Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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und bei der Konzessionierung irgend eines neuen Unternehmens wird stets und ausnahmslos die Bedingung gestellt, daß das betreffende Unternehmen Juden unter keinen Umständen beschäftigen darf. So besteht in der Nähe von Pinsk eine Fabrik für Eisenbahn-Bedarfsartikel, welche 6000 Leute beschäftigt. Obgleich nun in Pinsk zahlreiche jüdische Tischler, Schlosser und andere Handwerker leben, muß die Fabrik sämtliche Halbfabrikate von weither beziehen, da am Orte selber keine christlichen Handwerker sind und jüdische Arbeiter nicht beschäftigt werden dürfen. Nur aus dem Kaufmannsstande lassen sich die Inden nicht verdrängen, da sie „geschickt und unermüdlich" und absolut nicht zu ersetzen sind. Der Bauer würde, wenn die Juden nicht wären, von christlichen „Kaufleuten" schrankenlos ausgebeutet werden, oder er würde seine Erzeugnisse überhaupt nicht loswerden können. Der Segen einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung für die gesamte Landwirtschaft hat sich im Ansiedelungsrayon im Gegensatz zum judenreinen Zentralrußland glänzend bewährt. Im erstern ist der Bauer, der für sein Produkt reichlichen Absatz findet, genötigt, große Ausgaben zur Verbesserung seines Bodens zu machen, um diesem mehr Produkte abzugewinnen. Daher sind Mißernten und Hungersnot, die im Innern des Landes alljährlich bald hier bald da ausbrechen und daselbst schon chronisch geworden sind, im jüdischen Niederlassungsgebiet, trotz dessen minderguten Bodens, fast völlig unbekannt. Nach dieser allgemeinen Einleitung geht Major Gordon zur Schilderung der einzelnen großen jüdischen Zentren über. In Petersburg, Riga und Libau geht es den Juden relativ gut. In Riga wohnen 27 000 Inden, davon sind 5000 alte Rigaer und 12 000 sogenannte privilegierte Juden, die als Handwerker re. überall in Rußland wohnen dürfen. 10 Prozent aller Anwälte, 14 Prozent aller Aerzte, 21 Prozent aller Kaufleute I. und 32 Prozent aller Kaufleute II. Gilde sind in Riga Juden. Die Schulen nehmen aber nur 7 Prozent jüdische Schüler ans und gar mancher wohlsituierte jüdische Handwerker geht mit der Idee auszuwandern um, da in Rußland seine Kinder keine gute Schule besuchen können. In Libau wohnen 15 000 Juden --- 18^ Prozent der gesamten Bevölkerung. Sie beschäftigen sich größtenteils mit Export, speziell mit dem von Getreide. „Wären die Juden nicht da, Libau wäre eine tote Stadt, ohne allen Handel." In DMinsk wohnen 60000 Juden 75 Prozent der Gesamtbevölkerung. Hier sind es nicht allein die Kaufleute, auch die Handwerker, die Lastträger, die Roll- und die Droschkenkutscher sind ausschließlich Inden und christliche Arbeiter sind tatsächlich nicht vorhanden. Trotzdem die Juden demnach jeden Erwerb ergreifen um sich und die Ihrigen redlich durch das Leben zu schlagen, gibt es in Dwinsk dennoch zahlreiche „Luftmenschen" ohne jede Erwerbsquelle. Die gleichen Zustände wie in Dwinsk fand Major Gordon in allen andern von ihm besuchten Städten und Städtchen des eigentlichen russischen Anstedelungsrayvns. Ueberall Ilebervölkerung, Arbeitsmangel und entsetzliche Wohnungsnot. In Wilna wohnen 100000 Juden, größtenteils in engen finstern Kellerwohnungen, wo sie für eine Jahresmiete von 100 Mark zu 2—3 Familien in einem „Zimmer" zusammengepfercht leben müssen. In Pinsk wohnen 37 000 Juden -- 93 Prozent der Bevölkerung. Hier gibt es aber 18 jüdische Fabriken mit ca. 5000 Arbeitern, wodurch die Not gemildert und die