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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 135 (sequence 5)
Language
German
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Was die Juden in der Türkei anbelangt, so hat der Hilfsverein der Lämmelschule in Jerusalem eine Subvention von 5000 Mark bewilligt, ferner für die infolge des Ausbruchs der Cholera in Palästina Notleidenden 1000 Mark. Ein Beitrag in gleicher Höhe wurde den 20 000 Juden, welche der Brand in Bobruisk in Rußland ihrer Habe beraubt hatte, übermittelt. Wenn die Propaganda des Hilfsvereins weiter vorschreiten wird, werden auch die Hilfsaktionen mit größeren Summen erfolgen können. Bisher sind die propagandistischen Erfolge dank der viele«« Propagandareisen des im Ehrenamt als Geschäftsführer tätigen stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Paul Nathan in ganz Deutschland sehr befriedigend, zun« Teil sogar außerordentliche. So ist z. B. das erst kürzlich begründete bayerische Landeskomitee bereits in 13 jüdischen Gemeinden durch die ersten Vertreter derselben repräsentirt. In« Jahre 1902 gingen von den« Koinitee Breslau ein 2200 Mark, von Cöln 3800 Mark, von Hamburg 1782 Mark, von Dresden 2615 Mark, aus Ostpreußen 4200 Mark und weniger große Beträge auch aus Danzig, Frankfurt a. O., Krefeld, Marburg, Stettin. In Frankfurt a. M. hat gleichfalls die Konstituierung eines Lokalkomitees stattgefunden, ebenso in Kassel. Auch in Hannover und Posen ist der Beginn der Arbeitstätigkeit des Provinzialkomitees in kürzester Zeit zu erwarten. Der Ausschuß des westfälischen Gemeindeverbandes ist dem Komitee in Cöln beigetreten, das sich zu einen« Provinzialkomitee für Rheinland und Westfalen entwickeln wird. Gerade der Erfolg in Köln, wo das Lokalkoinitee jetzt gerade ein Jahr tätig ist und ohne Abzug 3800 Mark einlieferte, beweist, da Cöln auch den rührigsten deutschen Zweigvereiu der Alliance israelite darstellt, daß die beiden Vereine sich nicht ausschließen, sondern ergänze««. Noch ist die Organisation des Hilfsvereins in den Provinzen nicht abgeschlossen, viele Gemeinden noch gar nicht herangezogen, doch schon heute können die unermüdlich tätigen Leiter auf ihren Erfolg stolz sein, denn dieser vielfache Erfolg zeigt, daß man fast überall in Deutschland dem Verein Sympathien entgegenbringt und Großes von ihn« erwartet. An Vereinen und Gelegenheiten zu jüdischen Zwecken Geld zu stiften, fehlt es uns wahrlich nicht. Aber bisher hat noch kein jüdischer Verein in Deutschland im ersten Jahre eine Mitgliederzahl und Einnahmen erreicht, wie der Hilfsverein der deutschen Juden. Me Woche. Berlin, 16. März. (7^ m preußischen Abgeordnetenhaus fand am 9. d. M. eine Sitzung statt, die nach verschiedenen Richtungen hin für uns interessant und wichtig ist. Es handelte sich um die Besetzung der Aemter und die Konfession. Bei dieser Gelegenheit führte der freisinnige Abgeordnete Dr. Barth aus: „Der Streitpunkt, um den es sich bei den Ausführungen )es Abgeordneten Dr. Porsch handelt, ist in der Tat außerordentlich wichtig. Deshalb liegt mir daran, die verschiedenen Standpunkte, die der Herr Kollege Porsch und ich zu diesem Streitpunkte eiuuehrnen, völlig klarzustellen. Er hat angeknüpft an das, was man die Parität zwischen den einzelnen Konfessionen bei der Stellenbesetzung nennt. Ich habe zum Ausdruck gebracht, daß das Prinzip, welches seitens des Centrums nicht erst seit gestern, sondern schon seit geraumer Zeit immer vertreten ist, — ich möchte es einmal das statistische Prinzip nennen —, im Effekt zu der größten Imparität führt. Ich habe demgegenüber als unseren Standpunkt markiert, daß wir eine wahre Gerechtigkeit nnr in dem Zustande erblicken können, wo bei der Stellenbesehung nicht nach der Zugehörigkeit zu der einzelnen Konfession