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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 134 (sequence 4)
Language
German
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134 Berlin wirkenden Komitees segensreich tätig waren, durch ein Zentralstelle, wie sie jetzt der Hilfsverein darstellt, noch Ersprießlicheres und Bleibenderes geleistet werden können. Manches kann durch eine ständige Organisation mit einem allezeit tätigen Bureau an der Zentralstelle in Berlin für die Zukunft planvoller vorbereitet und manche Erfahrung durchdiejenigen Männer, welche jahrzehntelang bei jeder Hilfsaktion tatkräftig eingegriffen und Großes, erhebend Großes, gegenüber dem gleich einer Flut auf sie einstürmenden Massenelend geleistet haben, später einmal den jüngeren Kräften übermittelt werden. Namentlich repräsentieren die 100 Herren, welche jetzt das Zentralkomitee des Hilfsvereins der deutschen Juden in ganz Deutschland bilden, eine stattliche Fülle bewährter Kraft und jugendfrischerBegeisterung für die übernommenen Aufgaben. Außer Berlin sind im Zentralkomitee vertreten die Städte: Bromberg, Jnowrazlaw, Danzig, Königsberg, Frankfurt a. O., Stettin, Breslau, Kattowitz, Beuthen O.-Schl., Schwerin i. M., Emden, Hamburg, Halle, Leipzig, Dresden, Hannover, Cöln a. Rh., Krefeld. Bielefeld, Kassel, Frankfurt a. M., Mainz, Marburg a. L-, Karlsruhe, Mannheim, Nürnberg, Fürth, Bamberg, Stuttgart, Augsburg, Weißenburg i. E., Straßburg i. E. Im Zentralkomitee sind alle religiösen Richtungen vertreten. Offiziell hat das Komitee erklärt: „Da die Juden Rußlands, Galiziens, Rumäniens und in großen Teilen des Orients sogenannte Aschkenasim sind und noch heute als Muttersprache sich des Jargons bedienen, biete nach Lage der Dinge die Beherrschung deutscher Bildung die sicherste Gewähr, unseren Glaubensgenossen eine wirklich befriedigende äußere und innere Situation zu bereiten. Es werde selbstverständlich den religiösen Anschauungen auf das Allergewissenhafteste Rechnung getragen werden, zumal ja die Juden jener Länder in ihrer Religion eine so feste Stütze sich bewahrt haben, daß eine Stärkung in ihrem Glauben zugleich eine Festigung des sittlichen Halts bedeute." Da es in Rußland nur in besonderen Ausnahmefällen möglicherscheint, den dortigen Glaubensgenossen vom Ausland her Hilfe zu bringen, so galt die Tätigkeit des Vereins von seinem Bestehen an zunächst den Juden in Galizien. Hier leben mehr als 800 000 Menschen, die unsere Glaubensgenossen sind, die uns auch sprachlich nahe stehen, denn sie alle reden den jüdisch-deutschen Jargon. Zu dem an und für sich schon großen Elend der dortigen jüdischenHandwerker und Kleinhändler kommt in den letzten Jahren die Tätigkeit der Polnischen „asernitischen" Politik hinzu, die durch polnische Genossenschafteil aller Art, von denen die Juden prinzipiell ausgeschlossen sind, die jüdischen Handwerker und Kleinhändler zu verdrängen bestrebt ist. Galizien hat fast gar keine Industrie und es fehlen die kaufkräftigen Bevölkerungsklassen. Wie der Geschäftsbericht des Hilssvereins hervorhebt, besteht der dritte Teil der jüdischen Bevölkerung Galiziens aus wirklichen Bettlern, ein zweites Drittel bilden die sogenannten „Luftmenschen", Leute die hin und wieder durch Zufall verdienen, die sonst von der Luft leben müßten. „Diese traurigen sozialen Verhältnisse bereiten zugleich den Boden vor, auf dem der schmachvolle Handel mit jüdischen Mädchen gedeiht." Der geschäftsführende Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden hat eine Kommission eingesetzt, welche bereits dem Elend der unglücklichen jüdischen