Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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s Dr. Meyer und ihm 1848 begründeten jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Hannover, das Licht der Welt erblickt hatte; unser verehrter Landrabbiner Herr Dr. Gronemann nahm Veranlassung, in seiner Predigt zum Sabbath Schekalim der versammelten Gemeinde zu schildern, was sie selbst und^was ganz Israel in dem ausgezeichneten Manne, vortrefflichen und hervorragenden Juden besessen. Am 2. Adar selbst fand in der Aula der Lehrerbildungsanstalt die eigentliche GedenkfeierItatt, zu welcher außer den Fanlilienmitgliedern, dem Landrabbiner llnd dem Lehrerkollegium, eine Anzahl Vorsteher und Repräsentanten der Synagogengemeinde sowie Vorsteher des Seminaristen- Nnterstützungsvereins u. a. erschienen waren. Die Feier wurde eingeleitet durch den Vortrag eines vom Chordirektor Herrn Rose hierzu komponierten hebräischen Gesanges, aus welchen die von dem Abiturienten Herrn Lehrer Korber sehr stimmungsvoll vorgetragenen Gebete folgten. Hierauf bestieg Herr Seminardirektor Dr. Knoller das Rednerpult, um in einer formvollendeten, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Rede den Lebenslauf, die Verdienste und das vorbildliche Wirken des sel. Professors Frensdorfs zu schildern. Hatte am Sabbath Herr Dr. Gronemann hauptsächlich die wissenschaftliche Bedeutung, seine Verdienste uni die Bearbeitung der Maßorah geschildert, und die Gediegenheit und Lauterkeit Frensdorffs mit der goldenen Menorah der alten Stiftshütte verglichen, so entrollte Herr Dr. Knoller ein getreues Lebensbild Frensdorffs als Mensch und als Lehrer und Leiter des Seminars an der Hand des Lebensmottos des Gefeierten Ps. 37. V. 37: „Habe acht auf den Rechtschaffenen und sieh auf den Redlichen." Dieses Psalmistenwort gab der Redner auch den Abiturienten mit auf den ferneren Lebensweg und ermahnte sie zu eifrigem Wirken und Streben im Geiste Frensdorffs, treu sich selbst und der Religion der Väter. Nach der alljährlich zu dieser Zeit stattfindenden Verteilung der Prämien aus der Professor Frensdorfs- und Landrabbiner Dr. Samuel Meher-Stiftung für die besten Preisarbeiten, schloß die allen Teilnehmern unvergeßliche Feier mit dem Chorgesange: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!" N. 8. Geisa, 15. März. Am 10. d. M. fanden die irdischen Ueberreste des einem tückischen Leiden in bester Manneskrast erlegenen Lehrers Isaak Baumgart in Stadtlengsfeld (Großherzogtum Weimar) in heimatlicher Erde die letzte Ruhestätte. Vier unmündige Kinder und eine hochbetagte Mutter haben in ihm die einzige irdische Stütze verloren. Das reiche Geleite, das ihm von den Bürgern seiner Vaterstadt, dem Kriegerverein, den jüdischen und christlichen Kollegen und der Schuljugend geweiht wurde, ließ selbst den Fremden erkennen, daß hier ein guter Mensch, ein treuer Kamerad und Kollege, ein aufrichtig geschätzter Bürger feiner Vaterstadt zu Grabe getragen wurde; die jüdische Gemeinde verlor in ihm nicht nur den Kultusbeamten, sondern das Vorbild eines gläubigen, gottvertrauenden Jehudi, dem auch die schwersten Schicksalsschläge die innige Hingebung an den göttlichen Willen nicht zu rauben vermochten. Die zahllosen Tränen aber, welche an seiner Gruft über wetterharte Züge von Männern und über die von Trauer erblaßten Kinderwangen rollten, sie bezeugten, daß er die höchste Krone errungen, die des Lehrers Leben ziert: die Liebe, welche Geschlechter überdauert. --Frankfurt a. M., 12. März. Die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" hielt in der vorigen Woche hier ihre Generalversammlung unter dem Vorsitz von CH. Hallgarten ab. Den Geschäftsbericht erstattete Direktor Frauberger- Düsseldorf. Die Schwierigkeiten, die sich der vor einigen Zähren gegründeten Gesellschaft in den Weg stellten, waren groß, da brauchbare Photographien alter Synagogen und Kultusgeräte nicht vorhanden waren, bei der Aufnahme der oft versteckt liegenden Synagogen sich allerhand Unzuträglichkeiten ergaben, Frauberger des Hebräischen nicht kundig ist und nur in seinen freien Stunden sich mit der Sache beschäftigen konnte. Trotzdem ist mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mitteln Außerordentliches geschehen. Frauberger besuchte die jüdischen Ausstellungen in London, Paris und Wien, die altertümlichen Synagogen in Worms und Prag, besichtigte Fürth und Amsterdam, bereiste dann auf Kosten des Herrn Hallgarten in Begleitung eitles Künstlers und stellenweise eines Antiquitätenhändlers ganz Italien, wo aber nur Gegenstände aus dem späten Mittelalter und der Renaissance gefunden wurden. In der Zeit ihres Bestehens hat die Gesellschaft 29 750 Mark ansgegeben, u. a. für Restaurierung des Bades in Friedberg 1500 Mark. Frauberger hielt 