Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 156 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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156 nur schnell die Lichter nuslöschen, es ist ja sogar an einem Sabbat gestattet, wenn Lebensgefahr vorhanden ist, und im Finstern könnten wir uns verbergen und später entfliehen." Nechemja hob ihren Kopf zu sich empor, und sie ernst und durchdringend ansehend, sprach er streng: „Schämst Du Dich nicht, Hagar? Du machst doch sonst viel Aufhebens von Deinem felsenfesten Eottvertraueu —! Schämst Du Dich nicht, auch nur einen Augenblick daran zu denken: Du könntest Gottes Absichten durch das Ausblascn eines Talglichtes anders gestalten? Und wenn unser Schicksal für uns gekommen sein sollte, glaubst Du etwa, es wird uns weniger sicher treffen, wenn wir uns im Schatten verbergen? Gehe auf Deinen Platz," sprach er befehlend, „und danke Gott, daß unser Haus außerhalb der Stadt liegt, sodaß wir, bis der Feind hierher kommt, noch Zeit gewinnen, unser» Gottesdienst zu beenden." Und mit voller Seelenruhe sich zu Awromele wendend, frug er: „Wo sind wir stehen geblieben? Oder," sprach er weiter, und ein neuer Gedanke schien ihm plötzlich zu kommen — „oder fürchtet Ihr etwa die heranncchende Gefahr, und wollt Ihr entfliehen —? Freilich, was kümmert Euch unsere Not —; lasset Euch nicht abhalten, und gehet ruhig Eures Weges — „Wie das Lamm, das von der Herde läuft, wenn der Schäfer mit der Scheere naht!" sprach Awromele bitter, „doch wie sollt Ihr es auch besser wissen? Ich bin Euch ein Fremdling, und Ihr haltet mich einer solchen Feigheit fähig! Doch ich werde bleiben bis — zum Ende. Lasset uns weiter beten." Gelassen und scheinbar ohne Aufregung taten die Männer dieses, während Hagar zitternd und horchend dasaß, als wären alle Poren ihres Körpers aus lauter Ohren gebildet; und sie hörte den Aufruhr näher und näher herankommen, und bald konnte sie auch einzelne Stimmen erkennen. „Das war Leser Sünders Wehgeschrei," sprach sie halblaut; „gewiß bereiten sie ihm große Schmerzen, sonst würde er nicht, wie ein Ochse, so laut brüllen. O mein Gott und Vater, was wird aus uns noch alles werden?" Die Männer gaben keine Antwort; sie waren jetzt an der Stelle angekommen, wo, wie das Gesetz es vorschreibt, der vierte Becher gefüllt werden sollte, Nechemja hob die Flasche; doch seine Hand zitterte so stark, daß er sie wieder hinstellen mußte. „Schenket Ihr lieber ein," sprach er zu Awromele mit einem Seufzer; „Eure Nerven sind stärker als meine." Und endlich waren sie bei der Erzählung angekommen „das Lamm, das der Vater gekauft für zwei Suse", in welcher Israel die Hoffnung ausspricht, daß alle seine Peiniger sich gegenseitig verderben werden, bis schließlich Gott auch den letzten vernichten wird; und kaum war der letzte Ton verhallt, als sie schwere Fußtritte draußen hörten, und ehe sie noch ein einziges Wort äußern konnten, da flog die Türe, durch einen heftigen Stoß zersplittert, aus ihren Angeln. Hagar schrie entsetzt auf und bedeckte das Gesicht mit ihren Händen, während die Männer, schreckensbleich, die Eindringlinge schweigend anstarrten. Es waren drei „Muschiks", russische Bauer», mit schnapsgeröteten Gesichtern, zerzausten Bürten, schmutzigen Kleidern, hohe Schaffellmützen auf den Köpfen und lange Schaftstiefel ail den Füßen, die man aufgefordert hatte, bei der heutigen Menschenjagd eine hilfreiche Hand zu leisten; und was ist dem russischen Bauern angenehmer, als eine fröhliche Judenhetze, vom Stadttyrannen gutgeheißen oder gar anbesohlen, mit einer gemütlichen Plünderung im Hintergründe? Diese drei Bauern besonders waren keine Neulinge mehr bei solchen Menschenjagden; sie wußten aus