Massen in Galizien näher getreten ist. Der Ausschuß nimmt davon Abstand, die Auswanderung zu fördern, weil sich in Amerika, dem hauptsächlichsten Ziel dieser Auswanderung, die Anzeichen dafür mehren, daß bei .einer Fortdauer der Massenauswanderung vonJuden dorthinsich steigende Schwierigkeiten für eine zweckentsprechende Unterbringung neuer Ankömmlinge ergeben würden. Dagegen haben übereinstimmend der geschäftsführende Ausschuß und die galizische Kommission des Deutschen Hilssvereins es als erstes Ziel aufgestellt, durch Einführung von Hausindustrie denjenigen Juden und Jüdinnen in Galizien, welche arbeiten wollen, diese Möglichkeit zu bieten. Sie sind mit dem in Wien domizilierenden „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" in Verbindung getreten, um mit ihm gemeinsam zu wirken. Dieser Verein beschäftigt sich in erster Linie mit der Einführung der Haarnetzindustrie, und zwar in der Weise, daß ein großer Unternehmer die Arbeit ausgibt, der Wiener Verein seinerseits die jüdischen Arbeiterinnen anlernen läßt und die Kosten dieser ersten Arbeit trägt. Der Hilfsverein hat sich mit einer Reihe von deutschen Industriellen in Verbindung gesetzt. Nachdem diese vorbereitenden Erwägungen zum Abschluß gelangt waren, ergab sich die Notwendigkeit, mit dem Wiener Verein in mündliche Verhandlungen zu treten, und zu diesem Zweck wurde i» Wien eine Konferenz veranstaltet. Da die Mittel des Wiener Vereins durchaus unzureichende sind, so hat der Deutsche Hilfsverein demselben einen Beitrag von 10 000 Mark bewilligt, sowohl für die weitere Ausbreitung der Haarnetzindustrie, als für die Einführung neuer Industriezweige. Nach den letzten Berichten wächst die Zahl der Arbeiterinnen in jenem Erwerbszweige ständig, und die Löhne, die der Fabrikant auszahlt, nehmen allmonatlich um 2000Kronen zu. Im Monat August wurden bereits 10 390,50 Kronen ausgezahlt. Zur Zeit schweben noch Versuche wegen Einführung der Drechslerarbeit. Auf spezielle Anregung des Hilfsvereins der deutschen Juden bereiste ein Groß-Industrieller längere Zeit Galizien, um die Verhältnisse wegen Einführung von billiger Stickereiarbeit zu studieren. Es gelang ihm, einige Städte zu finden, in denen ihm die Verhältnisse geeignet erschienen. Der Deutsche Hilssverein hat die Tragung der ersten Kosten, sowie die zuerst zu erwartenden Verluste an Material übernommen. In derselben Weise hat er einen Knopffabrikantenveranlaßt, nach Galizien zu gehen, um die dortiger Verhältnisse für die Einführung seiner Industrie zu studieren Der Verein hat die Deckung der ersten Unkosten wiederum übernommen. Eine ganze Anzahl weiterer Projekte befinden sich in Stadium der Vorbereitung. Die Löhne werden natürlich in Anfang gering sein, aber gegenüber den zur Zeit herrschenden Zuständen bedeuten auch niedrige Löhne einen außerordentlichen Vorteil, materiell wie ethisch. Gar nicht hoch genug anzuschlagen ist der ethische Fortschritt, den die Arbeit in den Gedankengange des Juden irr Galizien Hervorrufen muß, der bisher ein Bettler war, und alsdann von seiner Hände Arbeii zu leben beginnt. Auch bezüglich der Juden in Rumänien ging der Hilft verein der deutschen Juden Hand in Hand mit den andern Organisationen und übersandte der Kiliane« isravlits 10000 Mari für das Hilfswerk. An der Konferenz in Cöln nahm als Ver treter des Hilfsvereins Dr. Paul Nathan teil. Am 2. Dezember 1902 empfing der deutsche Reichskanzler Graf Bülow die Vertreter des Hilssvereins, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, die ihm Mitteilungen machten über die traurige Lage

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