Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Hervorrufe; und der letzte Knalleffekt, den er abschiebt, ist der, daß die Independentisten, mit anderen Worten die Reformierten, es gewesen seien, die König Karl I. aufs Schaffst geschleppt haben. — Sie sehen, das sind die Folgerungen, zu denen ein solches Prinzip führt, und die auch schließlich zur Unduldsamkeit führen. Der Staat kann nicht einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Religion an gehören. Der Staat muß sorgen, daß gleiches Recht für alle vorhanden ist; auch die Atheisten haben ein Recht darauf, im modernen Staate geduldet zu werden. (Sehr richtig! links.) Und ich glaube, auch praktisch läßt sich eine solche Theorie garnicht durchführen." Man wird es sich merken müssen: Es geschehen Zeichen und Wunder! In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 9. März 1903 hat ein Führer der konservativen Partei es entschieden abgelehnt, daß der Staat einen konfessionellen oder christlichen Charakter haben müsse! Die Debatte über Bibel und Babel geht noch immerfort. Aber die Kämpfer für die Bibel sind meistens in der Majorität. Eine der wichtigsten Zeugen in diesem Prozesse ist der Berliner Professor Gunkel, dessen ziemlich radikales Buch über die Sagen der Genesis großes Aufsehen erregt hat. In einer Versammlung des Evangelischen Bundes hat er sich über die Streitfrage folgendermaßen ausgesprochen: „Ebensowenig wie bisher die Tagespresse, so hat auch die große Schar der Gebildeten von den Ergebnissen der Forschungen der Asfyriologeu und der wissenschaftlichen evangelischen Theologie Kenntnis genommen. Daher erscheine ihnen der „nette Bortrag Delitzsch' als eine wissenschaftliche Tat." Die Verwirrung wurde noch durch den zweiten Vortrag Delitzsch' gesteigert. Hier betrat der Assyriologe, gereizt durch den teilweise unberechtigten Widerspruch der kirchlichen Autoritäten, den theologischen Boden und wandte sich gegen den Offenbarungscharakter der Bibel. Was das Verhältnis zwischen Babylon und Israel anbetrifft, so blicke der Assyriologe mit etwas Ueberhebung auf den alttestamentarischen Forscher herab. Delitzsch sei kein Alttestarneutler. Seine hebräische Philologie in allen Ehren, aber als Lehrer der alttestamentlichen Neligionsgeschichte lehnen wir ihn ab. Ein Einfluß Babylons aus Israel sei unverkennbar. Das Gesetz des Hamnrabi zeige überraschende Parallelen mit der mosaischen Gesetzgebung. Die hebräischen Maße, Gewichte und Geldsorten, sowie die Vorliebe für gewisse Zahlen (7 und 12) deuten auf Babylon. Als Israel in Kanaan einzog, stand es mittelbar unter dem Einfluß der Babylonier. Babylonische Elemente finden sich in der jüdischen Religion unzweifelhaft. Aber diese Erkenntnis kann uns durchaus nicht beunruhigen, da wir nicht den nationalen Anspruch des Judentums zu verteidigen haben. Prof. Gunkel geht nun im Einzelnen die Erzählungen durch, um die es sich handelt, und tadelt es als eine verhängnisvolle Unterlassungssünde, daß Delitzsch nicht hervorgehoben, wie der Stoff umgebildet sei. Um wie viel höher stehe Goethes Faust, als der der Volkssage? In der babylonischen Erzählung herrschte ein wilder grotesker Polytheismus, in der biblischen ein einziger Gott. Israel habe die Schlacken in Gold um gewandelt. Wer solchen Unterschied übersehen kann, dem fehle der Sinn für Religion und Religionsgeschichte. Der Sabbat der Babylonier sei die Feier eines heiligen Tages, eines Sühnetages, gewesen. Davon zeige der jüdische Sabbat oder der christliche Sonntag keine Spur. Wenn ferner bei verschiedenen Völkern sich Anklänge an den Monotheismus finden, so sei Israel doch das klassische Volk des Monotheismus. Delitzsch sei bei der Gegenüberstellung von Babylon und Israel pa r teiisch Verfahren, weil er von unverständigen Theologelt gereizt sei. Er habe Israel zu Gunsten Babylons herabgesetzt. Hier herrsche ein krasser Polytheismus, dort Monotheismus, hier Götter und Natur, dort Gott über die Natur; hier Götterbilder, dort eine bildlose Verehrung des einzigen Gottes. Delitzsch, dem die systematische theologische Durchbildung fehlt, suche nach einer suprcmaturalistischeu Offenbarung in der Bibel und