Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 138 (sequence 8)
- Language
- German
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138 los und schließlich mit Erfolg bestrebte, meinen Vater nach Berlin zu bringen, daß er diesem zeitlebens anhänglich blieb und seine Freundschaft auch auf mich übertrug. Der Verstorbene war uns Führer und Leiter durch mehrere Jahrzehnte: ein Leiter, der anzufeuern wußte, weil er selbst inneres Feuer besaß, und der die Begeisterung entzündete, von der er selbst erfüllt war. Er berief uns nicht allzu oft, machte vieles allein, aber holte gern den Rat der Kollegen ein. Durchgreifende Energie, die er in allen Dingen zeigte, bewies er auch hier, ließ sie aber nie so weit gehen, um etwa den Alleinherrscher zu zeigen und anderer Ansicht zurückzudrängen. Gerade dieses rasche Tun, die Lebhaftigkeit, mit der er alles ergriff, die Frische, mit der er sich selbst kleinen, unbedeutenden Dingen zuwandte, übten einen unverkennbaren Einfluß aus die übrigen Mitglieder des Vorstandes aus. Wenn unsere übrigen Gemeindeiustitutionen als selbstverständlich und notwendig erscheinen, die Gotteshäuser voran, aber auch die Anstalten für Arme und Kranke, so mußten und müssen gerade die Schulen manche Angriffe erleiden: den Fortgeschrittenen erscheinen sie verderblich, weil sie konfessionell sind, den Altgläubigen gefährlich, weil sie außer den religiösen weltliche Kenntnisse verbreiten, vielleicht auch aus Furcht, daß die religiösen Lehre»: nicht in ihrem Sinne milgeteilt werden. Unserem verstorbenen Freunde danken wir das energische Eintreten für diese Schulen. In der richtigen Erkenntnis. daß durch diese Mischung allgemeiner und religiöser Lehren der Jugend Heil bereitet würde und daß es gerade eine Ehrenpflicht der Berliner Gemeinde sei. trotz aller Sorgfalt, die auch die städtischen Schulen jüdischen Kindern angedeihen lassen, Knaben und Mädchen, die zum Teil aus dem Osten stammen, zum Teil durch ihre Eigenart in öffentlichen Schulen nicht die rechte Pflege finden, durch Ungunst der Umstände geistig verkümmern würden, die Wohltat einer durchaus für sie passenden Erziehung zu gewähren, ihnen den väterliche», Glauben in seiner Ehrwürdigkeit zu erhalten, das Vaterland lieben zu lehren, sie zu Juden und zu Deutschen zu machen. „Jude und Deutscher", vielleicht war das die Formel, welche sein Wesen bezeichnet. Er wollte es bei den Schülern, Lehrern, Einrichtungen im allgemeinen sehen; streng sachliche gesetzliche Ordnung, keine Bevorzugung und Unregelmäßigkeit, und doch war sein jüdisches Herz gut genug, um Ansnahmesälle zu gestatten und zu dulden. Er war für die Ausbildung und Ausgestaltung dieses Schulwesens eifrig bemüht. Nicht zu höherer» Schulen, in denen noch mehr wissenschaftliche Kenntnisse der Jugend aufgepfropft würden, sondern zu Anstalten, die ihren Besuchern und Besucherinnen ermöglichten, den Kampf des Lebens zu bestehen. Wo es galt, sie in körperlichen Uebungen, in Handfertigkeit auszubilden, bot er gern die Mittel: der Mädchenschule einen Aufbau, durch den die Schülerinnen in die Lage versetzt würden, in» Lebe»» sich praktisch zu bewähren, den Knaben den Zugang wenigstens zu einem Beruf, in dem ein Uebergang ans der Knabenschule in die Präparandie der Lehrerbildungsanstalt möglich gemacht würde. Ein großes Gemeinwesen wie das unsrige hat vor allem die Pflicht des Religionsunterrichts für die Jugend. Diese Pflicht erkannte er in hohem Maße. Die Begründung mehrerer neuen Religionsanstalteu, die Anregung zu anderen, deren Errichtung erst in spätere Zeit fällt, »var sein Werk. Sein Interesse neigte sich dem Bedürfniß zu, den die Schulen der Stadt und des Staates besuchenden Kindern Religionsunterricht erteilen zu lassen. Gar manches geschah während seiner Amtsführung. Wenn, nachdem er sei»» Amt niederlegte, das Tempo etlvas schneller geworden ist. so fällt keine Schuld auf ihn, sondern es ist ein Verdienst jüngerer Kräfte, die rascher und entschiedener in Angriff nahmen, wovor er, der Aeltere, scheute; es liegt ferner an dem riesigen Anwachsen der Bevölkerung und an der Unmöglichkeit, durch Religionsschulen und Privatunterricht diese Pflicht zu befriedigen. Als er sein Amt niederlegte, durste er befriedigt auf sein Werk schauen. Er hatte die Kinder mit Liebe betrachtet, die Lehrer in ihrem materieller» Fortkommen gefördert, ihr Selbstbewußtseil» zu erhöhen, ihren Stand zu erheben gesucht. Er wandte den Schulen nicht bloß die Sachlichkeit des Verwaltungsmannes zu, sondern geistiges Interesse und Herzenswärme. Er wußte: wer die Jugend fördert, arbeitet für die Zukunft. Er erkannte: wer der Unbildung entgegentritt, vernichtet den größten Feind