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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 151 (sequence 9)
Language
German
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Ibl gleitet hatte, bei dein offenen Fenster des Knaben vvrbeigekommen, nachdem er eine Weile zunächst ohne böse Lust mit dem Kinde gespielt hatte, plötzlich von verbrecherischer Neigung erfaßt worden, durch die verführt er den sich wehrenden und schreienden Knaben getötet hatte. Der Verdacht lenkt sich jedoch nicht auf ihn, sondern auf den Lehrer Simon. Der einzige bedeutendere Anhalt zu der entsetzlichen, gegen ihn erhobenen Anklage wird in dem Umstand gefunden, daß der Verdächtigte an jenem Abend, an dem er an einem benachbarten Orte einen Besuch abgestattet, gerade in der Zeit, da das Verbrechen geschehen sein mußte, zwischen 10 und V212 Uhr abends, in der Nähe des Tatorts sich besunden haben sollte. Nach seiner Angabe hat er den Zug verfehlt, aus Zorn das Billet zerrissen und den etwa anderthalbstündigen Weg zu Fuß gemacht; da er aber weder auf der Bahn, noch auf dem Heimweg von jemandem gesehen worden war, so wird seiner Versicherung kein Glauben geschenkt. Als weiteres Verdachtsmoment wird gegen ihn sein angeblicher Haß gegen den Verwandten angegeben, der von seinen Eltern dem Christentum zugeführt worden war; als das Gravierendste aber eine Schreibvorlage iiUoäole ä'öeritmo), die in den Mund des Knaben gesteckt war und an deren Schluß Schreibsachverständige die Initialen des Lehrers, E. S., erkennen wollen. Trotz aller Unschuldsbetenerungen, der Versicherung seiner Liebe zu dem Kinde, dem Schwur, daß eine solche Schreibvorlage in seiner Schule niemals gebraucht wurde, wird er zu lebenslänglicher Deportation verurteilt. Die unendlichen Wühlereien klerikaler Blätter, die eine ungeheuere Aufregung in dem Orte hervorriefen, die stets wiederholten Anreizungen der Geistlichkeit, die, wie auf die gesäurte Bevölkerung, so auch für die Geschworenen rächt einfluß* los bleiben, haben ihre Wirkung geübt; den Ausschlag für den Wahrspruch der Geschworenen gab aber ein, natürlich gefälschter Brief, der den zur Beratung Zurückgezogenen von dem Vorsitzenden des Gerichtshofs kundgegeben wurde. Erst nach vielen Jahren kann eine Revision vvrgenommen werden, und zwar auf Grund neuer Indizien, die durch unermüdliche Anstrengungen zusammengebracht werden, in denen sich der Bruder des Verurteilten, David, ein rühriger, sozialistischer Advokat, Delbos, uyd ein ehemaliger Kamerad des Verurteilten, ein christlicher Schulmeister Marc Froment, zusammensinden. Obgleich nun das Bekenntnis des von Gewissensbissen gepeinigten Obmanns der Geschworenen über jenen heimlich gezeigten Brief, obgleich ferner ein halbes Geständnis des eigentlich Schuldigen vorliegt, obgleich die Entfernung sowohl des Verbrechers, als aller seiner Mitschuldigen und Mitwisser ieitens der Oberen als Zugeständnis angesehen werden kann, obwohl der Beweis geliefert ist, daß jene Schreibvorlage unmöglich aus einer Laienschule, sondern aus einer geistlichen Lehranstalt herrührt, obgleich der nnterdeß zum Manne gereiste Knabe, der jene Schreibvorlage in das Zimmer Zophirins gebracht, sich gemeldet hat, obgleich die Initialen bestimmt als die eines anderen Lehrers nachgewiesen sind, erfolgt eine neue Verurteilung Simons. Unmittelbar darauf wird freilich von der Staatsbehörde die Begnadigung des zweimal Verdammten ausgesprochen. Er begibt sich zu seinem Bruder David, in einen entfernten Teil Frankreichs, lebt dort ruhig, aber schwach, elend und gekränkt, weil er eben nur begnadigt »nd nicht freigesprvchen ist. Doch er erlebt die wirkliche Befreiung. Wiederum nach