Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 139 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom wirtschaftlichen Gesichtspunktaus empfahl er endlich, junge Leute und junge Mädchen zur Verwaltung der jüdischen Vereine heranzuziehen, um frische Kräfte für jüdische Interessen und neue Anregung von der Jugend zu erhalten, welche anstatt des Mitleids, das die Signatur der Vergangenheit fei, wahrhaft soziale Fürsorge treten lassen werde. In der sehr ausgedehnten Diskussion fanden die vom Vortragenden gegebenen praktischen Ideen sehr geringe Zustimmung. Der Stadtgemeinde Berlin, deren Aufwendungen für jüdische Arme mindestens den Betrag von 100 000 Mark pro Jahr erreichen, erstanden in Herrn Martin Simon, der Armenkommission und ihrem Streben, die zuständigen Korporationen zur Einhaltung ihrer Pflichten nach Kräften heranzuziehen, in Herrn Weinberg warme Verteidiger. Lebhaft bekämpft wurde allseitig die Verpflichtung zur Rückerstattung, deren Festsetzung für wohltätige Institute als unzulässig und dem Zwecke ihrer Begründung widersprechend erklärt wurde. Mit Recht wurde daraus hingewiesen, das z. B. für die Waisenpflege die beste Wirtschaftlichkeit darin bestehe, daß die in gute Verhältnisse gelangten Zöglinge auch den Kreis ihrer Angehörigen emporheben und hierdurch wesentlich zur Entlastung der Armenpflege beitragen. Beifällig wurde die Anregung begrüßt, zur Wohltätigkertspflege die jüdische Jugend heranzuziehen, die zwar, wie Syndikus Dr. Minden richtig hervorhebt, mehr interkonfessionellen Bestrebungen zuneigt, aber daraus hingewiesen werden müsse, neben der allgemeinen Fürsorge die jüdischen Zwecke nicht zu vernachlässigen. — Aus dem Geschäftsbericht, den der Vorsitzende gab, ist zu entnehmen, daß dem Verbände jetzt 66 Vereine angeschlossen sind. Die Centralisation der Wöchnerinnenpflege hat sich sehr gut bewährt. Es sind im ganzen 664 Gesuche von 320 Wöchnerinnen eingegangen, darunter z. B. je 7 Gesuche von 2 Parteien; infolge der engeren Organisationskosten sind gegen früher erhöhte Beihülsen gegeben worden. Es wurden durchschnittlich 26 Mark bewilligt, im Ganzen 6950 Mark. Unter dem früheren Verfahren hätten 12 100 Mark zur Erledigung der Gesuche aufgewendet werden müssen. Die Hauspflege ist nach den eingehenden Beratungen, die der geschäftsführende Ausschuß darüber angestellt hat. nicht allein zu organisieren; es wird hier wahrscheinlich einer Zusammenfassung der gesamten Krankenpflege bedürfen, und der Ausschuß wird in dieser Frage weiter tätig sein an der Hand der Vorschläge der Ärztekommission, die in der Armenpflege konstituiert worden ist. Die Centralstelle hat vom Januar 1902 bis Februar 1903 13 138 Gesuche und 12 831 Berichte erhalten, seit Gründung des Verbandes 75 275 Ansragen und 78 335 Berichte. Die satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des Ausschusses, Justizrat Breslauer. Gustav Sachs und Frau Henriette May wurden durch Akklamation wiedergewählt. An Stelle des verstorbenen Herrn Julius Grünwald wurde Dr. Albert Levy in den Vorstand des Verbandes einstimmig gewählt. * * Der „Verein für jüd.ische ^Krankenpflegerinnen", dessen neunter Jahresbericht jetzt erschienen ist, erfreut sich gedeihlicher Entwickelung. In dem Berichtsjahr sind 101 Meldungen von Schülerinnen — die bis jetzt höchste Ziffer — eingegangen, ein Beweis des wachsenden Verständnisses für den Beruf der Krankenpflege unter den jüdischen Glaubensgenossinnen. Der Verein verfügte am 31. Dezember 1901 über 39 ausgebildete Schwestern, zu denen 9 hinzukamen: 4 schieden aus, 2 wurden nach Breslau entlassen, so daß der Bestand am 31. Dezember 1902 sich auf 42 Schwestern stellte. Zu den am 31. Dezember vorhandenen 9 Schülerinnen wurden 20 neu eingestellt,* von denen 8 entlassen wurden, resp. ausschieden, 9 zu Schwestern ernannt wurden, so daß der Bestand an Schülerinnen Ende vorigen Jahres 12 betrug. Von den Schwestern des Vereins wirken 1 als Oberin des deutsch-israelitischen Siechenheims in Hamburg, 1 Oberschwester und 3 Schwestern in München. 