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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-03 · Heft 14 (3.4.1903) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
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158 Hallen, die ganze deutsche Judenheit müßte wie ein Mann mit dieser Forderung austreten. Das Fehlen einer Gesamtorganisation erweist sich auch hierbei als ein großer taktischer Fehler, den wir unter Beseitigung aller kleinlichen Bedenken doch endlich gut machen sollten. Wir bedürfen einer Vertretung, welche durch das Gewicht ihres Einflusses auch vor der Oeffentlichkeit als ein großer machtvoller Faktor anerkannt wird. Wir wissen gewiß, daß ein ganzer Berg von Vorurteilen erst abgetragen werden muß, um zur Erfüllung unserer Wünsche zu gelangen. Beginnen wir aber endlich mit dem, was wir selbst leisten können, und schassen wir zunächst eine allgemeine Vertretllng der deutschen Judenheit. Es ist interessant, zu beobachten, daß jeder Einzelne eine solche Gesamtorganisation wünscht und herbeisehnt. Sobald aber diese Einzelnen Zusammenkommen, überwiegen die Bedenken, die Zweifel, die pessimistischen Anwandlungen. Fast hat es den Anschein, als ob eine Zusammenkunft von Männern, denen das Wohl des Judentums am Herzen liegt und die aus der freien Wahl der Gemeinden hervorgehen müßten, zu ganz anderen Resultaten gelangen würde, als die Versammlungen der offiziellen Vertreter des Judentums bisher in dieser Sache gezeitigt haben. In jedem Falle aber ist es eine heilige Pflicht der jüdischen Presse, unablässig und ohne jedes Bedenken auf die Mißstände hinzuweisen, die aus dem Mangel einer solchen Vertretung nach außen notwendig sich ergeben müssen. Me Moche. Berlin, 30. Mürz. ^Aeit einigen Wochen wird in den antisemitischen Blättern eine wahre Hetze gegen die jüdischen Aerzte veranstaltet. Es liegt System in der Sache. Nachdem man den Juden auf dem Verwaltungswege so ziemlich alle öffentlichen Berufe von Bedeutung verschlossen hat, fängt man jetzt den Versuch an, sie auch auf dem einzigen Gebiete zu bedrängen, das ihnen noch übrig geblieben ist. Der „Reichsbote" behauptet: „daß von 2300 Aerzten Berlins säst ein Viertel jüdische Aerzte, und vergleicht man die nur 21 christlichen Schulz, Schultz oder Schultzes und die nur 14 christlichen Müllers mit den 32 Cohns, 10 Friedländers, 28 Levys. 10 Marcuses. 12 Jacobsons w. rc., so ergibt sich, daß ganze jüdische Aerztesippen in Berlin ansässig sind oder von Breslau, Posen, Königsberg nach und nach ihre Leute dorthin ziehen. Wovon alle diese Leute eigentlich leben, ist und bleibt ein Rätsel, von ärztlicher Praxis allein zweifellos nicht." Gegen die Keckheit, mit der letztere Behauptung aufgestellt wurde, werden die Aerzte selbst entschieden auftreten müssen. Wir begnügen uns für heute mit der Wiedergabe der Erklärung eines „deutschen Arztes" in der „BerlinerAerzte-Korrespondenz", Organ des Geschäftsausschusses der Berliner ärztlichen Standesvereine (14. März): „Die ärztliche Fachpresse hält es im allgemeinen mit Recht für unter ihrer Würde, auf die regelmäßig wiederkehrenden Beschimpfungen eines großen Teils des deutschen Aerztestandes seitens antisemitischer Skandalblätter anders als mit stillschweigender Verachtung zu antworten. Wir haben geschwiegen, wenn besonders die hiesige „Staatsbürgerzeitung" in ihrer sattsam bekannten Manier ihrem Leserpublikum Artikel auftischt, die gewöhnlich schließen: „Hütet Eure Frauen, Eure Jungfrauen vor den jüdischen Aerzten!" Anläßlich der Ernennung des Kollegen Neumann zum dirigierenden Arzt des Krankenhauses im Friedrichshain hat das genannte Blatt eine Anzahl von Artikeln gebracht, die an Unwahrheiten und Uebertreibungen nicht gerade Mangel leiden. Um zu zeigen, wie das Blatt selbst vor den niedrig, sten Beschimpfungen nicht zurückschreckt, dürfte