Jahren erfolgt, nachdem seine Unschuld endgültig bewiesen worden ist, seine völlige Rehabilitierung. Kinder und „Enkel seiner Mörder", Bewohner seiner nun blühenden und freien Vaterstadt, vereinigen sich zu dem Zweck, ein Haus zu bauen, in dem er »nd die Seinen wohnen sollen. Eine ihn ehrende und seine Unschuld beteuernde Inschrift wird angebracht, er und die Seinen feierlich eingeholt, er lebt geachtet und geehrt in dem ihm geschenkten Hanse und stirbt im Bewußtsein, daß seine Unschuld allgemein anerkannt ist. Man sieht: alles ist nach dem Dreyfuß-Prozeß gearbeitet. In einer der unzähligen Unterhaltungen kommt sogar auch „der Hauptmann" vor; das ominöse Wort ,atUäee", womit man in Frankreich die Dreysuß-Sache bezeichnet, wird mehrfach gebraucht. Alles ist der Wirklichkeit abgeschrieben: der Zettel, jene Schreibvorlage, von der ein kleines Stück abgerissen ist, die Schreibsachverständigen, die mit aller Sicherheit den Schreiber bezeichnen, der elende Zustand des Deportierten, die Geheimhaltung des Termins seiner Rückkehr, seine Ausschiffung in einem dem Publikum nicht bekannten Ort, die unermüdliche, wenn auch zunächst nicht durch den Erfolg gekrönte Tätigkeit des Bruders, das Bemühen des Anwalts, der durch das Scheitern der durch ihn vertretenen Angelegenheit seinen Rus gefährdet und seine Praxis aufs Spiel setzt. Die zweite Verhandlung, wobei statt Rennes der Ort Rozan genannt wird, mit ihrem traurigen Ausgange; das rührende Wiedersehen des unschuldig Verurteilten mit Bruder und Frau, seine Unkenntnis aller der von seinen Freunden getanen Schritte, die schließlich zur Revision führten, das wenig Heroische im Auftreten des Angeklagten im Laufe seines zweiten Prozesses u. s. w. Während aber die Wirklichkeit einstweilen mit der Begnadigung des schwergeprüften Mannes schließt, der nun in Paris ein Stilleben führt, in dem durch ihu oder seine tätigen Freunde ab und zu das Gerücht von der Wiederaufnahme der Angelegenheit erschallt, schildert der Roman ein Zukunftsbild, leuchtend und hell, das Bild einer freien Gemeinschaft, blühender Städte, in denen Wohlstand, Vernunft, politische Freiheit herrscht, in denen man keinen Unterschied der Konfessionen und Religionen kennt. Es ist, wenn man das Wort gestatten will, das weltlichmessianische Reich, das Reich der Wahrheit und der Freiheit. So könnte man das Buch einen Judenroman nennen, und doch spielen die Juden mehr eine leidende, als eine tätige Rolle. Die wenigen Männer und Frauen jüdischen Glaubens, die Vorkommen, sind keine Heroen, nicht einmal besonders sympathische Persönlichkeiten. Ein wahrhafter Held ist nur David Simon, der Bruder des Märtyrers, ein wirklicher David im Kampfe gegen den Goliath der Volkswut und der geistlichen Verblendung. Er läßt sein großes Fabrikunternehmen durch einen Fremden verwalten, um Geld für seinen Feldzug zu Gunsten der Gerechtigkeit und Wahrheit und zugleich zu Gunsten seines Bruders zu erlangen und verwenden zu können und doch seine Zeit und Kraft frei zu behalten; aber wir hören nnr, daß er tätig ist, ohne ihn jemals am Werke zu scheu. Die klebrigen sind stille Dulder: Simons Frau und seine Kinder, seine Schwiegereltern, die alten Lehmann, die in ihrem alten, schmutzigen Hause wohnen bleiben, oft genug beschimpft und geschädigt durch die rohe Volksmenge. Sie müssen, da sie in der kleinen Stadt, aus der sie sich nicht entfernen mögen, nichts verdienen können, für einen Hungerlohn Pariser großen Geschäften Arbeiten liefern und verkommen fast im Elend. Eine stille Kraft der Entsagung lebt auch in den Kindern, sie werden nicht etwa Handelsjuden, sondern Lehrer. *

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