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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 141 (sequence 11)
Language
German
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Leider werden diese ebenso arbeitsfähigen wie arbeitswilligen Kräfte von einer unfähigen und böswilligen Regierung in wenigen Städten zusammengepfercht, wo ihre eminente Arbeitskraft völlig brach liegen bleibt. Der Berichterstatter schildert dann mit flammenden Worten das treulose Gebühren der rumänischen Regierung, welche unter beständigem Bruch des Artikels 44 des Berliner Vertrages in 23 Jahren ganze 85 Inden naturalisiert hat, von denen 29 inzwischen bereits verstorben sind. „Diese Tatsache allein genügt schon, um den bösen Willen der rumänischen Regierung darzutun. Es ist das ein treuloser Bruch eines Vertrages, nnter dessen Bedingung die Unabhängigkeit Rumäniens s. Z. anerkannt worden ist!" Das einzige Mittel, Rumänien zur Nachgibigkeit zu zwingen, sieht Major Gordou in einer allseitigen Kreditverweigerung. Die ökonomischen Zustände Rumäniens sind nichts weniger als rosig. Jede zweite Wohnung in Bukarest steht leer, und 8000 Häuser stehen zur Subhastation. Wenn Rothschild wollte, könnte er Rumänien leicht den Kredit sperren. Freilich geben die Machthaber in Bukarest vor, lieber sich einer internationalen Finanzkontrolle unterziehen zu wollen, als den Juden Rechte zu gewähren. Allein Major Gordou hält diese Drohung für einen plumpen „Bluff", da eine solche Kontrolle den rumänischen Nationalstolz tätlich verletzen würde. Inzwischen nimmt die Auswanderung aus Rumänien ihren ungeschwächten Fortgang. Allwöchentlich verlassen durchschnittlich 275 Juden Rumänien, und das geht schon seit 18 Monaten. Die von Komitees klug organisirte Emigration geht aber wohlgeordnet und überaus planmäßig vor sich, und Major Gordon freut sich, konstatieren zu können, daß nur sehr wenige rumänische Juden nach England aus wandern. Die Freude darüber, daß die rumänischen Juden, diese arbeitswilligen wie arbeitstüchtigen Leute, „die sich vor keiner noch so harten Arbeit scheuen," nicht nach England gehen, beweist, daß Major Gordon von seiner großen Reise im Grunde wenig profitiert hat. Ein Antisemit war er niemals gewesen, ein Antialienist ist Major Gordon aber nach wie vor geblieben, und der Rest seines Berichts, der uns weiter nicht mehr interessiert, beschäftigt sich in merkwürdiger Inkonsequenz ausschließlich mit Vorschlägen, wie die vorzüglichen Kauslente, deren Tätigkeit es Rußland zu verdanken hat, daß in weiten Gebieten nie eine Hungersnot ausbricht und Libau keine tote Stadt ist, ferner jene tüchtigen Handwerker, die um ihren Kinder» eine bessere Erziehung geben zu können, auswandern wollen, mit aller Macht in ihrem russischen Kerker festgehalten werden sollen. Der englische Major kümmert sich um das Elend aller dieser Armen nicht, weil durch ihre etwaige Anwesenheit in London in einigen Stadtteilen die Mieten vielleicht um etwas verteuert werden könnten. Dennoch sind wir Juden dem Berichterstatter zu großem Dank verpflichtet. Ohne Voreingenommenheit ist Major Gordon in die Heimat der jüdischen Emigranten gegangen und hat diese, ohne sich durch irgend welche Aeußerlichkeiten abstoßen zu lassen, in ihren ärmlichen Wohnungen ausgesucht. Mit scharfem Blick hat er erkannt, daß hinter der stachligen Schale eine herrliche Frucht sich verbirgt, und er hat nicht gezögert, vor einem weithin sichtbaren Forum zu verkünden, daß die „östlichen Juden" tüchtige Kaufleute, geschickte Handwerker und anspruchslose, fleissige, arbeitsfähige und, ach, wie arbeitswillige Arbeiter sind. Sein Bericht wird von vielen Tausenden von Christen gelesen werden; vielleicht finden sich unter diesen Tausenden einige Hundert, die sich entschließe», den unglücklichen Menschenbrüdern zu helfen. Gin Nachkomme spanischer Marannen. Ein Lebensbild aus der Gegenwart. Von Robert Jljisch, St. Petersburg. III. III. Der Marannenabkömmling. Großvater Alberts war ein schlankgewachsener Greis, etwa ein Siebziger von höchst würdevollem, Sympathie und Vertrauen einflößenden Aussehen. Ein weißer ausgeschorener, spitzzulaufender Knebelbart, der das ausdrucksvolle Gesicht umrahmte, verlieh demselben das Charakteristische, das man an den Portraits alter spanischer Meister bewundert. Es war ein schöner Greis, der sich trotz seines Patriarchenalters aufrecht hielt, gleich einer edlen Ceder des Libanon. Die Bürde der Jahre schien nicht sonderlich drückend auf ihm zu lasten. Die großen Augen verkündeten hohe Intelligenz und Herzensgüte, um seinen wohlgeformten Mund spielte ein freundliches, gewinnendes Lächeln, welches den bleichen, von zahlreichen Fältchen durchzogenen Gesichte etwas außerordentlich Sympathisches verlieh, dessen Zauber man sich nicht entziehen konnte. Er fragte mich mit großer Teilnahme über die Lage der Juden in Rußland, über welche er dem Anscheine nach ziemlich gut unterrichtet war, sprach über den Zionismus und dessen Führer Dr. Theodor Herzel und Dr. Max Nordau, mit denen er seit längerer Zeit liiert ist (besonders mit dem letzteren). Er verhielt sich zu dieser Bewegung, der Kolonisation von Palästina, mit der fernen nebelhaften Perspektive der Rehabilitierung eines Judenstaates, ziemlich skeptisch, fand jedoch die Idee sublim, da sie die Israeliten aller Länder mehr oder weniger einige und ein idealeres Streben Hervorrufe, das bis hierzu im Judentum geschlummert. Er sprach das Französische fließend, jedoch mit einem fremdländischen Accent; seine Muttersprache ist das Portugiesische; er sei in Lissabon geboren, wo seine Vorfahren seit etwa zwei Jahrhunderten ansässig seien; sie waren aus Marokko zurückgekommen, nachdem sie früher längere Zeit in der Türkei gelebt. „Wir sind eigentlich spanischer Abstammung." so erzählte mein neuer Bekannter (Jose ben David), „und wenn es Sie interessiert, so kann lch Ihnen einige Details darüber mitteilen. Unsere Familiengeschichte ist so ein Stück Kulturgeschichte; in ihr spiegeln sich die Leiden des israelitischen Volkes wieder." Ich erwiderte selbstverständlich, daß ich sehr erfreut sein werde, die Geschichte zu hören, da ich mich für alles, was das Judentum betrifft, höchlichst interessiere. Und indem wir die I

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