es sich empfehlen, ausnahmsweise einmal einige SLilproben aus einem der Artikel wiederzugeben: „Was das bedeutet, wenn der deutsche Aerztestand, auf den dm Vaterland sich in Not und Gefahr verlassen durfte, der sich in Zeiten des Krieges und schwerer Epidemien sehr im Gegensatz zu seinen jüdischen „Kollegen" so vorzüglich bewährt hat, der im wahrsten Sinne des Wortes als Träger deutscher Wissenschaft, deutschen Kultur lebens und nationaler Wohlfahrt gilt, vollständig verdrängt werden sollte, wenn wir gezwungen sein würden, zu unserem ärztlichen Be rater demnächst den roten Manasse zu wählen, braucht nicht erst aus geführt zu werden." In einer der der Zeitung angeblich zahlreich zugegangenen Zu schristen heißt es: „Ist es nicht wirklich traurig, daß in unsere? Krankenhäusern, die doch viele, besonders auch Mädchen gezwungen aufsuchen müssen, der größte Teil der Aerzte Juden sind, und wa für welche sind darunter!" .. . Angenommen wird alles .... wenn nur Geld trägt." „.... während sein gleichzeitiger christlicher Kollege dem der Zutritt zur Gelehrtenrepublik unter dem Hinweis „kein. Bedarf" kurz vorher verwehrt wurde, unter der niederen Tagesarbei bei kärglichem Verdienst seufzt. ..." „Seht doch hin und ihr find. Professoren Senator, Mendel, Baginski, Max Wolfs, der kürzlich, dc er als Spezialist und Dozent für Krankheiten der Harnorgane zu viel Konkurrenz bekam, mit Senators Fürsprache zum Leiter der Poliklinü für Schwindsüchtige gemacht wurde. Robert Koch hat ihn übrigem kürzlich bezüglich seiner Wissenschaft in Bezug aus Tuberkulose ar mitgenommen." sat'is! In diesem Tone geht es weiter. Wir nehmen zu Ehre des Aerztestandes an, daß es kein Arzt gewesen ist, der dies Zeilen diesem Blatte eingesandt hat. Im Publikum aber steht de deutsche Aerztestand so hoch da, daß derartige Ergüsse auf den zurück fallen, von dem sie ausgehen. Es genügt, die Behauptung niedrige zu hängen, daß in Zeiten des Kriegs und schwerer Epidemien, von Not und Gefahr die jüdischen „Kollegen" sich sehr im Gegensatz zun; „deutschen Aerztestand" nicht bewährt haben! Ein deutscher Arzt. Ein beherzigenswertes Wort hat der frühere Oberpräsiden! der Provinz Posen, v. Bitter, beim Abschied aus seinem Wirkungskreise ausgesprochen: „So groß die Gegensätze sein mögen, iu einem Punkte sollen sw alle Deutschen, welchen religiösen Bekenntnissen, welcher politischer Parteistellung sie auch angehören mögen, zusammenfinden, in der Lieb zum deutschen Vaterlande. Das ist die große Aufgabe der Deutsche in der Provinz, das Ideal, dem sie zustreben müssen, dem Vaterland dadurch zu dienen, daß sie jederzeit bekennen und bestätigen: „W. sind Deutsche und wollen es bleiben." Möchte dies Wort nur überall beherzigt werden! 4 Dem Berliner Tageblatt wird aus Rostow am Don g.' schrieben: Bei der Eröterung über den neuen Handelsvertrag mit Rußlan ist bisher ein Punkt unberührt geblieben, der für einen wesentliche! Teil der deutschen Kaufleute ein großes Interesse hat. Trotz de bestehenden Handelsvertrages sind nämlich recht ausgedehnte Gebildes Zarenreiches allen deutschen Handelsbeflissenen jüdischen Glauben gänzlich verschlossen, da diese fraglichen Gebiete ohne vorherig besondere Genehmigung des Kriegsministers zu Petersburg bei hohn Geldstrafe und sofortiger Transportierung bis zur Gebietsgrenze nicln betreten werden dürfen. Diese Erlaubnis wird aber häufig versagt, ist mit Kosten uw Mühen verknüpft und kommt nicht selten post festum, obgleich da deutsche Generaklonsulat in anerkennenswerter Weise zur Erlangung der Aufenthaltsgenehmigung hilfreich zur Seite steht. Das besagte Verbot ist niemals und nirgends veröffentliche worden, daher bin ich ahnungslos vor ungefähr zwei Jahren nach Rostow am Don zum Einkäufe eines Rohproduktes gekommen. Kaum

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