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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 144 (sequence 14)
Language
German
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144 »Ich habe Dir einen Gast mitgebracht, Hagar," sprach er eintretend zu seiner Frau; „nur einen, nicht zwei, wie Du mich gebeten, und wie ich selbst es längst gewünscht, um wenigstens ein einziges Mal im Jahre das Tischgebet, in vorgeschriebener Weise verrichten zu können. Aber es waren weiter keine übrig geblieben; die Reichen haben ja immer den Vorzug und die Mittel, um sich die göttliche Gnade zu verschaffen; darum wollen wir dankbar sein, auch für den einen Gast." „Gesegnet sei Dein Kommen, mein Sohn," sprach die Frau feierlich, und ihr Blick war nicht minder herzlich und freundlich als ihre Worte. Es geschah nicht oft, daß ein Dritter an ihrer einfachen Mahlzeit teilnahm, und ein neues Gesicht wird sicherlich ihrer öden und einsamen Stube ein trauliches und gemütliches Ansehen geben. Es wird sie auch etwas dreister machen und beruhigen; denn trotz ihrer langjährigen Gemeinschaft mit der Begräbnisstätte, war sie, sobald die Dunkelheit hereinbrach, dennoch zaghaft »nd ängstlich. So oft sie am Fenster vorbeikam, konnte sie ja die weißen langen Zähne sehen, wie sie sich die Leichensteine in ihrer Phantasie ausmalte. Und dann der rasselnde und klappernde Ton, der in stürmischen Nächten von dort herüber drang, der sie immer so sehr erschreckte; freilich wußte sie, daß es nur die alte wacklige Holztafel war, mit den geschriebenen Trauergebeteu; allein es konnte doch ebenso gut — wer wollte wohl das Gegenteil behaupten — es konnte ebenso gut das Klappern der Skelette in ihren Särgen sein. Doch mit der Anwesenheit des Gastes kam eine wunderbare Ruhe und Sicherheit über sie, und wenigstens am heutigen Abend, das wußte sie ganz bestimmt, werden Leichensteine nichts anderes als Leichensteine bleiben, und die einfältige Holztafel wird keine Einbildung Hervorrufen, als vergnügten sich die Toten damit, mit ihren Gebeinen Kegel zu schieben. . . „Wer seid Ihr, und von wannen kommt Ihr, lieber Mann?" frag sie teilnahmsvoll den Fremden. „Doch nehmet mir meine Fragen nicht übel, denn nicht ans müßiger Neugierde geschieht es; es muß doch für den Gast peinlich sein, wenn man ihn bei Tische unbeachtet läßt und die Mahlzeit wie einem zugelaufenen Hund vorsetzt, ohne sich um sein Kommen und Gehen weiter zu kümmern." Die Frau sprach so herzlich und mild, daß ihre Worte den Fremdling ganz eigenartig, wie der Segen einer Mutter, wohltuend berührten. „Ich bin erst kürzlich aus Biastozk zurückgekvmmen," erwiderte ihr der Gast; „in der dortigen Gegend bin ich als Prediger und Erklärer der heiligen Schrift bekannt, und mein Name ist nicht fremd den Ohren der dortigen Glaubensgenossen. Haltet mich nicht für einen Prahler." fuhr er weiter fort, „es ist die Wahrheit, und ich kann nichts anderes sagen." „Nechemja," sprach Hagar freudig, „in einer guten Stunde bist Du heute „in Schul" gegangen, und ich zweifle, ob einer der Reichen in der Stadt heute sich so geehrt fühlen wird, wie wir durch unfern Gast! Nechemja," sprach sie schalkhaft lächelnd weiter, „heute Abend wirst Du ein wirklicher König sein, denn die Gelehrten der heiligen Thora sind die Krone Israels, und eine solche Krone hast Du ja in Deinem Hause. Aber auch mein eigener Herzenswunsch geht heute in Erfüllung-," und sich zu dem Fremdeu wendend, sprach sie, „lange schon habe ich einen solchen, wie Ihr seid, herbeigesehnt, um