Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- Seite 147 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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147 Handels- und leider auch finanzpolitisch interessiert, aber diese Interessen sind ebensowenig bedroht, wie die des Friedens, wenn Deutschland in energischer Weise die rumänische Regierung an die Pflichten der Menschlichkeit mahnt. Rumänien ist korrumpiert durch ein blut> saugerisches Heer von Beamten. Leider war Deutschland viel öfter beteiligt bei der Niederhaltung als bei der Befreiung der Völker! Deutschland ist einer der Unterzeichner des Berliner Vertrages, Deutschland ist mit verantwortlich für die rumänischen Zustände. Die dort Unterdrückten schauen hilfeflehend auf das Deutsche Reich, und es geht jetzt die dringende Mahnung an die deutschen Staatsmänner ihre Pflicht zu tun, damit es nicht wieder heiße wie im „Don Carlos": „Verkauft, verkauft und wiederum verkauft von dem berühmten Handelsmann im Norden!" (Lebhafter Beifall.) * Professor Delitzsch läßt nicht nach. Sein zweiter Vortrag liegt jetzt in der neuen Ausgabe vor. Er ist um ein Vorwort „Zur Klärung" bereichert. Professor Delitzsch druckt Jesaias 63,1-6 ab und protestiert dagegen, daß solchen „altisraelitischen Orakeln" ein Offenbarungscharakter zuerkannt werde. Er selbst nehme seine Zuflucht zu dem, der im Lebeu und Sterben gelehrt habe: „Segnet, die euch fluchen." Das Vorwort ist sehr kurz; es wird auch „zur Klärung" nur wenig beitragen. Es enthält sich jeder Bezugnahme auf die Aufsätze des Kaisers und Harnacks und auf die mannigfachen Vortrüge und Aufsätze, die an diese Abhandlungen anknüpften, sondern begnügt sich mit Schmähungen auf die Bibel, wie sie von Dilettanten auf kritischem Gebiet vor fünfzig Jahren vorgebracht wurden. Herr Delitzsch gelangt immer mehr auf den Standpunkt Ghillanhs, Bruno Bauers, Radenhausens und — Chamberlains. Wie schade! Wir werden natürlich trotz alledem die Ausfälle Delitzschs gegen die Bibel von fachmännischer Seite beleuchten lassen. 4 Wie weit die Verwirrung in Oesterreich gediehen ist, zeigt eine Interpellation sehr deutlich, die die Wiener Antisemiten im Reichstag eingebracht hatten, und die wir als ein Dokument zur Kulturgeschichte hier im Wortlaut veröffentlichen: „Das Kuratorium der Bauerufeld-Stiftung hat in seiner Sitzung vom 16. März 1903, welcher die Mitglieder Minister für Kultus und Unterricht Dr. v. Härtel, Dr. Alfred Freiherr v. Berger, Professor der deutschen Literaturgeschichte an der Wiener Universität Dr. Jakob Minor und Dr. Edmund Weißl beiwohnten, einstimmig beschlossen, aus den Erträgnissen der Bauernfeld-Stiftung einen Preis von 2000 Kronen dem Literaten Artur Schnitzler für seinen Einakterzyklus „Lebendige Stunden" zu verleihen. In dieser Verleihung erblicken die Unterzeichneten Abgeordneten eine Verletzung der Rechte der nichtiüdischen Schriftstellerwelt unsrer Heimat und einen Verstoß gegen den Zinn und Zweck der Stiftung und die unbegründete Auszeichnung ines nicht preiswürdigen Werks, und zwar aus folgenden Gründen: Das preisgekrönte Werk, die vier Einakter „Lebendige Stunden", hat weder bei seiner Aufführung in Berlin noch bei der durch das Ensemble des Berliner Deutschen Theaters im Wiener Carl-Theater, noch auch >ei der kürzlich im Wiener Deutschen Volkstheater erfolgten Auführung eine tiefere Wirkung geübt oder auch nur oberflächlich den Eindruck eines Dichterwerks gemacht. Die ausdrückliche Rangerhöhung desselben durch eine Prämiierung in Wien muß daher im Ausland die falsche Vorstellung erwecken, als hätte das österreichische Schrifttum tatsächlich keine besseren Produkte aufzuweisen als derlei Minderwertigkeiten. Die Meinung des Auslands über die heimische Literatur wurde aber durch das Vorgehen des Bauernseld-Kuratoriums auch noch in weiterer Hinsicht konsequent irregeführt, da die Preise der Stiftung innerhalb ganz kurzer Zeit einer unverhältnismäßig großen Zahl von indischen Literaten zugewiesen wurden, und zwar solchen von untergeordneter Bedeutung. Es sind dies: Dr. Leo Hirschfeld, prämiiert!nr die Komödie „Die Lumpen", der Erotiker Felix Dörmann (richtig Biedermann) für