verwerfe diese mit Recht. Aber er übersieht jene Offenbarung, die das Auge des Glaubens erblickt. „Israel ist und bleibt" — so schloß der Redner unter großem Beifall „das Volk der Offenbarung". Wer denkt hier nicht an die Worte des Spruchdichters (Spr. 27, 2): „Es rühme dich ein anderer, und nicht dein Mund!" In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 10. d. M. richteten die Abgeordneten Dr. Skedl und Genossen an den Ministerpräsidenten folgende Interpellation: „In dem von den Großmächten unterfertigten Berliner Vertrage vom Jahre 1878 wurde den in Rumänien ansässigen Juden, die eine Bevölkerungszahl von zirka 400 000 Personen repräsentieren, die volle Gleichberechtigung mit den übrigen in Rumänien wohnhaften Nationalitäten garantiert. Trotzdem wurde durch eine Reihe voll Sonderverfügnngen von Seite der rumänischen Regierung der jüdischen Bevölkerung sowohl der Erwerb von Grund und Boden außerhalb der Städte, als auch die Erlangung staatlicher Aemter und wirtschaftlicher Berufe unmöglich gemacht. Der dadurch hervorgerufene krasse Notstand in der jüdischen Bevölkerung Rumäniens veranlaßte im vergangenen Jahre die Negierung der Vereinigten Staaten Nordamerikas, die Signatarmächte des Berliner Vertrages an ihre Vertragsverpflichtungen zu erinnern und sie aufzufordern, auf der Erfüllung der im Sinne der Humanität gestellten Bedingungen zu bestehen. In der diesbezüglichen Note der Regierung von Washington wird hervorgehoben, daß die rumänischen Juden, von fast jedem Zugänge zu Erwerbsmitteln ausgeschlossen, unfähig seien, sich aus der ihnen aufgezwnngenen Erniedrigung, die sie erdulden, herauszuhelfen, und daß sie keine andere Wahl hätten, als sich nach anderen Ländern zu flüchten, daher den Signatar-Mächten des Berliner Vertrages die Pflicht obläge, die rumänische Regierung zu bewegen, die Beseitigung dieser Mißstände ernstlich in Angriff zu nehmen. Mehr als ein halbes Jahr ist verflossen, seitdem diese von wahrer Menschlichkeit erfüllte Note Nordamerikas alle politischen Kreise auf die Notwendigkeit eingehender Reformen aufmerksam machte; aber trotzdem ist bis jetzt noch immer kein ernster Schritt seitens der Signatarmächte unternommen worden, und sieht man noch immer nach wie vor Tausende von armen rumänischen Juden ihr Vaterland verlassen und in die weite Welt ziehen. Der gegenwärtige Zustand hat aber, abgesehen davon, daß er den Geboten der Menschen- und Nächstenliebe direkt widerspricht, auch für Oesterreich, insbesondere für die Bukowina als Grenzland, vor allem für die Grenzstädte der Bukowina, eine hervorragende Bedeutung. Die Anzahl der aus Rumänien sich flüchtenden Juden, welche, gänzlich verarmt, in trostlosem Zustande, aller Mittel bar sind, fällt in erster Linie der ohnehin armen Bevölkerung der Grenzstädte der Bukowina zur Last und vermehrt das dort herrschende Elend. Es ist daher die höchste Zeit, daß sowohl mit Rücksicht ans die Humanität im allgemeinen, als auch im rein österreichischen Interesse in diesen Verhältnissen Wandel geschaffen werde, und stellen die Gefertigten an den Herrn Ministerpräsidenten die Anfrage: 1. Ist Sr. Exzellenz bekannt, ob und welche Schritte das Ministerium des Aeußeren gemacht hat, um die rumänische Regierung an die Erfüllung der im Berliner Vertrage übernommenen Verpflichtungen zu mahnen und deren Erfüllung zu sichern? 2. Was gedenkt Se. Exzellenz zu veranlassen, daß in dieser so dringenden Sache eine Remedur geschaffen werde?" Man darf auf die Antwort des österreichischen Ministerpräsidenten wohl gespannt sein. Oder auch nicht. Eine wichtige Nachricht wird aus London gemeldet: Die Lol0ni8atiou ^ssoeintion hat sich an das englische Parlament mit dem Ersuchen gewendet, ihre Tätigkeit dahin erweitern zu dürfen, daß sie irr die Lage versetzt werde, Schulen, Semmarien, Musterwirtschaften, Vorschußkasseu, Industrien und Fabriken zu errichten, zu erhalten oder zu unterstützen, die geeignet sind, Inden zur Auswanderung zu befähigen und ihre Niederlassung in verschiedenen Teilen der Welt zu erleichtern. Ferner suchte die „Jca" darum an, ihr Einkommen zur Unterstützung der Juden auch in anderer Weise verwenden zu dürfen.