Emigration wirksam eingedümmt wird. Major Gordon sieht in lieben instinmiung mit Max Nordau in der Errichtung von großen industriellen Etablissements, ein Mittel gegen die jüdische Emigration. Als Christ braucht es Major Gordon freilich nicht zu wissen, daß der aus dem 5. Zionistenkongreß von Nordau entwickelte Plan einer allgemeinen Industrialisierung des Ansiedelungsrayons von Fachmännern längst in das Gebiet der reinen Utopien verwiesen wurde. Geradezu begeistert ist Major Gordon von den zahllosen, alle Gebiete des menschlichen Lebens umfassenden Wohltätigkeitsinstitutionen, durch welche unsere ebenso tapfer» als blutarmen jüdischen Brüder es in echt jüdischer Nächstenliebe versuchen, die verderblichen ökonomischen Folgen der Maigesetze nach Kräften zu paralysieren. In Polen sind die Verhältnisse etwas erträglicher als im eigentlichen Rußland, da die Jude» daselbst wenigstens ihre Freizügigkeit behalten haben und auch das Recht noch besitzen, Land zu kaufen und zu pachten. Andererseits herrscht aber in Polen ein von den katholischen Kaplänen angefachter und lebhaft unterhaltener gesellschaftlicher Antisemitismus. Infolgedessen lebeir die 300 000 Juden von Warschau und die 150 000 von Lodz in furchtbarer Armut, trotzdem in Warschau die Zigarettenfabrikation ausschließlich in jüdischen Händen liegt. Die Lage der jüdischen Handwerker in Lodz ist so entsetzlich, daß zu deren Schilderung es der Feder eines Zola bedarf. Auch in Galizien herrscht ein grausamer gesellschaftlicher Antisemitismus, der die Juden brotlos macht und sie zu einer solchen Massenauswanderung zwingt, daß in Newhork 9000 Juden allein aus Krakau eingewandert sind. Trotzdem scheint Major Gordon die Wirkung des von den Schlachzizen gegen die Juden in Szene gesetzten Boykotts nicht ganz ermessen zu haben. Wenn die Juden Galiziens im Gegensatz zu ihren tapfer» Glaubensgenossen in Rußland auf dem Papier vor dem Gesetz auch gleichgestellt sind, so hängt doch noch sehr viel von der Handhabung des Gesetzes ab. Diese aber liegt da ganz und gar in den Händen der edlen Polen, die nicht vergebens 300 Jahre laug bei den Jesuiten in die Schule gegangen sind. Durch geschickt ausgeklügelte Landesgesetze, auf dem Verwaltungswege und namentlich mit Hülse eines allumfassenden Boykotts haben es die Herren Polen meisterhaft verstanden, die Juden aus allen Gebieten menschlicher Erwerbstätigkeit zu verdrängen und ohne Lärm zur Auswanderung zu zwingen. Asemitismus nennen es die polnischen Füchse, die sich leise an ihre Opfer heranschleicheu und diese erwürgen, ehe sic den Todesschrei ausstoßen. Infolge dessen konnte auch Major Gordon, der sich nur wenige Tage in Galizien aufgehalten hat, die „treibenden" Kräfte nur sehr unvollkommen erkennen, und so wirft er den galizischen Juden mit Unrecht Inferiorität .vor, weil sie im Besitz der bürgerlichen Gleichberechtigung dennoch keinen andern Ausweg als die Emigration zu finden vermögen. Welchen Umfang die Not in Galizien angenommen haben muß, dafür hat Major Gordon selbst den besten Beweis erbracht. Die Sterblichkeit unter den jüdischen Kindern im Alter bis zu 5 Jahren beträgt in Galizien 560 pro Tausend gegenüber 130 in London. Ein begeistertes Loblied singt Major Gordon den rumänischen Juden, die er weit nicht nur über die galizischen, sondern in vielen Beziehungen auch über die russischen Juden stellt. Die rumänischen Juden sind vortreffliche Landarbeiter und würden, zur Landwirtschaft zugelassen, Rumänien zum wahren Segen gereichen. Die Juden sind da auch die