3 Ln Nürnberg, 4 im hiesigen jüdischen Krankeuhause (1 Operationsschwester, 3 auf der inneren Irauenabteilung), 2 im jüdischen Kurhospital in Kolberg und 3 im Genesungsheim zu Lehnitz. Auf Wunsch der Verwaltung des hiesigen Krankenhauses soll auch die äußere Frauenabteilung im Lause dieses Jahres mit Vereinsschwestern besetzt werden. Im Berichtsjahre wurden 251 Pflegen in 7232 Tagen (gegen 331 Pflegen in 7096 Tagen des Vorjahres ausgeübt und zwar 124 vollbezahlte in 4460 Tagen, 52 ermäßigte in 1177 Tagen und 75 unentgeltliche in 1595 Tagen. Im Schwesternheim wurden im Berichtsjahre 9846 Personen mit einem Kostenaufwands von 11280,70 Mark verpflegt, was einem Einheitssätze von 1,15 Mark pro Tag und Kopf entspricht. Den Ausgaben des Vereins im Gesamtbeträge von 43 377,80 Mark stehen Einnahmen in Höhe von 59984,85 Mark gegenüber. Der Ueberschuß von 16607.05 Mark konnte dem eisernen Fond zugeführt werden, welcher als Schwesternpensionssond betrachtet wird und bereits die stattliche Höhe von circa 200 000 Mark erreicht hat, gleichwohl aber noch erheblicher Zuwendungen bedarf, um bei der stets wachsenden Zahl der Schwestern und Schülerinnen und bei den steigenden Gehaltssätzen in Zukunft allen Ansprüchen genügen zu können. Die Adolf Ginsberg-Stiftung hat sich durch die Opferwilligkeit der Frau Franziska Ginsberg lind des Herrn Ernst Reisenberg von 16100 Mark aus 18600 Mark erhöht; ferner sind von Frau Salomea Gmsberg gelegentlich ihres 70. Geburtstages 2000 Mark dem Verein zugeflossen. — In der heutigen gut besuchten Generalversammlung erstattete der Vorsitzende Herr Louis Sachs den Bericht über die Wirksamkeit des Vereins, welcher im wesentlichen die obigen Daten betraf. Den Kassenrevisoren wurde Decharge erteilt und die bisherigen Revisoren, die Herren Moritz Manheimer. Ernst Reifenberg und Hugo Heilmanu, durch Akklamation wiedergewählt. Die satzungsgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden ebenfalls wiedergewählt bis auf Professor Mendelsohn. an dessen Stelle Sanitätsrat Dr. Stern neugewählt wurde. Der Voranschlag pro 1903, dessen Positionen gegen den Etat von 1902 nicht sehr wesentliche Aenderungen erfahren haben, wurde einstimmig genehmigt. Nachdem ein Mitglied des Vereins dem Vorstande herzlichen Dank für dessen rege Tätigkeit ausgesprochen, schloß die Versammlung nach einstündigem Verlauf. Nie Emigranten;u Hause. London, im März. bekannte englische Antialienist, Major Evans Gordon, der als Mitglied der gegenwärtig hier tagenden Fremde nkvm Mission bekanntlich zum Studium der Ursachen der jüdischen Emigration im August und September v. I. eine Reise nach Rußland, Galizien und Rumänien unternommen hatte, hat am 25. Februar endlich seinen längst angekündigteu Bericht über die Ergebnisse seiner Studienreise der Kommission überreicht. Gleichzeitig hat er in der letzten Nummer des „World Work" über denselben Gegenstand einen reich illustrierten Artikel veröffentlicht, der diesen Bericht in vielen Stücken ergänzt und beleuchtet. Major Gordon leitet seine Arbeit mit einer Schilderung der unsern Lesern zur Genüge bekannten judenfeindlichen Gesetzgebung in Rußland ein, deren verderbliche Wirkung durch ihre willkürliche Handhabung Vonseiten der verfolgungssüchtigen und vor niemandem verantwortlichen Tschinowniks noch wesentlich erhöht wird. Welche furchtbare Folgen die Maigesetze und ihre scharfe, gesetzlose Handhabung 'leich am Anfang gehabt haben müssen, beweist die nackte T ii'ache, daß unmittelbar nach Erlaß derselben die jüdische B .oölkerung der Stadt Tschernigow durch Zuzug vom flachen Lande vertriebener Juden in den ersten 18 Monaten von 5000 auf 20 000 angeschwollen ist. Nebst den offiziell bestehenden als „provisorische" Maigesetze bekannten Bestimmungen gibt es in Rußland noch eine weitere Reihe von gegen die Juden gerichteten „ungeschriebenen Gesetzen", deren strikte Handhabung für die Betroffenen nicht weniger ruinös als die eigentlichen Maigesetze selbst sind. Ein solches, in keinem amtlichen Verordnungsblatt publiziertes, dennoch aber stets und überall befolgtes Gesetz ist es, wonach ein Jude weder vom Staat noch von den Kommunen, noch auch von den Provinzialverbänden irgendwie beschäftigt werden darf. Auch die Privatbetriebe sollen möglichst judenrein sein.