und Begabung aus, und vielleicht fürchtet man, daß die „Scholarships" zu ost den Juden zufallen." Brief aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. s war im Jahre 1887, wo Graetz zmn ersten und zum letzten Male nach London kam, um erstlich die damals daselbst stattgefundene ..^n^Io-lervisb büstorieul bixin- I'itioii" zu besichtigen, und dann auch, um bei der Vollendung des Druckes der englischen Uebersetzung seiner „Geschichte" zugegen zu sein. Während dieser seiner Anwesenheit in der englischen Metropole hatte Graetz Gelegenheit, mit verschiedenen einflußreichen Mitgliedern der Londoner jüdischen Gemeinde zusammenzukommen, die ein warmes Interesse fürs Judentum und dessen Wissenschaft und Literatur bekundete», und diesen Herren machte er nun einige Vorschläge, die den Zweck hatten, das Aufblühen und Gedeihen der besagten Fächer in England fördern zu helfen. Einer dieser Vorschläge betraf die Gründung eines englisch-jüdischen historischen Vereins — ein Vorschlag, der vor etwa zehn Jahren wirklich realisiert wurde, und vor einiger Zeit auch in Amerika Anklang mm Berücksichtigung gefunden hat. Zum ersten Präsident , des englischen Vereins wurde der Chief-Rabbi Dr. Adln gewählt, und nachdem einige andere Herren dieses Ehre; amt je ein oder zwei Jahre bekleidet hatten, fiel jüngst d s Wahl auf Mr. Isidore Spielman, der sich bei der Organ - sation der besagten ^nglo lleveisb bixliibitio» recht lebha t beteiligt hat. Vor kurzem hielt nun Mr. Spielman vor einer zahlreich erschienenen Versammlung seine Antrittsrede als Präsident dm historischen Vereins, und da sie so manches enthielt, was von allgemeinem Interesse sein dürfte, so will ich hier einige knr e Auszüge daraus folgen lassen. Nachdem Redner auf d e bisherige regsame Tätigkeit des Vereins und auf den günstigen Stand seiner Finanzen lind seiner Mitgliederzahl (250) hing, wiesen hatte, sprach er im allgemeinen über den Wert un) die Wichtigkeit des Studiums der jüdischen Geschichte und sagt darüber etwa, wie folgt: „Das Studium der jüdischen Geschichte verdient im volle-: Maße, daß ihm von Seiten der Juden in England besonder- Aufmerksamkeit gezollt werde, denn jene ist reichhaltig an Lehren, die nicht wenig nützlich und beherzigungswürdig sinr. Dasselbe ist zugleich auch höchst anziehend, ja ebenso anziehend, wie z. B. die Erforschung des alten Griechenlands, Roms min Palästinas. Das jüdische Volk und das Judentum selbst sin) so auffallend eng mit der gesamten Zivilisation der Well verknüpft, daß jeder Versuch, Näheres darüber zu wissen etwas Interessantes zum Vorschein bringen dürfte. Was w r als Nation geleistet, und welchen Einfluß unsere Existenz am die gesamte Menschheit ausgeübt hat; ebenso was wir in der Welt durchgemacht, und welche Stellung wir jetzt darin ein nehmen — alle solche und ähnliche Fragen sind von große: Wichtigkeit und beanspruchen unsere Aufmerksamkeit in hohen Grade. Als Graetz diesen Gegenstand einst berührte, sprach e folgende denkwürdige Worte darüber aus: „Daß die jüdiscl- Rasse", sagte er, „fortgefahren hat, ihre Existenz bis ans d e Gegenwart zu behaupten, muß selbst von denen als Wund r anerkannt werden, die sonst an Wunder nicht glauben, mn die ungeheuerlichsten Vorfälle im Völkerleben als blos logisch Folgen der Naturgesetze ansehen. Hier erblicken wir eia Phänomen, das allen Naturgesetzen widerstrebend, sich enfaltet und behauptet hat — ein Phänomen in Form un) Gestalt einer Kultur, welche letztere wir besitzen und aufreclll erhalten, und welche auf den Organismus verschieden" anderer Nationen tief eingewirkt hat, obschon die ursprünglichen Träger derselben oft dem Hasse und den Verfolgung:! von Seiten ihrer Umgebungen ausgesetzt waren." Mr. Spielman setzte dann seine gehalt- und gemüti reiche Rede fort, worin er — inter alia - die Gründung eine permanenten Museums in London befürwortete, in dem inte essante Gegenstände, die auf Juden und Judentum Bez»'. haben, zur Schau ansgestellt werden sollen, und beschloß du selbe mit ungefähr folgenden Worten: — „Unsere ruhnivol-. Vergangenheit, die in die Herzen Aller, die fühlen und denkeu. geziemenden Respekt vor unserer Nation eingeflößt, hat sie auch überzeugt, daß uns auch eine glänzende Zukunft bevor stehe, so lange wir kampsgerüstet dastehen, um die bösen Mächte der Bedrückung unschädlich zu machen. Seine Geschichte ist dem Volke Israel zugleich auch sein Banner; sie

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