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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 154 (sequence 12)
Language
German
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154 gesagt, eine sehr günstige ist, und wenn die Portugiesischen Juden diese so außerordentlich freundlichen Verhältnisse nicht ausriutzen, so ist es ihre eigene Schuld. Freilich ist es noch in Portugal undenkbar, daß ein jüdischer General, wie es neulich in Italien der Fall war, zum Kriegsminister ernannt wird, aber den portugiesischen Juden steht nichts im Wege, die höchste Stufe der hierarchischen Leiter zu erklimmen. Meine Söhne sind in Deutschland erzogen; der eine nimmt als Ingenieur der Wegekommunikation eine sehr geachtete Stellung ein, der andere ist Professor an der Universität zu Lissabon und Mitglied der portugiesischen Akademie der Wissenschaften. Als Beweis dessen, wie sehr selbst die klerikale Regierung Portugals vom Antisemitismus weit entfernt ist, kann ich Ihnen mehrere Umstände anführen. So hat sie z. B. unserer Familie das Monopol der Dampfschiffverbindung zwischen Portugal und den Azoren erteilt und uns eine erhebliche Staatssubvention gewährt. Unsere Firma zählt zu den ersten Portugals, und unsere sozialen Beziehungen zu der Bevölkerung sind die denkbar besten und freundlichsten. Die Enkel der spanischen Marannen und die Nachkommen ihrer portugiesischen Henker leben jetzt in Frieden und Eintracht. Auch der Verkehr mit der höheren Gesellschastssphäre ist ein sehr angenehmer, und religiöse Vorurteile sowie Rassenhaß gehören einer längst entschwundenen Vergangenheit an. Obwohl die Königin von Portugal klerikal gesinnt ist, so beehrte sie im vorigen Jahre, während einer Ausfahrt nach den Azoren, meine Besitzlichkeit auf San Miguel, eine der Inseln der Azoreninselgruppe, mit ihrem Besuche, war mein Gast, besichtigte Ananasplantagen, meine Spiritusfabrik, die Schule, die ich für die Kinder der arbeitenden Klassen ins Leben gerufen. Sie interessierte sich auch für die Pflanzungen, auf denen mehr als 500 Arbeiterinnen, ausschließlich junge Mädchen (welche die von mir gegründete Schule absolviert), da die Ananaskultur eine ganz besonders zarte Pflege erfordert, die nur weibliche Hände leisten können. Unter diesen Mädchen sind auch nicht wenige Jüdinnen, und sind die Beziehungen zu ihren christlichen Mitgenossinnen die denkbar besten. Die Königin drückte mir wiederholt ihre hohe Befriedigung über alles ans, was sie bei mir gesehen, und beehrte auch meine Privatwohnung mit ihrem Besuche. Und dabei muß ich Ihnen bemerken, daß die Königin sehr wohl wußte, bei wem sie zu Gaste war, daß sie am Tische eines Juden saß, was sie durchaus nicht hinderte, mir und meiner Familie gegenüber die bezauberndste Liebenswürdigkeit zu bekunden, was in klerikalen Kreisen nicht wenig Aufsehen und Unzufriedenheit erregte. Denn ich mache aus meinen religiösen Ueberzeugungen kein Hehl, im Gegenteil proklamiere ich sie bei jeder Gelegenheit ohne Umschweife, um eventuellen Mißverständnissen vorzubeugen. Und dieselben Grundsätze habe ich auch nieinen Kindern und Enkeln eingeflößt. » * In dein idyllischen Schweizerkurort am Ufer des herrlichen Vierwaldstättersees waren dazumal, d. h. im Sommer des Jahres des Heils Eintansendvierhundertundzwei, recht zahlreiche, den höheren Gesellschaftssphären Spaniens und Portugals ungehörige Vertreter versammelt, und ich war Augenzeuge, wie zwischen den Nachkommen der spanischen Marannen und den stolzen Enkeln der blaublütigen Patrizier der pyrenäischen Halbinsel Beziehungen der intimsten und freundschaftlichsten Art