Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
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14!» haßt die andere, keine will auch nur einem Staatsbürger das Recht verkürzen. Die friedliche Auslegung der Parteiprogramme beginnt in der üblichen ergötzlichen Weise. Leider sind die Wähler an diese Kost schon zu sehr gewöhnt, als daß sie irgend welchen Eindruck machen könnte. Aber ergötzlich bleibt es darum doch und eigentlich auch recht, recht traurig. Wo sind die heutigen Poseure in der parlamentstoten Zeit? Wo sind sie, wenn man sie ruft, wenn man sie erwartet? Die Vertreter des Bundes der Landwirte vergessen ihren Antisemitismus, die Konservativen wollen jedem Menschen besonders den Juden volle Gerechtigkeit widerfahren lasse». Ich habe es dieser Tage selbst erlebt, daß ein Antisemit sich in seinen Anschauungen so weit prostituiert hat, daß er nicht alle Juden für schlecht hielt. So ordnen sich die Parteien zum Kampfe. So ist die Bewertung des Wählers, dieser Spezies des komo evmimmis der kritischen Zeit. Ist eigentlich in diesem Jahre irgend eine Neuerscheinung, die ein besonders intensives Interesse des einzelnen Wählers rechtfertigte? Wenn auch rein politische Fragen hier und da den Jndifferentismus des „Volkes" aufrütteln mögen, etwas, was wirklich die jetzt so oft betonte Volksseele erweckte, gibt es diesesmal eigentlich nicht. Wohlverstanden nicht mehr als bei anderen Wahlen. Nur im Osten, dem Lande des Antagonismus, dem Lande der zärtlichen Fürsorge der Regierung, dem Tummelplatz aller Leidenschaften, da ist es vielleicht anders, aber nicht besser. Da steht nicht nur Partei gegen Partei, nicht nur wirtschaftliche Bejahung zu wirtschaftlicher Verneinung, da steht Nation gegen Nation.. Da muß paktiert werden, da werden Kompromisse geschlossen, die so oft schon eine ganze Partei kompromittierten. Da kann sich jede Gruppe, jedes Grüppchen für das „Zünglein an der Wage" halten und Mandatsansprüche erheben. Da haben die Ereignisse der letzten Zeit wohl keine Veränderung, aber eine Verschärfung der Gegensätze geschaffen. Da ist jeder einzelne Wähler besonders wertvoll und die Wähleracquisitionen die kühnsten und lustigsten. Zu Wahlzeiten schätzt man da den Juden als Deutschen und Wähler. Im allgemeinen ist der wählende deutsche Jude seinen Mitkontrahenten da die sympathischste Erscheinung. Er gibt sich mit den laülichen Erklärungen der Kompromißkandidaten zufrieden, er ist förmlich wunschlos, er stößt sich nicht daran, daß nebenan in einem Wahlkreise dieselben Konservativen, die er unterstützt, wohlgefällig antisemitischer Wahlmache znsehen. Er ist so tolerant, der wählende deutsche Jude, daß er noch nie ernsthaft den Gedanken erwogen hat, daß bei allem Paktieren auch einmal ein Changieren der Personen und Parteien stattfinden könne, daß vielleicht gar einmal — ein Jude von der sogenannten mittleren Linie als Kandidat seiner Partei für den Reichstag aufgestellt werden könnte. Der Gedanke wird sicherlich auch diesesmal nicht ernsthaft erwogen werden. Es wäre ja gegen alle Tradition, um nicht Subordination zu sagen. Aber kräftiger werden darum die Lobeshymnen auf die guten deutschen Juden ertönen. Und das wird so fortgehen, bis der deutsche Reichstag seine Volksvertreter gewählt bekommen hat. Kein Mensch wird der an, genehmen Zugeständnisse des Herrn Justizministers bei Gelegenheit der Interpellation Peltasohn gedenken. Keiner wird die traute Harmonie unserer für jegliche Gleichheit schwärmenden Kandidaten durch die Konstatierung der Tatsache stören, daß unsere Kompromißsendboten ganz auf seiten des Herrn! Ministers zu finden waren. Der Standpunkt des laissor-aller! laisssr-taire ist für den Augenblick so schön und die Entsagung wird so nett gelobt und anerkannt, bis die Wahlen vorüber sind. Dann, ja dann ist s anders. Die Notwendigkeit der Einigung aller Parteien wird immerzu betont. Kein Unterschied zwischen jeglichen Deutschen! ist die Losung, parteilicher und konfessioneller Friede das Panier. Hans von Mosch hat dem Kreise Meseritz-Bomst seine! Person für eventuellen Bedarf sreurchlichst zur Verfügung ge-! stellt. Auch in Flatow-Deutsch-Krone erwartet man die liebenswürdigen Friedensapostel aus der Gefolgschaft der Herren Liebermann von Sonnenberg und Ahlwardt. Aber! sonst sind die Aussichten für die kommenden Reichstagswahlen! die allerfriedlichsten.! Und es gibt mehrere Wahlkreise, in denen die Juden P6I80NL6 gratao sind. Das sind nämlich die Wahlkreise, die die Ehre haben, trotz! einer sehr erheblichen liberalen Wählerschaft gleich im ersten Wahlgauge einen Konservativen als Kompromißkandidaten wählen zu dürfen. Der ideale Zustand, die schöne Zeit hat begonnen. Die Vertreter des Bundes der Landwirte haben ihren Antisemitismus vergessen, auch die Konservativen wollen jedem Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen — besonders den Inden und im besonderen — den Posener Juden. Wäre es da nicht sündhaft, jetzt die Gegenrechnung aufzumachen? Brief aus Oesterreich. Anfang März. ie wissen doch Wohl, Herr Redakteur, daß wir Oesterreicher sehr gemütliche Leute sind. Sie wissen es nicht? Dann haben Sie noch nie einer österreichischen Volkssängergesellschaftgelauscht, noch nie einer Reichsratssitzung in unserem griechischen Parlamentsgebäude beigewohnt. Die Volkssänger lassen auf dem Brettel jetzt ihr: „servus IZrsxina" (lies und sprich Brschesina) ertönen, und merkwürdig, auch der gewaltige Biertrinker und Teutvmane Schönerer brüllt diesen lieblichen Refrain, besonders, wenn unsere Tschechisch-Radikalen — wir verfügen auch über diese „Fraktion" — mit der Obstruktion einsetzen. Dies ist ja der klassische Ausdruck für das Zeitvertrödeln im Parlament ans Kosten des jammernden Steuerzahlers und zu gunsten des lachenden Diäten verschlingenden „Volksvertreters". — Sie wünschen, ich möge Ihnen und Ihrem hochgeschätzten Leserkreise das „Servus Brezina" erklären. Es soll geschehen, denn die ominösen Worte drohen fast zum Schlachtrufe iir unserem an Schlachtrufen nicht ganz armen Oesterreich zu werden. Der Herr Brezina, der Held eines jetzt viel gesungenen und viel berufenen Volksliedes, ist also eine Art Kolumbus. Er geht auf Entdeckungen aus, kommt nach Ostafrika, nach dem wildesten Asien, wo die Menschenfresser wohnen, natürlich droht ihm auch die Gefahr, verspeist zu werden, aber sieh'da, überall entdeckt er tschechische Landsleute, die Indianer- und andere Häuptlinge geworden im Augenblick der höchsten Not den armen Brezina als Landsmann erkennen und ihm kräftiglich „Servus Brezina" zurufen. Große Freude des Wiedererkennens! Wie Sie, Herr Redakteur, und andere Kulturmenschen sehen, ist der „tiefere Sinn" dieses