Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 6 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! seinem Artikel „Das Volksdefizit" sieht Traubenberg doch etwas zu schwarz. Nicht berücksichtigt ist bei ihm die Auswanderung aus Deutschland, welche in den letzten Jahren insgesamt wohl 70—80000 Seelen ausmachen dürste, also etwa des Defizits, das wir zu beklagen haben. Der Nachweis, daß es sich um eine so hohe Ziffer handelt, läßt sich mit absoluter Genauigkeit nicht erbringen, wohl aber ist sicher, daß gegenüber der natürlichen Volksvermehrung ungefähr ein entsprechendes Defizit sich ergibt. Beispielsweise fehlten (wie im Antisemitenspiegel, Seite 3—4, zahlenmäßig nachgewissen ist) von der natürlichen Vermehrung der preußischen Juden in den Jahren 1880—90 nicht welliger als circa 39000 Seelen, die im wesentlichen nur durch Auswanderung verschwunden sein können. Auf das ganze Reich ausgedehnt und auf 20 Jahre berechnet, darf man daher wohl ein Manko von 70—80000 Seelen durch Auswanderung annehmen. Diese Vermutung erhält eine Stütze durch folgende zwei Tatsachen: 1. Im Hafen von New-Iork betrug nach der Angabe der die Zahl der jüdischen Einwanderer deutscher Nation 5"/o der deutschen Einwanderung überhaupt. 2. Von den Bestrafungen wegen Verletzung der Wehrpflicht, welche nichts anderes bedeuten als Auswanderung in militärpflichtigem Alter, entfallen auf die Juden circa 1.75 Da das entsprechende Lebensalter infolge der hohen Altersklassen und der geringen Sterblichkeit der Kinder einen weitaus geringeren Teil der jüdischen Bevölkerung ausmacht, ist auch hierriach auf eine die normale Zahl der Auswanderungen weit übersteigende Answanderungsbewegung zu schließen. Diese Bewegung hat nichts Unnatürliches, überall findet der Zug nach dem Westen statt, nur daß bei uns dieser Zug sich in einem absoluten Defizit kundgibt, nachdem eine Einwanderung von Osten aus von der deutschen Negierung nicht gestattet wird. Wir dürfen die Tatsache dieser Auswanderung vom jüdischen Standpunkt nicht ohne weiteres beklagen; die Auswanderer finden in ihrer neuen Heimat einen weitaus günstigeren Boden, von dem aus sie der Gesamtjudenheit ihre erfolgreiche Tätigkeit zum Segen gereichen lassen. Der Auswanderung der deutschen Juden nach Amerika verdanken wir die großen Philantropen, wie Jakob H. Schiff, den zu uns zurückgekehrten Hallgarten, Sutro und manche andere. Wenn auch, abgesehen von der Auswanderung, die Bevölkerungszunahme zu wünschen läßt (allerdings in geringerem Maße, als nach dem Artikel von Traubenberg anzunehmen wäre), so hängt das mit der sozialen Schichtung der Juden zusammen. Vergleiche mit andern Ländern, in denen alle Bevölkerungsschichten gleichmäßig vorhanden sind, sind nicht angängig, wobei ich übrigens bemerken möchte, daß die Bevölkerungszunahme in Frankreich langsamer sich vollzieht als in Paris. Familien mit wenig Kindern können dafür diese Kinder um so besser und sorgfältiger erziehen, und daß es auch an einer jüdischen Masse nicht fehlt, die sich schnell vermehrt, dafür ist durch die Länder im Osten gesorgt. Somit sind die Verhältnisse lange nicht so ungünstig, wie der Traubenbergsche Artikel annimmt. Hochachtungsvoll Berlin, den 29. Januar 1903. C. 4 Sehr geehrter Herr Redakteur! m 15. d. habe ich in einer Generalversammlung des „Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einen Vortrag über „Kaufmännische Ehre bei den Juden" gehalten, welchen, wie ich bis jetzt übersehen kann, die „Post", die „Kreuzzeitung" und die „Staatsbürgerzeitung", die beiden letzteren je zweimal, zum Gegenstand ausführlicher Erörterung gewählt haben. Zur Steuer der Wahrheit bemerke ich Zu den beiden in diesen Berichten aus meinen Ausführungen angeführten Stellen das Folgende: 