ein gänzlich verschollenes Drama „Der Herr von Abadessa", der Literarhistoriker Dr. Emil Horner für eine Bauernfeld- Biographie. der Librettist von Operettentexten Viktor Leon (richtig Hirschfeld) für ein vor langer Zeit gegebenes Stück „Gebildete Menschen" und schließlich Artur Schnitzler für die „Lebendigen Stunden". Unter diesen Umständen muß im Ausland die irrige Anschauung entstehen, daß einerseits die deutsche Literatur in Oesterreich fast nur von Juden geschrieben wird, andererseits ihre Qualität eine äußerst niedrige ist. Diese unleugbare Bevorzugung jüdischer Literaten durch das Kuratorium der Bauernseld-Stistung bedeutet aber auch eine Zurücksetzung und die Mitarbeit an der Unterdrückung der nichtjüdischen Schriftsteller Oesterreichs, die, durch den Boykott der einflußreichen jüdischen Presse und die Kartelle der jüdischen Gewerbsliteratur schon an sich in bedrängter, mitunter trotz ihrer Begabung fast aussichtsloser Lage, gerade auf die ethische und materielle Förderung durch ähnliche Einrichtungen, wie die der Bauerufeld-Stiftung ist, als einzige Hoffnung Hinblicken und die schwere Enttäuschung erleben müssen, mit Abfällen abgespeist oder übergangen zu werden. Die Verleihung ist endlich gegen die Absicht der Bauernfeld-Stiftung gerichtet, in deren Sinn es gewiß nicht liegt, die Ausbreitung des semitischen Geistes in der Literatur zu fördern, welcher das sittliche und ästhetische Gefühl der Stammbevölkerung Oesterreichs oft genug, so auch in den Werken der prämiierten Hirschfeld, Schnitzler und Dörmann, gröblich verletzt, die Vertreter dieser fremden Richtung in unserm Schrifttum aber auf Kosten der autochthonen Dichter und Schriftsteller za stützen und im Einflüsse zu steigern. In Erwägung dieser Tatsachen richten die Unterzeichneten an Seine Exzellenz die Anfrage: Wie gedenkt der Herr Minister als Mitglied des Kuratoriums der Bauernfeld-Stiftung die abermalige Bevorzugung eines jüdischen Literaten, wie sie durch die Zuerkennnng des Bauernfeld-Preises an A. Schnitzler gegeben ist, angesichts der bereits vorangegangenen unverhältnismäßig großen Zahl von Prämiierungen jüdischer Literaten aus dieser Stiftung, angesichts der zahlreichen, wirklich Förderung bedürftigen und vermöge ihres Talents auch würdigen nicht jüdischen Schriftsteller und angesichts der Verantwortung, welche die Einhaltung der Zwecke der Bauernfeld- Stiftung dem Kuratorium auferlegt, zu rechtfertigen?" Natürlich haben sich die Witzblätter sofort der Sache bemächtigt und bemerkt, es sei eine Petition in Aussicht, die um größere Berücksichtigung der katholischen Dichter gegenüber Heiden und Protestanten, wie Homer, Shakespeare, Schiller und Goethe, den österreichischen Kultusminister dringend bittet. 4 Ein langjähriger, von allen einsichtsvollen Männern im Judentum gehegter Wunsch dürfte in absehbarer Zeit in Erfüllung gehen. So schwer die Maigesetze auf unseren Brüdern in Rußland auch lasten, die Bürde würde sich noch leichter tragen lassen, wäre das korrupte Beamtentum nicht da, welches durch rechtswidrige Anwendung dieser Maigesetze Rnßland^den Juden zu einer wahren Hölle zu machen weiß. Gegen solche Extraverfolgungen ließe sich schon auf dem Boden des bestehenden Rechts viel machen, wenn die Juden Rußlands die! wenigen ihnen noch übrig gelassenen Rechte energisch wahrnehmen und gegen jede willkürliche Verdrehung derselben durch bakschichlüsterne Tschinowniks eventuell an den Senat appellieren würden. Die Juden dürften beim höchsten russischen Gerichtshof um so eher Recht zu finden hoffen, als derselbe aus alten Würdenträgern zusammengesetzt ist, die in ihrer ruhigen und l abgeklärten Weltanschauung über alle kleinlichen antisemitischen i Chikanen erhaben sind. Leider ist nicht jeder jüdische Hand- ' werker, den ein böswilliger Pristaw aus dem Innern Rußlands ausgewieseu, und nicht jeder arme Dorfjude, den der Dorfschulze widerrechtlich von seinem alten Wohnorte auf dem flachen Lande vertrieben und dadurch brotlos gemacht hat, fähig oder in der Lage, seine Angelegenheit bis vor den Senat zu bringen. Viele von ihnen sind auch zu furchtsam, um ihre Interessen gegen eine hohe Obrigkeit zu vertreten, und so