15 Vorträge in verschiedenen Städten Deutschlands. Von Publikationen erschienen zwei Hefte und ein Notizblatt; Heft 3, Notizblatt 2 und 3, möglicherweise auch 4. werden im Laufe des Jahres erscheinen. Nach Beendigung des Berichts dankte der Vorsitzende Direktor Frauberger für seine eifrige Tätigkeit. Wahlen hatten nicht stattgefunden. Mitgeteilt wurde, daß an Stelle des verstorbenen Georg Speyer, Wilhelm B. Bonn die Kassawahrung übernommen hat und Rabbiner Dr. Seligmann in den Vorstand kooptiert worden ist. — Auch bei uns passieren oft merkwürdige Dinge. In unserm Nachbarort Heddernheim starb vor kurzem ein Arzt christlichen Bekenntnisses. Dessen Praxis übernahm ein jüdischer Arzt unter freundlichster und dringendster Empfehlung, Alle Patienten des Verstorbenen erklärten sich einverstanden, nur das Augusta-Viktoria-Stift ließ dem Arzt durch ein Mädchen sagen, fit bedauerten sehr, sie könnten aber in ihrem christlichen Stifr keinen Israeliten anstellen! Dies tut die Verwaltung einer Anstalt, die wesentlich durch die Unterstützung von Juden gegründet wurde und unterhalten wird, einer Anstalt, die sich stets als „interkonfessionell" ausgab! Sollten die Damen der betreffenden Verwaltung nicht einsehen, welchen Schaden sie sich und anderen durch solches Verfahren zufügen? — Darmstadt, 12. März. In der Zweiten hessischen Kammer interpellierte in der vorigen Woche bei der Beratung des Kapitels „Volksschule" der Abgeordnete Reinhard die Regierung „über dir Regelung der Verhältnisse der israelitischen Neligionslehrer und dir im Sinne des im vorigen Jahre von beiden Kammern angenommenen Antrags Backes erfolgten Schritte." Ministerialrat Eisenhuth erwiderte, daß dies zum Ressort des Ministerialrats Best gehöre, welcher momentan leider am Erscheinen verhindert sei. Wie es in beteiligten Kreisen heißt, sollen übrigens die Arbeiten zur Vorlage des betreffenden Gesetzes demnächst beschleunigt werden. Es wäre dies sehnlichst zu wünschen a. Nürnberg, 12. März. Heute wurde unter großer Beteiligung insbesondere seitens der Lehrerschaft, Herr Hermann Senger. Lehrer an der städtischen Simultanschule, zu Grabe getragen. Der Verblichene, welcher seit dem Jahre 1875 bis zum vorigen Jahre als Volksschullehrer dahier tätig war, hat sich in dieser Stellung durch seine großen Fähigkeiten so außerordentlich bewährt, daß bei seiner Pensionierung der Oberbürgermeister Dr. v. Schuh Sengers Wirksamkeit und Pflichttreue in öffentlicher Magistratssihung ganz besonders rühmend hervorhob. Wie bekannt, herrscht hier im Gegensatz zu unserer liberalen Stadtverwaltung auf Seite der Regierung das Bestreben, die jüdischen Lehrkräfte von der hiesigen Simnltanschule zu entfernen. Auf diese nicht sehr erfreuliche Tatsache nahm auch Herr Dr. Ziemlich in seiner vortrefflichen Grabrede Bezug. Er sagte, indem er auf die allgemeine Beliebtheit des Heimgegangenen bei Schülern. Eltern und Lehrern hinwies: An dem Beispiel des Entschlafenen sehen wir, daß Israel, das, mit dem heiligen Buche in der Hand, ganze Völker erzogen hat, sehr wohl gerade zur Erziehung der Jugend befähigt ist. Den gleichen Gedanken, nur mit andern Worten, hat der Vorstand des Bezirks-Lehrervereins, Herr Dörr, unter Niederlegurw eines Kranzes ausgesprochen, indem er hervorhob, daß Senger, den- Lichte gleich, das, um andern Beleuchtung zu spenden, sich selbst verzehrt, seine besten Kräfte im Dienste der Schule verbraucht habe. Von Seiten der Lehrerschaft wurden noch weitere Kränze am Grabe de^ verdienten und beliebten Kollegen niedergelegt; und mit einem Lied, des Lehrer-Gesangvereins wurde die Trauerfeier beschlossen. ---- Stuttgart, 17. März. Der Jahresbericht des Vereins zu, Unterstützung hiesiger und durchreisender israelitische- Armen konstatiert, daß der Verein auch im abgelaufenen Rechnungs fahre wie bisher nach Kräften bemüht war, den zahlreichen Unter stützungsgesnchen hiesiger und durchreisender israelitischer Armen ge recht zu werden. Mit dem Wachstum unserer Gemeinde mehrt sw auch die Zahl derjenigen, welche Hilfe in Anspruch nehmen; be sonders häufig sind die Fälle, bei welchen es sich um eine vorüber gehende Notlage handelt, hervorgerufen durch Krankheit, mangelnden Verdienst rc. Während in früheren Jahren die Ausgaben für Unter stützungen und Verabreichung voll Brennmaterialien an Ortsarnm ca. 2000 Mark betrugen, wurden im vergangenen Jahr für diese Zweck gegen 3000 Mark ausgegeben. Aehnlich verhielt es sich hinsichtlich der Unterstützung durchreisender israelitischer Armen; in den siebziger Jahren kamen ca. 500 Durchreisende an unsere Kasse, während im Jahre 1902 ca. 1500 um Unterstützung nachgesucht haben. Jufolg des Anschlusses der Nachbargemeinden Cannstatt. Eßlingen, Freuden thal, Lndwigsbnrg und Göppingen sind wir in der Lage, die einzelnen