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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 142 (sequence 12)
Language
German
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142 weite, ini Augenblick ganz vereinsamte Glasveranda mit einer entzückenden Fernsicht ans den Vierwaldstättersee und nach den am jenseitigen Ufer gelegenen himmelanstrebenden Felsinassen des Rigi auf- und abwanderten, begann der greise Portugiese seine interessante Erzählung, wie folgt: Die Erzählung des Marannen. „Nachdem Ferdinand und Jsabella, die Katholische, der Maurenherrschaft in Spanien durch die entschiedene Niederlage des Königs Boabdil ein Ende gemacht, begann das allerchristlichste Königspaar unter der Leitung des allmächtigen Großinquisitors Torquemada eine systematische Verfolgung und Ausrottung der Inden, welche unter der Maurenherrschaft so wichtige Kulturträger gewesen und so mächtig zur Kultur, zum geistigen Aufblühen und materiellen Gedeihen eines großen Teils der pyrcnäischen Halbinsel beigetragen hatten. Nach der Niedermetzelung und Versagung der Mauren begann man die Hand an ihre Bundesgenossen, die Inden, zu legen. Es war ein Vernichtungskampf in der weitesten Bedeutung des Wortes, und im Namen des Gottes der Liebe, der Versöhnung und des Erbarmens flammten zahlreiche Scheiterhaufen empor, ans denen man die verruchten Ketzer ad inajorom vei Kloriam braten ließ, da sie den milden Grundsätzen des Christentums unzugänglich bliebe». In ihrer blinden, fanatischen Glaubenswut sah die spanische Regierung nicht ein, daß sie durch Vertreibung und Vernichtung dieser zwei wichtigen Kultnrelemcnte (der maurischen und jüdischeil), welche Spanien aus eine so hohe Stufe geistiger Blüte nnd materieller Entwickelung gebracht, von deren Resten die spanische Nation noch heute zehrt, dein Lande, dessen materiellem Wohlstände nnd dessen Civilisation einen Todesstoß versetzte, von dein sich Spanien noch jetzt, nach mehr als vier Jahrhunderten, nicht erholen kann und schwerlich erholen wird, da es dahinsiecht und besonders seit dem letzteil Kriege mit Amerika, der für^das stolze Hispanien einen so eklatant erniedrigenden und niederschmetternden Ansgang hatte, zu einer Macht vierten Ranges herabgesunken ist, deren Stimme im europäischen Völkerkonzcrt unbeachtet und nngehört verhallt. Zuerst glaubte man dieses Ziel - die ganze Halbinsel unter einen Hut der alleinseligmachenden katholischen Kirche zu bringen — durch gewaltsame Massentaufen, durch Tvrtur, Folter und Scheiterhaufen zu erreichen. Jedoch die in zahlreichen Orten Spaniens ausflammenden Autodafes, die mit raffinierter Grausamkeit rsonnenen Foltern der entmenschten Henker der „heiligen" Inquisition waren von keinem sonderlichen Erfolge begleitet. Mit der gewaltsamen Taufe, mit den unter Androhung von Feuer, Schwert nnd qualvollen Martern erzielten Bekehrungen hatte man nichts sonderlich Erfreuliches erlebt, war das ersehnte Ziel nur in sehr geringem Maße erreicht worden. Die gewalsam Neubekehrten (rmovo8 elirmkikuios, oder auch Maranneu genannt) zeichneten sich nicht durch besondere Anhänglichkeit an die neue Religion aus. Im Gegenteil (wie es in zahlreichen Fällen von den Spür- und Bluthunden der Inquisition konstatiert wurde) blieben diese äußerlich bekehrten Nenchristen im Geheimen altjüdisch und begingen in nächtlicher Stille in geheimen Verstecken, Kellerräumen und dergleichen die hohen jüdischen Festtage (Rosch-Haschana, Jomkipur und Passah), wobei sie oft ihr Leben den gräßlichsten Gefahren aussetzten, da die Schergen nnd Alguazilen der Inquisition