mir die schwierigen Stellen in der Hagada erklären zu lassen, mit denen meine Gedanken jedes Jahr sich abquälen; und ich weiß auch, daß Ihr mich nicht auslachen, sondern meine Fragen mir verständlich beantworten werdet; doch bei welchem Namen soll ich Euch nennen, mein Sohn?" „Ich heiße Awromele," antwortete der Gefragte, der bei Hagars Lobpreisungen beschämt die Augen niederschlug, doch aber den bestürzten Blick wahrnahm, den Mann und Weib bei Nennung seines Namens mit einander austauschten. Nechemja, der seine Frau beobachtete und die Plötzliche Blässe ihrer Gesichtszüge bemerkte, suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und sprach scheinbar ärgerlich: „Von einer langen Zunge bist Du, Hagar, wie alle anderen Frauen; da stehst Du, von tausenderlei Dingen plaudernd, während unserem Gaste vor Hunger und Müdigkeit das Herz wehtnn mag; na. das ist ja eine feine Gastfreundschaft!" Hagar wischte eine Träne aus ihrem Auge und ging wortlos in die Schlafstube, um die Kissen zu holen, auf denen ihr Mann heute sitzen sollte, „wie ein König auf seinem Lehnstuhl"; denn am Pefsach-Abend fühlt sich jeder Jude wie ein König in seinem Hause und soll, gestützt auf seinen linken Arm, am Tische sitzen, als Zeichen seiner Freiheit; aber auch zugleich als Verhöhnung der Aegypter, die sich damals Herausnahmen, Israel mit dem Joche der Sklaverei für ewige Zeiten zu belasten —, und zweifellos wird Pharao über diesen Hohn noch heute in seinem Grabe sich umdrehen, wenn er die jetzige Freiheit der Juden mit ansehen mnß. (Forts, folgt.» Sprechfaul. Wohllöbliche Redaktion! nknüpsend an das „Mahnwort" in Nr. 3 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" d. I. hebt ein seit 45 Jahren im Dienste Israels stehender Kollege im Sprechsaal der jüngsten Nummer dieser Zeitung (8) hervor, daß die bestehenden Pensionskassen zur Unterstützung jüdischer Kultusbeamten (über die ins Leben tretenden kann ja ein Urteil nicht abgegeben werden) nicht leben und nicht sterben können. Nun, mehrere dieser mir bekannten Kassen bestehen schon Dutzende von Jahren, sind also wohl lebensfähig und gewähren auch nennenswerte Unterstützungen. Das Betrübende dabei ist, daß es eben nur, was schon der Name besagt, Unterstützungen sind und nichts weniger als eine auskömmliche Pension genannt werden können. Und tatsächlich ist die Lage vieler emeritierter jüdischer Kultusbeamten viel mißlicher als der Herr Kollege annimmt, denn nicht alle Pensionskassen gewähren ihren Mitgliedern eine Jahresunterstützung von 500 bis 600 Mark. Da ist beispielsweise die Achawa, deren aktive Mitglieder über ganz Deutschland zerstreut wohnen; diese gibt einem alleinstehenden emeritierten Mitglieds 150, und einem solchen rnit Ehefrau 225 Mark als Jahresunterstützung. Den Jahresbeitrag haben die Unterstützung Empfangenden sonderbarer Weise nach wie vor zu zahlen. Im vorletzten Jahre, das allerdings außergewöhnlich große Zuwendungen ausweisen konnte, betrugen die gewährten Unterstützungen viel weniger als die Halste der Einnahmen. Ob es aber geboten erscheint, den eisernen Fond immer mehr anwachsen zu lassen und über der Zukunst die Bedürfnisse der Gegenwart in dieser Weise zu schmälern, kann mit Recht bezweifelt werden. Gewiß wird es in 50 und 100 Jahren au wohltätigen Menschen auch nicht fehlen, die sich der Hilfsbedürftigen annehmen werden. Ein Kultusbeamter, der über 50 Jahre im Dienste Israels gestanden hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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