Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 150 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228541--59618-3296147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

15« Volkssanges: es gibt überall Tschechen, sie koimnen selbst zn den Menschenfressern und erklimmen hier den Gipfel, ans dem die Häuptlinge thronen. Das Lied hat nicht nur einen tiefen Sinn, sondern enthält auch manche, wenn auch verborgene Wahrheit. Unsere Herren Tschechen werden nun bei dem Rufe „Servus Brezina" fürchterlich nervös. Eine Gerichtsverhandlung, die in den letzten Tagen in Wien stattfand, zeigte dies sehr deutlich. Ein Hofopernsänger hatte während der Aufführung der „verkauften Braut" den Namen Brezina in einem inprovisierten Satze gebraucht. Der harmlose Sänger wurde deshalb, angeblich von einem Kollegen, denunziert, am nächsten Tage bringt der tschechische „Moniteur" in Prag einen schwermütigen Artikel, es kommt z» einer Ehrenbeleidigungsverhandlnng — aber Oesterreich bewegt sich noch weiter in seinen Angeln. Unsere Herren Tscheche» sind sehr wehleidig geworden, dieses verzärtelte Volk leidet an unheilbarer Großmannssucht. Einer seiner Vertreter ist sogar unter die Talmudkenner des Reichsrats gegangen, er teilt nun diesen Ruhm mit dem Stampiglien-Schneider. Der tschechische Talmudkenner führt den poetischen Namen Kramarz (sprich und lies Kramarsch). Bei einer der jüngsten Verhandlungen im Parlament nämlich leistete sich Herr Kramarsch eine Bemerkung, welche die Talmud- Dialektik verspotten sollte. Herr Kramarsch, Sie werden nervös, wenn man Brezina ruft, und wir Juden wünschen. Sie mögen von Pflaumenmus (sprich und lies Powidl) reden, oder von anderen Erzeugnissen und Heldentaten Ihres großen Vaterlandes, lassen Sie uns aber unser» Talmud in Ruhe, von dem verstehen Sie nichts. Da sitzt in dem Tschechenklub ein getaufter Jude, der tschechische „Volksjude", wie man ihn nennt; der Mann heißt Stransky, seines Zeichens Advokat, Volksvertreter und Zeitungsschreiber. Er hat schon öfters unfern Volksvertretern ein Kolleg über Antisemitismus gelesen, und ihnen eine derbe Lektion erteilt; nun hat er es erleben müssen, von seinen Herren „Konnationalen" etwas unsanft abgeschüttelt zu werden, weil er so klug war, gegen die tschechische Obstruktion, vulgo Zeitverzettelung, zn sprechen. Lieber Stranskp, Sie werden noch manches erleben. Man wird kein Tscheche durch Tauswasser. Der „Brezina" mag unter den Kannibalen seine Leute finden, „unsere Leute" bleiben es, auch wen« sie mit den tschechischen Löwen um die Wette brüllen. Diese Lehre in ihrer ganzen Kraft fühlen zn müssen, hätten Sie sich, Herr Stranskh, ersparen können. „Unsere Leute" werden von den Rassemenschen der heutigen Zeit nie als gleichwertig anerkannt werden. Das hat Herr Auspitz. Zuckerfabriksbesitzer, Schwager des Herrn von Gompertz, Millionär, Vorstandsmitglied der Großgemeinde Wien, vor einigen Tagen erfahren müssen. Ihn, einen der besten Kenner unserer Zuckerindustrie und Zuckersteuerfrage. hat man in den Ausschuß nicht ausgenommen, der über diese wichtigen Fragen im Parlamente verhandeln soll. „Warum nicht?" fragen Sie, ich auch, und andere ebenso. Die Antwort lautet: „Weil er ein Jude ist." Auspitz, Millionär und Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde Wien, hat so alt werden müssen, sein patriarchalischer Bart mußte ganz grau werden, ehe ihm die Wahrheit der grauen Theorie klar wurde: Setz' Dir Perücken auf von Millionen Locken, Du bleibst doch „Einer von unsere Leut." Und darum Räuber und Mörder, das heißt in unser gutes Deutsch übertragen darum opferte Auspitz Tausende, um dann von seinen allerwertesten Freunden an die Luft gesetzt zu