in Gemeinschaft mit den Agenten der heiligen Hermandad die neuen Christen mit argwöhnischen Augen betrachteten, ihrem neuen häuslichen Leben nachspürten, um sie im Uebertretungsfalle dem Henker zu überantworten. Meine Vorfahren gehörten nun zu den unglücklichen Marannen. Sie besaßen nicht den moralischen Mut, heroische Märtyrer für ihre religiöse Ueberzeugung zu werden; andererseits konnten sie auf den durch heilige Tradition mit ihrem ganzen innern Sein verwachsenen religiösen Glauben ihrer Väter nicht verzichten. Sie besuchten öffentlich die katholische Kirche, kanien äußerlich den Formen des alleinseligmachenden Katholizismus nach; im geheimen jedoch, in stiller häuslicher Abgeschiedenheit hielten sie jüdischen Gottesdienst, beteten zum Vater ihrer Väter. Daß mehrere von ihnen bei diesem verbrecherischen Abfall ertappt wurden, ist ebenso natürlich, als daß sie diese ihre Apostasie mit dem Leben bezahlten. Doch mit der Vergangenheit läßt sich nicht rechtenT Ich erzähle Ihnen die Tatsachen, wie sie laut Tradition meiner Familie überkommen sind. Endlich beschlossen mehrere Glieder unserer sehr zahlreichen Familie (obgleich sie sehr geachtete Stellungen einnahmen und dem Anscheine nach über jeden Verdacht geheimen Abfalls von dem ihnen gewaltsam aufgedrungenen Katholizismus erhaben waren und sich demnach sicher fühlen und im geheimen zu Jehovah beten konnten) denen diese Doppelzüngigkeit, dieser Dualismus von Sein und Schein zur unerträglichen Bürde ward, den ebenso schmachvollen als unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen. Manche Renegaten hatten sich mit den neuen Verhältnissen vollständig ausgesöhnt und gingen ganz in Katholizismus auf. Zahlreiche, dem höchsten spanischen und portugiesischen Adel der Gegenwart angehörig« Geschlechter, Herzöge, Marquis, Grafen rc., Granden von Spanien, die hervorragende Stellungen in der Regierung, der Armee und Flotte einnehmen, find Abkömmlinge von Marannen und wollen selbstverständlich als blanblütige Hidalgos nichts von ihrer Herkunft, ihren jüdischen Ahnen wissen. Zahlreiche stolze Grande»: von Spanien erster Klasse, die das aus der Pyrenäischen Halbinsel außerordentlich hochgehaltene und nur ausnahmsweise als Beweis besonderer königlicher Gunst verliehene Privilegium genießen, in Gegenwart des Monarchen den Hut auf dem Kopf zu behalten, sind Nachkommen der vor mehr als 400 Jahren gewaltsam bekehrten spanischen Juden, genannt nuovos ebristmiios oder Marannen. Freilich lieben sie es nicht, daß man sie daran erinnere, obwohl sie sich dessen sehr wohl bewußt sind. So seltsam das spanische Privilegium der Großen, in Gegenwart des Königs sich zu bedecken, erscheint, fuhr Don Josb mit einen» melancholischen Lächeln fort, so kann ich nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß wir Juden insgesamt Granden erster Klaffe sind, da wir nicht nur das Recht besitzen, sondern es uns auch zur unabweislichen Pflicht gemacht ist, in Gegenwart unseres Herrn und Königs in» Tempel unseres einziger» und ewigen GotteS bedeckten Hauptes zu sein. Wie dem auch sei, meine Ahnen beschlossen, diesem Schweben zwischen Hangen und Bangen, dieser beständigen Furcht vor Folter und Scheiterhaufen, diesem Zwitterwesen zwischen zwei Bekenntnissen, diesen» entwürdigenden System von Lüge unk Heuchelei ein Ende zu machen, den gordischen Knoten gewaltsam zu durchhauen, da eine friedliche Lösung undenkbar war und zum Glauben ihrer Väter zurückznkehren. Seltsam ist es. daß besonders die jüngere Generation von dazumal mit Feuer

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