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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 153 (sequence 11)
Language
German
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153 unter der Asche einer toten Religion begraben zu werden, wieder sein eigener Herr geworden, konnte seiner Bestimmung, Befreier und Rechtsprecher der Menschheit zu sein, entgegen zehen. Frankreich hatte nur gesiegt durch den Elementarunterricht, dadurch, daß es die Niedrigen, die Landbewohner ins ihrer sklavischen Unwissenheit herauszog, aus der mörderischen schwäche, in der sie der Katholizismus seit Jahrhunderten gefangen hielt. Aus dem fluchwürdigen Wort: „glücklich die 'lrmen am Geist", aus diesem totbringenden Irrtum war das Elend zweier Jahrtausende entstanden. Jetzt erschien die Zegende von den Wohltaten der Unwissenheit als ein langes, oziales Verbrechen. Armut, Schmutz, Unbill, Aberglaube, Züge, Tyrannei, Verachtung und Mißbrauch der Fran, Verdummung und Unterdrückung des Mannes, alle physischen und moralischen Uebel waren die Früchte dieser gewollten Unwissenheit, die zu einem System der Regierungskunst und der göttlichen Polizei erhoben waren. Nur die Erkenntnis konnte ie lügnerischen Dogmen töten, diejenigen zerstreuen, die davon Men, die Erkenntnis wurde die Quelle großer Reichtümer, benso wie überquellender Ernten der Erde und der allgemeinen Blüte der Geister. Denn das Glück lag niemals in >er Unwissenheit, es lag in der Erkenntnis, die das elende Zeld materieller und moralischer Not in ein weites fruchtbares Erdreich verwandelte, deren Pflege von Jahr zu Jahr die Reichtümer zu vervielfältigen bestimmt war. So erwarb Marc, »elastet mit Jahren und Ruhm, den schönen Lohn, lange genug zu leben, um den Erfolg seines Werkes zu sehen. Nur u der Wahrheit ist Gerechtigkeit, nur in der Gerechtigkeit liegt as Glück. Nach der Herstellung der Familie, nach der Gründung er Stadt (Anspielung auf die vorhergehenden Romane desselben hklus „Feconditö" und „Travail") war das Volk selbändig geworden, an dem Tage, da es durch volle Bildung llerBürger fähig geworden war für Wahrheit und Gerechtigkeit." Mit dem Angeführten sei es genug. Man kann gegen den cuen Roman Zolas künstlerische, technische, religiöse Bedenken oben;') eins muß man sagen: das literarische Testament aeses bedeutenden Mannes verdient bei allen Freidenkenden uhtung und Anerkennung wegen seiner Entschiedenheit und ines Muts. Jüdische Leser sollten es, wenn auch seine ektüre eine mühevolle ist, kaufen und lesen. Denn trotz alleein — es wird ihre Sache darin geführt. Der Kampf zu »Insten der Juden, das ist der Streit für das Recht. Zolas totto könnte.dasselbe sein, wie der berühmte Anfang'von Börnes atikel für die Juden: „Für Recht und Freiheit sollte ich sagen." Gin Nachkomme spanischer Warannen. Ein Lebensbild aus der Gegenwart. Aon Robert Jljisch, St. Petersburg. IV.?AM Geheimen und mit der größten Vorsicht wurden die Besitzungen, so weit es irgend möglich war, realisiert, ohne den Argwohn der zahlreichen spionierenden Schergen der »eiligen Inquisition zu erregen, und nachdem alles geordnet war, flüchteten meine Ahnen zuerst nach Marokko. Doch auch dort blühte ihnen nicht das Glück, obgleich die daselbst ansässig gewordenen, aus Spanien vertriebenen Maranuen keine Anstrengungen scheuten, um ihren einstigen Bundesgenossen und Freunden ein menschenwürdiges Dasein zu gewährleisteil. Doch die Konstellation war eine nicht geradezu günstige: die Negierung verhielt sich feindselig gegen die jüdischen Flüchtlinge, so daß sich dieselben gezwungen sahen, den Staub Marokkos von ihren Sandalen zu schütteln und nach der Türkei zu pilgern, welche damals allen jüdischen Emigranten aus Spanien generiöse Gastfreundschaft lind weitgehenden Schutz gewährte. Meine Voreltern ließen sich in Konstantinopel nieder, trieben daselbst Handel und Wandel, und das Glück war ihnen hold. Es sind etwa zwei Jahrhunderte her, daß meine Ahnen aus irgend welchen, mir unbekannt gebliebenen Gründen (unser Familienarchiv weist hier eine weite Lücke auf, die ich trotz aller sorgfältig augestellten Nachforschungen nicht ausfüllen konnte) nach Europa zurückgiugen und sich in Portugal, und zwar in Lissabon niederließen. Ich hatte vergessen zu erwähnen, (was übrigens nach allem Gesagten selbstverständlich ist), daß meine Ahnen bereits in Marokko den Katholizismus feierlich abschworen und sich wiederum zum Judentum bekannten, wobei auch die jüngere männliche Jugend, laut der strikten Satzungen des israelitischen Ritus in den Bund der Kinder Abrahams ausgenommen wurde. In Portugal hatte im Laufe dieser Periode eine günstige Umwälzung stattgefunden, und anstatt der einstigen, durch das düstere Regime des benachbarten Spaniens inokulierten politischen Intoleranz und religiösen Unduldsamkeit waren weit mildere Anschauungen und humanere Grundsätze zur Geltung gekommen. Portugal hatte auch seine Jndenaustreibnngen und -Verfolgungen gehabt. Doch in Portugal weit früher als.in Spanien siegte der Helle strahlende Tag der Freiheit über die finstere Nacht der Sklaverei. Was die Gegenwart anbetrifft, so sind die Juden in Portugal, deren Zahl jedoch eine relativ sehr geringe ist, so gestellt, wie man es nicht besser wünschen kann. Sie sind vollständig emanzipiert und irr sozialer und politischer Hinsicht den Bekenner« aller anderen Konfessionen vollständig gleichgestellt. Sie genießen volle bürgerliche und Politische Rechte, sind politische Wähler und wählbar, sowohl in die Kommunalverwaltungen, als auch ins Parlament. Wenn die jüdische Bevölkerung Portugals bis jetzt nur ausnahmsweise von dieser ihr gewährten absoluten Gleichberechtigung Gebrauch gemacht, so erklärt sich das teilweise durch eine höchst bedauerliche Indolenz und Indifferenz, teilweise durch einen noch mehr beklagenswerten niederen Kulturstand. Der Bildungstrieb der Portugiesischen Juden (wenigstens der großen Majorität derselben) ist ein weit geringerer, als bei ihren Glaubensgenossen in den andern europäischen Staaten. Die portugiesischen Juden treiben Handel und Wandel, sind größtenteils, wenn nicht reich, so doch wohlhabend und leben mit ihren christlichen Mitbürgern im besten Einvernehmen. Von den» Gebreste des sogenannten Antisemitismus, von welchem die gesamte Kulturwelt infiziert scheint, ist bei uns keine Spur. Die Bewegung gegen die Hierarchie der Kirche, gegen klerikale Einflüsse nimmt immer größere Dimensionen an. Jedoch selbst die klerikal - reaktionäre Gesinnung des Hofes be 'nflußt nicht im geringsten die allgemein liberale Richtung oer inneren Politik, hat nicht die geringste Rückwirkung auf die Stellung der Juden in Portugal, welche, wie

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