werden. Er ging, er hat sich definitiv ins Privatleben zurückgezogen; ihm nach aber tönte der Donnerruf: Zuckerjude, — beileibe kein Kosewort - Börsenjude, lind was der Süßigkeiten noch mehr sind, „Wer dies rief?" fragen Sie, frage ich und noch andere; Sie meinen, es seien Antisemiten gewesen, die sich dieser zärtlichen Worte bedienten. Es waren Antisemiten, aber nicht allein die vielgelästerten Christlich-Sozialen, nein, es ertönte dieser Rui auch aus den Kehlen der Herren Sozialdemokraten, Deutsch- Volklichen, Tschechen und Altdeutschen, es werden ein Paar „Fortschrittliche" ebenfalls dabei gewesen sein. Unter solchen Auspizien endete die Herrlichkeit des Herrn Auspitz. Aufrichtig gesagt, das Gewitzel ist bei solchen Erscheinungen nicht sehr am Platze. In Oesterreich darf man heute alles sein, nur kein Jude. Stranskh und Auspitz — was haben diese mit den Inden zu tnn? Unsere Zuckergrößen, sind sie Juden, weil sic zufällig von Inden abstammen? Und wie viele unter den Zuckergewaltigen sind Barone, Grafen und Fürsten, um nicht höher zu gehen. Und doch wird das ganze Spekulantentum in untrennbaren Zusammenhang mit unserem Judentum gebracht und nicht beachtet, daß die wahrhaft reichen Zuckerfabriksbesitzer Nachkommen der alten Raubritter, aber keineswegs Abrahams Jsaks und Jakobs sind. Sie, Herr Kramarsch, werden über den Brezina nervös Was ist das Lied von Brezina? — ein Gassenhauer. Tragen Sie es aber uns Juden nicht nach, daß wir auch darüber nervös werden, wenn Sie alle unsauberen Dinge mit dein reinen Ehrenschilde des Judentums in Verbindung bringen Schachern Sie nur weiter zur Erlangung Ihrer Vorteile, Sie können sich dabei Ihrer Dialektik bedienen, die Talmnd-Dialektll verstehen Sie nicht, die ist für Sie zu hoch und -- zu rein, lvvri. Iotas letzter Noinan? Von Ludwig Geiger. iu schlechter Roman und ein gutes Buch. Freilich ein Werk, zu dessen Lektüre viel Geduld und Zeit gehör! Demi die 749 enggedruckten Seiten des französischen Originals würden etiva 1500 Seiten des modernen deutschen Romanformats snllen, also 5 Bände ansmachen, ein Quantu» das selbst ein Lesehungriger nicht gern und leicht verschling- Zudem krankt das Werk, wie die Altersarbeiten Zolas sämtlicl an unendlichen Wiederholungen und einem allzu sichtbaren Doktrinarismus. Aber die Tendenz ist eine erfreuliche, nainem lich für die Leser dieses Blattes erbauliche, und so lohnt e zumal als das letzte des so tragisch verstorbenen Meisters, eil ausführliche Betrachtung. Der Inhalt des Romans ist trotz seines großen Umfan« > leicht erzählt. In einer kleinen Stadt wird eines Morgens ein Knab Zephirin, der Neffe eines jüdischen Schullehrers Simon, i > emem kleinen, von dem Kinde allein bewohnten Zimmer g schändet und ermordet aufgefuuden. Der Täter ist, wie freist!) erst gegen Ende des Romans bewiesen wird, der Priest r Gorgias, ein sinnlicher Mensch, voll heftigen Temperament der allerlei Laster begangen, aber durch seine rasche Bekennst» - lust immer wieder die Verzeihung seiner Oberen erlangt ho! Er war, nachdem er einen anderen Zögling nach Hanse bist stss öviMAiIss. Völ'iiö Pitt' Irimle /«!:>. Ist» 18, liibb i Ilwguv Llttupsutier 1903. gleitet > komm«! mit dei Neiguip und sch jedoch einzige hoben« dächtigt Orte eii brechen in der s> Angabe und dei er aber jemand« kein Gst gegen il gegeben worden l.VIucto!«: und an Lehrers tenerun Schwur inals g« verurtei eine un wiederh samte B los blei WahrsP fälscht« Vorsitze: vielen und zw Anstreu Bruder Advoka! urteilte« finden, gepeini« gezeigte eigentli des Ve ieitens obwohl nnmög Lehran Knabe, gebrach als die neue T von d« dämmt David, aber sc und ni D. Jahre«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.