wirklicher Kultur. Stillstand ist Rückschritt. Das war wie in politischen, so auch in religiösen Dingen seine Devise. Darum wollte er, daß auch die Schulen, bei aller Wahrung des Glaubens und religiöser Innigkeit, sich nicht abschließen vor den Segnungen modernen Kulturlebens, daß sie Entwickelung bekunden und dem Fortschritt dienen. Wenn unsere Schulen blühen und gedeihen, wenn sie dem hohen Ziele näher kommen, deutsche Juden auszubilden, wenn sie imstande sind, sittlich gefestigte Menschen in den schweren Kampf des Lebens anszusenden, wenn sie die Jugend lehren, der alten Religion treu zu bleiben, dem Vaterlands sich als würdige Bürger anzuschließen. wenn sie jedem einzelnen die Mahnung einprägen, nicht für die Schule, sondern für das Leben zu lernen, im Weiterstreben 'nicht zu ermatten, wenn sie einem die Erkenntnis vermitteln, daß auch das religiöse Leben hinsiecht, wenn ihm Entwickelung versagt ist; — dann müssen sie alle, Schüler, Lehrer, und nicht zum mindesten wir, die wir uns unter seine Fahne scharte»», de»» Namen des Mannes Preisen, dessen Andenken wir ehren und dem wir in tiefstem Schmerz den letzten Gruß zurufen: Er sei gesegnet! Für die Fraktion der Linken der Stadtverordnetenversammlung widmete hieraus Justizrat Cassel dem Langjährigen Vorsitzenden herzliche Worte ehrenden Gedenkens. Er hob rühmend hervor das gemeinnützige Wirken des Verblichenen aus vielen Gebieten des kommunalen Wesens, seine große Sachkenntnis, seine seltene Pflichttreue während seiner zwanzigjährigen Amtstätigkeit, die ihm nicht nur innerhalb der jüdischen Gemeinde, sondern auch in der Geschichte der Stadt Berlin ein dauerndes Andenken erhalten werde. Rabbiner Dr. Rosen zweig sprach den feierlichen Segen, und Gesang beendete die stimmungsvolle Feier. In langer Wagenfolge und von zahlreichen Gemeindemitgliedern begleitet, bewegte sich der Trauerkondukt alsdann nach den» Friedhofe in der Schönhauser Allee. In der schwarzdrapierten Leichenhalle sprach Rabbiner Dr. Stier, umgeben von den anderen Mitgliedern des Rabbinats, die Liturgie. Dann fiel die letzte Scholle auf das Grab des teure»» Tote»», der neben seinen» treuen Freunde, neben Herma»»»» Makower. die irdische Ruhestätte gesunde»». Sein Geist aber wird fortleben und die Erinnerung an sein Wirken gehört der Geschichte unserer Gemeinde an. * -i- *- Der Verband für jüdische Wohltätigkeitspflege hielt an» 9. dieses Monats im Nepräsentantensaal seine 13. Delegiertenversarnmlung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende Justizrat Breslauer dem soeben verstorbenen Justizrat Meyer, der den Verband mitbegründet hat. Worte herzlichen Gedenkens. Alsdann teilte Frau Julie Neumann den erschienenen Vertretern der angeschlossenen Vereine mit, daß der Kinderfparverein beschlösse»» hat, vom 1. März d. I. ab, während des ganzen Jahres allmonatlich 10 erholungsbedürftige Kinder, und zwar Mädchen von 5 bis 14 Jahren und Knaben bis zu acht Jahren, aus seine Kosten »»ach Elm zu schicken; die Eingaben sind au Herrn B. Behrens, Schöneberger Ufer, zu richten. Darauf hielt Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn den angeknudigten Vortrag über „Wirtschaftlichkeit in der Wohltätigkeitspflege". Aus eigenen Wahrnehmungen heraus gab darin der Vortragende einige markante Beispiele über die Univirtschaftlichkeit der Wohltätigkeitsinstitute. Er zog daraus zunächst die Folgerung, soweit angängig, die städtischen Behörden, Korporationen und Berussgenossenschasten in stärkerem Maße als bisher zur Leistung der ihnen obliegende»» Pflichten heranzuziehen, speziell für die Armen- und Waisenpflege. Als einen ferneren Weg, Mittel flüssig zu machen, empfahl er den Wohltätigkeitsinstituten, sich Reverse über die Rückzahlung der gemachte»» Aufwendungen ausstellen zu lasser». Das betrifft hauptsächlich Studierende und Handwerker, die Stipendien empfangen haben; die rechtliche Begründung einer solchen Verpflichtung für Waisen ist erst eingehend zu untersuchen. Als mustergültig stell» der Redner den Hülfsverein für jüdische Studierende hin, der nich» weniger als 30 Prozent seiner Einnahmen aus den Rückzahlungen der Studierenden bezieht, und als ferneres Muster von Wirtschaftlichkeit den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, der beinahe die sämtliche»' lausenden Ausgaben durch die Tätigkeit seiner Schwestern wieder ein bringt. Die enorm hoher» Ausgaben für Drucksachen stelle»» für dir Vereine in ihrem Konkurrenzkampf geradezu eine Prämie auf dieUn Wirtschaftlichkeit dar. Auch in der Verwendung der gesammelte» Gelder ist nach Ansicht des Redners »licht immer Wirtschaftlichkeit zn erblicken, besonders will er hier die Aufwendungen für Zwecke der