gefragt wird, sondern nur danach: ist der Bewerber moralisch, intellektuell u. f. w. qualifiziert für die Stelle, ist er der Bestqualifizierte? (Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Das ist der Standpunkt, den wir nicht blos gegenüber der katholischen Kirche, sondern allen Konfessionen gegenüber eingenommen wissen wollen, auch der evangelischen, auch der jüdischen Konfession gegenüber. Wir haben oft genug hervorgehoben, daß wir eine schwere Ungerechtigkeit darin erblicken; wenn z. B. ein angesehener Gelehrter, ein junger strebsamer Beamter nicht ausrückt, und zwar aus keinem anderen Grunde als dem, weil er nicht Christ, sondern Jude ist. Derartige Fälle kommen oft genug vor. Und darüber hat sich in den Reihen der Zugehörigen zur jüdischen Konfession seit langer Zeit eine, wie ich zugeben muß, außerordentlich berechtigte Mißstimmung ergeben. (Sehr richtig!) Meine Herren, wir stehen auf dem Stand» Punkt, daß ein Staat, der wirklich Gerechtigkeit bei der Stellenbesetzung üben will, sich auf den Grundsatz stellen sollte: 1a reetwrelie 6s 1a eou5688L0n 6st Luteräito. (Heiterkeit.) Man sollte bei Stellenbesetzungen überhaupt niemals fragen: zu welcher Konfession gehört der Mann?, — sondern nur danach: ist er qualifiziert?" Eine Antwort auf diese zutreffenden Aeußerungen wußte niemand zu geben. Noch wichtiger erscheinen uns aber die Ausführungen des nationalliberalen Abgeordneten Professor Friedberg über den sogenannten christlichen Staat, die wir deshalb gleichfalls nach dem stenographischen Protokoll in vollem Wortlaut geben: „Herr v. Hehdebrand geht aber noch einen Schritt weiter. Er sagte, er müsse verlangen — und Herr Dr. Porsch hat ihm darin, wenn ich nicht irre, tapfer sekundiert —, daß der christliche Geist auf allen Gebieten des staatlichen Lebens herrschen müsse. Meine Herren, man kehrt damit zurück zu einer Theorie, die, wie ich offen sagen möchte, etwas in Mißkredit gekommen ist. M. H., der Staat als solcher ist kein christlicher und kann kein konfessioneller sein. Sie können, wie die preußische Verfassung es richtig ausdrückt, bei verschiedenen Veranstaltungen des Staates, die das Gebiet der Religion berühren, die christliche Religion zu gründe legen; aber der Staat als eine Rechtsanstalt für alle kann keinen konfessionellen Charakter haben. (Abgeordneter Dr. v. Hehdebrand und der Lasa: Habe ich auch nicht behauptet!) Christlichen Charakter! (Abgeordneter Dr. v. Hehdebrand und der Lasa: Auch nicht!) Dann weiß ich überhaupt nicht, was Sie haben sagen wollen; daun haben Sie sich höchst unklar ausgedrückt. Sie sagen: der christliche Geist muß auf allen Gebieten des Staatslebens herrschen. (Sehr richtig! rechts.) Jawohl! Das ist die Umschreibung des alten Begriffs der Lehre vorn christlichen Staat, und da möchte ich Herrn v. Hehdebrand bitten, sich einmal die Folgerungen klar zu machen, die aus einer solchen Forderung entstehen. Ich möchte ihm weiter nichts raten, als einmal das alte, aber immer noch sehr lesbare Buch des Begründers der konservativen Partei in Preußen durchzulesen, das Buch „über die gegenwärtige" Parteien in Staat und Kirche" von Stahl. Der hat diese Theorie vom kirchlichen Staat; er kommt dann aber auch konsequent dazu, daß im Staate eigentlich nur eine Religion herrschen dürfe, weil die allein im staube sei. dem Menschen die richtige Offenbarung zu geben, das sei die lutherischeKirche. Er verwirft natürlich die katholische Kirche; aber er geht sogar so weit, die verwandte Schwesterkirche nicht tolerieren zu wollen, die reformierte Kirche. Er setzt zuerst auseinander, wie das organische Prinzip der reformierten Kirche zur Demokratie dränge, wie es tatsächlich die reformierte Kirche sei. die den Jndependentismus

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