Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 5 (sequence 19)
- Language
- German
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L worden. Die Bilanz des Holzvereins deckt sich mit 1889.82 Mark Einnahmen, die des Ausstattungsvereins mit 3026,58 Mark. Der Vermögensstand beider Vereine beträgt gegenwärtig 25 588,09 Mark. Der Vorstand besteht aus den Herren: JuV. Braunschweig, M. Dinkelspühler, M. Wiesenthal, Leop. Schiff, Ern. Neugab. 0. Straßvrrvg, 13. März. In der Sitzung des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen, vom 5. d. M., kam es wegen des Etats der Kultusverwaltung zwischen den Abgeordneten Emmel (Sozialdemokrat) einerseits, Winterer und Wetters andererseits, zu einer Auseinandersetzung über die grundsätzliche Stellung des Staates zu den Religionsgemeinschaften. Die Auseinandersetzung ging davon aus, daß Emmel die Forderung aufstellte, die Kosten des Religionswesens sollten die einzelnen Religionsgemeinschaften tragen, ohne daß Staat und Gemeinde dadurch belastet würden. Da dies nicht angängig sei, verlangt er ein langsameres Umgehen in der Errichtung von Kirchen, und bessere Verteilung der Pfarreien. Verschiedene Abgeordnete und der Unterstaatssekretär Petri widerlegten seine Ansichten. Der letztere gab aus diesem Anlaß auch eingehende Mitteilungen über die infolge des Gesetzes vom 6. Juli 1901 geschaffene Lage: Gehaltserhöhungen u. s. w. beim Protestantischen Kultus, die aus besonderen Umlagen zu bestreiten sind. Bei dem israelitischen Kultus bemerkte der Abgeordnete Manheimer: „Ich wollte heute das Wort ergreifen betreffs des israelitischen Kultus. In letzter Stunde erhielt ich aber verschiedene Wünsche, Bitten und Briefe, die ich nicht mehr prüfen ann. Ich werde mir also erlauben, bei Petitionen bei der dritten Lesung auf diese so wichtigen Sachen näher einzugehen." Es handelt sich, wie jeder weiß, um die sogenannte Konsistorialverfassung, deren Abänderung von verschiedenen Leitern angestrebt wird. — In der letzten Sitzung der neubegründeten „Elf aß-L othrin gensch en Landespartei", an welcher sämtliche katholische Reichstagsabgeordnete teilnahmen, die sich in Elsaß-Lothringen wieder um ein Mandat bewerben, wurde u. a. beschlossen: „das moralische und materielle Wohl aller Volksklassen nach Kräften zu fördern: für die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des Reiches die verfassungsmäßige Feststellung von Garantien zu erstreben, und insbesondere das Recht der Religionsgesellschaften gegen Eingriffe der Gesetzgebung zu schützen. Ferner Aufhebung aller Ausnahmegesetze gegenüber den religiösen Genossenschaften und Konfessionalität der Schule." Schade, daß die Herren diesen Standpunkt nicht auch einmal im Reichstag geltend machen. Oestrrreich-Ungarn. X Wien, 22. März. Eine- Deputation der israelitischen Handels- und Gewerbetreibenden aus Galizien und der Bukowina, bestehend aus den Herren Taubes und Helwingl (Kolomea), Zimmermann und Querbach (Lemberg), Wollisch (Stanislau), Schlamm (Przemysl) und Bender (Kolonien), sprach heute unter Führung des Abgeordneten Dr. Byk beim Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber vor und überreichte ein Memorandum in Angelegenheit der Abänderung der Bestimmungen über die Einhaltung der Sonntagsruhe. Die Deputation verwies auf die im Abgeordnetenhause eingebrachten 180 Petitionen, die mit überaus zahlreichen Unterschriften versehen sind, und deren Inhalt auch durch eine ebenso große Anzahl von Petitionen der Vorstände von Kultusgemeinden unterstützt wird. Die Forderungen gehen dahin, daß bei dem Umstande, daß die israelitischen Handels- und Gewerbetreibenden in Galizien und der Bukowina, die mehr als 90 Prozent dieser Steuerzahler umfassen, den Bestimmungen ihrer Glaubenssatzungen entsprechend, sich vom Freitag Vorabend bis Samstag Abend, somit durch 26 bis 28 Stunden jeder Handels- und gewerblichen Tätigkeit enthalten und diese Zeit auch hren Hilfsarbeitern freigeben, den Handel- und Gewerbetreibenden n Galizien und der Bukowina gestaltet werden möge, am Sonntag chr Gewerbe auszuüben. Der Ministerpräsident erklärte, daß die Neuerung der Angelegenheit ihr Wohlwollen znwenden und die vor-!ebrachten Bitten im Rahmen der Möglichkeit unterstützen werde. Die Deputation sprach auch beim Obmann des Polenklubs, Ritter Jaworski vor. — Dem Reichsratsabgeordneten Professor Dr. Skedl Nt nachstehendes Schreiben zugekommen: „Sehr geehrter Herr Professor! Der Vorstand der Israelitischen Allianz hat mit besonderer Freude von Ihrer in den Tagesblättern veröffentlichten Interpellation Kenntnis genommen, welche, von warmer Menschenliebe und von Gerechtigkeitssinn inspiriert, die Aufmerksamkeit unserer Regierung aus die durch Verletzung internationaler Vertragsbestimmungen herbeigesührten unsäglichen Leiden der Juden in Rumänien lenkt. Welchen Erfolg auch immer Ihre Interpellation haben sollte, so wird es immer Euer Hochwohlgeboren und Ihren geehrten Herren Kollegen von allen Menschenfreunden als hohes Verdienst angerechnet werden, in einer Zeit, da die europäischen kontinentalen Mächte von ihren Sonderinteressen geleitet, die Stimme der Humanität und des Rechtes — wenn es sich „nur" um Juden handelt — überhören, im österreichischen Parlament der Gewissensmahnung der gesamteil Kulturwelt Ausdruck gegeben zu haben. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung für den Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien: Gutmann. Dr. Alfred Stern. — Wie maßlos die Bevölkerung Oesterreichs antisemitisch verhetzt wird, zeigt ein Vorfall, der sich jüngst in der Nähe von Budweis zugetragen: In dem bei dem Orte Cemelitz gelegenen Dorfe Smetanova-Lhota (Bezirk Pisek) vermißte dieser Tage ein Bauer seine 18 jährige Tochter. Es fanden sich Leute, welche gesehen haben wollten, daß das Mädchen in das Haus des Kaufmanns Wilhelm Fantl in Cemelitz geschleppt worden sei, kurz daraus hätten sich viele Juden aus der Umgebung dort eingefunden und Fantl habe sich auf den Bahnhof begeben wahrscheinlich um mit dem Blut des Mädchens nach Wien zu fahren. Dieses Gerede verursachte in der Gegend große Aufregung. Am folgenden Abende versammelte sich vor dem Hause eine große Menschenmenge. welche drohende Rufe gegen die Juden ausstieß und die Herausgabe der „Leiche" des abgeschlachteten Mädchens verlangte. Im Hause war nur die Frau Wilhelm Fantls mit ihren Kindern anwesend und weigerte sich begreiflicherweise, das Tor zu öffnen. Dem einzigen im Orte anwesenden Gendarmen gelang es, die Menge zu zerstreuen. Doch stellte dieselbe Wachposten auf. welche die Nacht über das Haus beobachteten, damit die „Leiche" nicht beseitigt werden könne. Am darauffolgenden Morgen wurde die Menge in das Haus eingelassen und durchsuchte es. ohne etwas Verdächtiges zu finden. Kurz darauf erschien das Mädchen wieder im Dorfe. Es gab an, daß es eine Wallfahrt nach dem heiligen Berg gemacht habe. Herr Fantl hat den Advokaten Dr. Ludwig Bullaty in Budweis damit betraut, gegen die Urheber der gegen ihn veranstalteten Hetze die gerichtlichen Schritte einzuleiteu — Am 19. d. M. ist hier Herr Moritz Karpeles, der Chef des Symlitionshauses Schenker u. Comp., im 68. Lebensjahre gestorben. Moritz Karpeles entfaltete als Präsident der Chewra Kadischa, sowie zahlreicher anderer Wohlfahrtsvereine eine segensreiche Tätigkeit. In dem Verstorbenen beklagt auch das Kuratorium der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien seinen Präsidenten, der sich um die Gründung des Seminars große Verdienste erworben, und die Leitung desselben acht Jahre unermüdlich geführt hat. Ehre seinem Andenken! Rußland. I.. I. O-efftt, im März. Vor kurzem starb hier im 75. Jahre seines Lebens einer der ältesten lokalen jüdischen Pädagogen, Herr Julius Markowitsch Bardach (Vater des bekannten hiesigen Arztes und Bakteriologen, Privatdozenten der Universität Dr. Jakob Bardach). In seinem 17. Jahre begann der Verewigte seine pädagogische Wirksamkeit. Er galt als Kenner der Religionslehre und der alten Klassiker; er verstand auch Syrisch und Chaldäisch. In Odessa befaßte er sich mehr als 50 Jahre mit dem Unterricht und war Lehrer in vielen hiesigen Lehranstalten. Seinerzeit zog er die Aufmerksamkeit des gewesenen Kurators de- Odessaer Lehrbezirks, des berühmteu Pädagogen und Forschers, des großen Menschenfreundes Nikola; Jwanowitsch Pirogow, aus sich, und er war der erste, der den Unterricht in der jüdischen Religion in deu Lehranstalten in russischer Sprache einführte. Er war 20 Jahre Zensor der hebräischen Werke beim hiesigen Zensurkowitee; ferner einer der Gründer der Gesellschaft der jüdischen Lehrer von Neurußlaud und Beßarabien, und tätiges Mitglied der Odessaer Abteilung der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland. Der Heimgegangene erfreute sich der Liebe seiner zahlreichen Schüler und sorgte stets für das Schicksal der Bedürftigen unter ihnen. Dank seinen Bemühungen, genossen viele von ihnen Stipendien in den Schulen und Gymnasien, viele bestimmte!>r, in den Hochschulen ihre Erziehung zu vollenden. Der Dahingeschiedene besaß die Orden der heiligen Anna und Stanislaus 3. Klasse. Der verewigte Bardach veröffentlichte in hebräischer Sprache eine Reihe von Schriften. Friede seiner Asche! — Die Odessaer medizinische Welt hat einen ihrer besten Vertreter und die hiesige Bevölkerung einen humanen Arzt in der Person des