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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 155 (sequence 13)
Language
German
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Zum Schluß halte ich es doch für geboten, noch einige Worte über den edlen Marannenhäuptling Don Jose- Ben David, hinzuzufügen. Die jüdische Kolonie auf Sau Miguel, einer der Azoreninseln, gedeiht Dank den vereinten Bestrebungen der zahlreichen Familienglieder des greisen Patriarchen, ganz vorzüglich. Der Vater meines Gewährsmannes hat daselbst eine monumentale Synagoge erbaut und erfreut sich die kleine jüdische Kolonie auf diesem mitten im Weltmeere zwischen Europa und Amerika gelegenen Eilande eines blühenden Wohlstandes. Sie sind von einem Gefühl moralischer und materieller Sicherheit beseelt, wie ein solches der Majorität ihrer Glaubens- und Stammesgenossen in den übrigen Teilen der Kulturwelt sehr oft ganz rinbekannt ist. Aus dem Lande der Knechtschaft Von Samuel Gordon. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. II. UN wurde mit dem Szeder begonnen, Nechemja studierte eifrig in seinen: altertümlichen Gebetbuch all die Vorschriften und Gebote über die Anordnung und Einrichtung der heutigen Festestafel. Seit dreißig Jahren wiederholte sich dieses an jedem Osterabend, und immer wieder vergaß er es, ob das gebratene Ei zur rechter: oder zur linken Seite der Mazzoth liegen muß; ob die gewürzte Speise, die wie Lehm anssah, und dadurch ein Symbol der Ziegelarbeit war, die die Israeliten in Aegypten verrichten mußten, ob die Speise ihren Platz neben dem Salzwasser oder neben der grünen Petersilie haben sollte; ob der halbverbrannte Hammelknochen, eine satirische Anspielung auf den einstigen TierkultuS der Aegypter, vor oder hinter den bittern Kräutern liegen »rußte; mit einen: Wort: alle diese heiligen Sinnbilder richtig unterzubringen, war für Nechemja jedes Jahr eine schwere Sorge und erforderte ein langes Nachdenken. Endlich hatte er für jeden Gegenstand die ihm gebührende Stelle gefunden, und er konnte nun beginnen. Seine Angen nach innen ans das vor ihm liegende Buch geheftet, sprach er zrr dem Fremden: „Awronrele — wenn ich Euch so nennen soll — Ihr seid der Jüngste hier am Tische, und darum müsset Ihr die „Frage" stellen." Awronrele nickte, doch Plötzlich schien er sich aus etwas zu besinnen, „Habt Ihr keine Kinder?" frug er, und wurde dabei ein wenig stutzig, als die beiden, wie aus einem Munde, als ob sie sich verabredet hätten, die hastige Antwort gaben: „Nein, wir sind kinderlos —; Gott hat »ns keine Nachkommen beschieden." Ohne weitere Bemerkung tat Awronrele, wie ihm geheißen war, und begann mit jenem Vortrage, der, ungeachtet .der augenscheinlichen Ironie, die er enthält, an den beider: ersten Osterabenden, in Gestalt von Frage und Antwort, mit Ernst und Andacht wiederholt wird. Denn ist es nicht tatsächlich die bitterste Ironie, Freiheit und Auserwähltheit triumphierend aller Welt zu verkünden, während in Wirklichkeit Schmach und Knechtung das Gemüt niederbeugen? Doch Form ist Form; Hoffnung ist des Menschen Schutzgeist, und — der Glaube macht selig! Awronrele las nun das „Nunisentao — warum ist verändert diese Nacht von allen anderen Nächten?" Er sprach jedes Wort ernst und bedächtig, während Hagar, jede Bewegung seiner Lippen aufmerksam beobachtete, von einer inneren Sehnsucht getrieben, ihre Arme auszubreiten und den Fremden an ihre Brust zu drücken. Als Awronrele geendet, hätte Nechemja mit der Antwort beginnen müssen: „^rvockim I>o.ji:iu — Knechte waren wir bei Pharao, bis der Herr uns hinausgeführt mit starker Hand und ausgestrecktem Arm;" doch er hatte das Stichwort überhört, und verharrte schweigend, wie traumverloren, bis Awromele, der verwundert aufblickte, durch absichtlich geräuschvolles Blättern in seinem Buche, den Alten aus seinem Nachdenken erweckte. Beschämt und verlegen lächelnd, als wäre er bei einen: Vergehen ertappt worden, nahm Nechemja den Vortrag wieder auf, und während die Männer geläufig weiter laseu, da sie den Inhalt fast auswendig wußten, konnte Hagar nur mühsam folgen, denn nicht nur waren die Worte ihrer Zunge ungewohnt, sondern ihr Herz war von Gedanken und Erinnerungen fast übervoll. Plötzlich unterbrach sie das Lesen, und ihren Kopf lauschend vorneigend, sprach sie: „Hört Ihr nichts?" Die Männer horchten eine Weile, doch sie konnten nichts vernehmen. „Hagar. störe uns nicht mit Deinen Einbildungen," sprach Nechemja verweisend; und bald erklang wiederum ihr Summen wie zuvor, Hagar aber konnte nicht weiter lesen, und nach wenigen Augenblicken sprang sie wieder ans, und die Hand aufs Herz gedrückt, rief sie voller Angst: „Hört Ihr denn immer noch nichts?! Da — schon wieder, der unheimliche Klang da draußen!" „Ich höre wohl ein Geräusch." sprach Nechemja, ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwerfend; „doch es sind sicherlich nur einige Erdklumpen, die in ein offenes Grab Hinabrollen." „Ich glaube doch, daß es von der Stadt und nicht von: Friedhofe her karr:," sagte Awronrele; „und jetzt wieder — wirklich, ich kann es ganz deutlich hören, denn meine Ohren sind jünger als die Eurigen —, wie von vielen Stimmen herrührend." „Vielleicht ist irgendwo ein Feuer ausgebrochen," bemerkte Nechemja. „Kaum möglich," flüsterte Hagar nrit bebenden Lippen; „da müßten wir die Sturmglocke hören." Awronrele erhob sich und öffnete schweigend die Türe; „nirgends eine Röte am Himmel zu sehen," sprach er, seinen Kops »rach dem Zimmer zurückwendend. Bald darauf vernahmen alle drei das Geräusch einer aufgeregten Menge, und jetzt konnten sie auch einzelne Wehrufe und Klagelaute deutlich unterscheiden. Der Tumult wurde mit jedem Augenblick stärker und die Schmerzensrufe immer lauter. Awronrele ging wieder in die Stube hinein, und sein Gesicht war kreidebleich. „Es sind die Empörer," sprach er leise vor sich hin, „und das Schicksal der Juden ist besiegelt —." Hagar, die doch sein Wort gehört, schlug voller Angst ihre Hände zusammen, und laut aufstöhneud betete sie: „O, Du starker Gott im Himmel! O behüte und beschütze uns, und wende nicht Dein Gesicht von uns in dieser Stunde der Not! O, Nechemja," sprach sie, ihr Haupt auf die Schulter ihres Mannes legend, „lasse mich

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