sich entwickelten. Die einstigen Henker nnd ehemaligen Opfer verkehrten miteinander auf vollständig gleichem Fuße. Es waren zwischen den beiden gesellschaftliche Beziehungen vollständiger Gleichheit. Da war keine erniedrigende Demütigung einerseits, keine vornehm beleidigende Herablassung (die oft verletzender ist als Protzenarroganz) anderseits. Ich sah. wie der greise Enkel der einstigen nuovos etuistisnos einer portugiesischen Herzogin mit tönendem Titel nnd historischem Namen den Arm reichte und mit ihr am Ufer des Sees einen Spaziergang machte nnd niemand daran etwas Ungewöhnliches fand. Ja, die Nachkommen der spanischen Marannen können sich glücklich schätzen, daß sie endlich nach hundertjährigem Umherirren und Nomadisieren in Asien und Afrika endlich in dem kleinen Portugal und auf den Azoreninseln eine Zuflucht gefunden haben, in den Hasen der Ruhe eingelaufen sind. Nach Spanien kehrten sie nicht zurück, da dort nicht nur dazumal, bei ihrer Rückkehr nach Europa, sondern auch noch in der Gegenwart, am Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts, Anschauungen herrschen, welche den Juden die Rückkehr in ihre einstige schöne Heimat nicht ermöglichen. Zwar hat die spanische Regierung zu verschiedenen Zeiten Versuche gemacht, die jüdische Ansiedlung zu fördern, da das entvölkerte Land eines Zuzugs neuer Kräfte bedarf. Aber diese Aufforderungen, so verlockend sie auch erschienen, fanden in den betreffenden jüdischen Kreisen keinen sympathischen Anklang. Sei es, daß man diesen Versprechungen keinen Glauben schenkte, sei es, daß man die furchtbaren Reminiszenzen einer entsetzlichen Vergangenheit nicht vergessen konnte — die Masseneinwanderung von Juden in Spanien fand nicht statt, nur vereinzelte Persönlichkeiten kehrten zurück, und der Strom der Auswanderer aus dem östlichen Europa ergoß sich nach Argentinien, Amerika,! Australien. Nordasrika — Spanien blieb bis jetzt abwärts. Daß übrigens, wie mir Don Josö versicherte, in Portugal überhaupt kein Antisemitismus vorhanden sei, nicht ganz mi! den Tatsachen stimmte, davon hatte ich Gelegenheit, mich persönlich zu überzeugen. Sennor Ben Davisch mit seiner Familie, darunter auch sein vielversprechender Enkel, war nach Paris abgereist, und die sämtlichen portugiesischen Aristokratei hatten ihm das Geleit gegeben und dein jüdischen Patriarchen ihre wärmste Sympathie bezeugt. Bei der Rückkehr machte ec sich, daß ich Begleiter der ehrenreicheu Herzogin war, die sich in enthusiastischen Lobesüberhebungen über den Abgereisten ergine dessenVerstand,LiebenswürdigkeitundKonditiou sie bedingungs lose Gerechtigkeit widerfahren ließ, jedoch dann mit einen leichten Seufzer ihren begeisterten Panegyikus mit folgenden charakteristischen Worten schloß: Ich war bei diesen Worten wie aus den Wolken gefallen diese kalte Douche auf die siedende Hitze des Enthusiasmus machte mich starr vor Staunen. „ki'est ckommLAe, gu'il soll isrrmlite!" („Schade, daß e Jude ist!") Dieser dem Gehege der Zähne der portugiesischen Aristo kratin unwillkürlich sich entrungene Schmerzensruf einer edlei Seele war für mich überraschend und erinnerte mich an der bekannten Ausspruch von Börne: „Der eine liebt mich dafür daß ich Jude bin, der andere tadelt mich deswegen, dock: niemand kann es vergessen, daß ich Jude bin." L'est ckommuK«, g'uil soll isrs ölite, sagten die blaublütigen Aristokraten mit historischem Namen und tönendem Titel. Und was das drolligste bei der Sache ist: ich erfuhr in der Folge daß die Herzogin selbst eine Enkelin spanischer Marannen ist.

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