Erfahrung, daß bei solchen Plünderungen, durch das wilde Anstürmen der raubgierigen Menge, auch die kostbarsten Gewänder, auch die wertvollsten Geräte in den meisten Fällen sich in Fetzen und Scherben verwandeln, noch ehe derjRäuber Zeit gefunden, sich ihrer zu bemächtigen, darum verließen sie den großen Haufen und suchten sich das alleinstehende Hänschen als Schauplatz ihrer Heldentaten aus, um ungestört sich all der Schätze bemächtigen zn können, die ja selbstverständlich auch beim ärmsten Juden vorhanden sind. Allein, welch edle Pläne diese Schlauen in ihrem Gehirn auch ausgeheckt haben mochten, kaum waren sie in das Zimmer gestolpert, als sie verblüfft stehen blieben, um einen starren, verwunderten Blick auf Awromele zu werfen. Für einen Augenblick herrschte eine Todtenstille, bald aber brachen die Eindringlinge in ein wieherndes Gelächter ans, wie Menschen, die sich anfänglich vor einem Gespenst geängstigt, schließlich aber über ihre Dummheit sich selbst auslachen. „Nun, Karol," sprach der eine Bauer; „was hast Du Dir eigentlich dabei gedacht? Ich bin zwar kein Prophet, aber ich kenne Deinen Gedanken ganz genau": „Vor einer Minute haben wir ihn in der Stadt verlassen, und jetzt steht er schon wieder hier vor uns"! „Sei vorsichtig," flüsterte der Angeredete; „Stefan, sei vorsichtig. und gehe nicht zu nahe an ihn heran —; vielleicht ist es der Teufel selbst. Nichts ist ja bei diesem Judenvolk unmöglich; und eigentlich, warum sollte der Böse denn ihnen nicht beistehen, da sie ja doch mit Haut und Haar ihm gehören? Und daß der Teufel auch einmal die Gestalt eines russischen Polizeikommissars annehmen kann, wirst Du wohl zugeben, doch," unterbrach er sich selbst, wir werden es bald sehen." So sprechend, streckte er seinen rechten Arm aus, um ganz dicht vor Awromeles Körper ein Kreuz zu schlagen, was die beiden Andern eifrig nachmachten. Awromele, der nicht wußte, was er von der ganzen Sache halten sollte, blieb unbeweglich stehen. „Er hat die Probe bestanden," sagte Stefan; „es kann also nicht der Teufel sein, und wir haben das heilige Zeichen ganL unnötig seinetwegen verschwendet. Aber, sehet nur! Müßte nicht so ein verdammter Jude auf der Stelle tot niederstürzeu, wenn ein gläubiger Geist das heilige Kreuz vor ihm macht?" Und zu den Juden sich wendend, sprach er barsch: „Ihr gottlosen Heiden, was steht Ihr denn gaffend da? Warum dankt Ihr nicht dem Himmel, daß er Euch drei wahrhaft Gläubige geschickt, die Eure Zauberkünste und Hexereien unschädlich machen wollen, um dadurch Eurer Seele die Qualen der Hölle zu ersparen?" Und näher an den Tisch herantretend, und die Ueberreste der Speisen bemerkend, rief er mit beißendem Hohn: „Ah, sehet doch nur die Vorbereitungen, die sie für ihren vornehmen Besuch getroffen, als herrlichen Lohn für die guten Nachrichten, die wir ihnen bringen; — mögen sie bis zu ihrem Lebensende keine bessern vernehme»!! Na, meinetwegen; ich werde jetzt meine Abendmahlzeit einnehmen, da der Koinmissar so schnell nicht hierher kommen wird." <Fortsetz»ng folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. )7. Jahr Kor Ai B nd Lite Dr. Salf inen äuh Nif einer freunde r Zpeyer, V nch den i edeutung )o führte eutsche K eutschen en Rhein nnzelbildi ängen de »der Ursa, eben der lber die ^eben un ernten wi eine Mitc eben in 5ynode ke reue Aufs Lhens uni ie sozial, amentlich emeinde ichtet wu hlietzlich utsche K üd ische!oteI lrich Str , uden ver inweihur umanitä Brechen bi ndert hass lusführur önigsb ustus vo )err Alb! abbin er Dichtung" lezitation n Streite -tessiasse i ber „Bedt rüulein! ' itcratur" ''ursürst r Rabbiner ' udentum - der „Dn tülheir i-l Steir .ochanan lder „Die ^esetzgebtt! trauen u -chrer Go