1. Ich sagte etwa: Der Talmud verbietet den Terminhandel mit einer Strenge, welche jedes größere Lieferungsgeschäst unmöglich machen müßte. So hat denn nach langen Kämpfen das rabbinische Gesetz gestattet, daß jemand all per so nun» die Verpflichtung übernimmt, Getreide oder Vieh zu einem bestimmten Preise zu liefern. So hoch wird die Ehre des Kaufmanns geschätzt, daß, wie es im Seliulckan arukli ausdrücklich heißt, die Verpfändung seine - Wortes als genügende Grundlage eines solchen Handels gilt. 2. Der bekannte „jüdische Pilot Gaspar" war, wie Barros, ^sirr, vee. I, lud. 4. Oup. 11 p. 362 ll. (siehe auch Peschel, Geschieht' des Zeitalters der Entdeckungen S. 30 und Kayserling, M.. Theilnahme von Juden an den portugiesischen Entdeckungen) berichtet, ein Jude aus Polen. Daß die von mir vorgetragenen Tatsachen den wissenschaftliche! Beratern der oben genannten Blätter unbekannt sein sollten, kann w) nicht recht glauben. Ich neune hier einige meiner Quellen: Baasch, Beiträge zur Geschichte des deutschen Seeschiffbaues Hamburg 1899; Dören, A.. Zur Geschichte der Kausmannsgilden in Mittelalter, Leipzig 1883; Freund, Leonhard, Lug und Trug untn den Germanen, Berlin 1863 (Verlag der Kgl. geheimen Oberhosbucldruckerei R. Decker); Ehrenberg. R., Die Entstehung großer Vermögen (Deutsche Rundschau 1891); Heyd, Geschichte des Levantehandels 1: Richter, W., Handel und Verkehr der wichtigsten Völker des Mitte!' meeres im Altertums, Leipzig 1886: Steinhaufen. G., Der Kaufman - iu der deutschen Vergangenheit. In diesem Zusammenhänge möchte ich auch eine Zuschrift de, Herrn Pastor Schall in Goslar vom 16. d. nicht unerwähnt lassen in welcher es heißt: ' Hochgeehrter Herr! In der Kreuzzeitung vom 16. Januar lese ick ein Referat übe einen von Ihnen in Berlin am 15. Jan. gehaltenen Vortrag, der men Interesse in hohem Grade erregt, weil er sich wesentlich mit meinem Anschauungen deckt. Diese Anschauungen habe ich vor weniger Jahren in einem wissenschaftlichen Buche dargelegt. Wenn Sie innerhalb acht Tagen keinen Widerspruch einlegen und dieser Brief wegen mangelhafter Adresse nicht zurückkommt, werde ich Ihnen das Buä gern dedizieren." Letzteres ist inzwischen geschehen. Der Titel des Werkes lautet Die SLaatsverfassung der Juden rc. von Eduard Schall, Pastor in Bahrdorf, 2. Aufl., Leipzig 1896. Im Uebrigen war der Vortrag, wie aus der Einleitung hervor geht, gegen eine Bemerkung H. St. Chamberlains gerichtet. J6 wollte zeigen, daß man mit seiner Methode historischer Beweisführung sobald man nur den Spieß umkehrt, zu überraschenden Ergebnisse! gelangt. Mit vorzüglicher Hochachtung Hamburg, 25. Januar. Rabbiner Dr. Max Grunwald Geschäftliche Notizen. — Bei der Deutschen Militärdienst- und Lebens vers ich erungs-Anst alt a. G. in Hannover waren im Monctt Februar 1903 in den beiden von der Anstalt betriebenen Ge schästszweigen, der Militärdienst-Versicherung un' Lebensversicherung (auch Töchterversorgung), zu er ledigen: 647 Anträge über Mark 1336 550,— Versicherung^ Kapital. Volt Errichtung der Anstalt (1878) bis Ende Februa 1903 gingen ein 369 412 Anträge über Mark 499 028 000, Versicherungskapital. Die Auszahlungen an Versicherungssumme, Prämienrückgewähr rc. im Laufe des Jahres 1902 b-- trugen Mark 7 437 000,—, die Gesamtauszahlungen seit Bn stehen der Anstalt Mark 41 808,000,—. Der Bestand an Hypntheken, Effekten, Kasse u. s. w. belief sich Ende Februar 190 - Mark 119 455 270,-. — Vor Eintritt der vom Bundesrat beantragten Zollerhöhmu auf persische und türkische Teppiche ist eine sehr günstige Gelegenhe t geböte»!, besonders schöne Stücke preiswert zu kaufen. Eine unbestrittene Tatsache ist es, daß der echte Orientteppich, vermöge seines guten, echtfarbigen Materials, sowie der Musterzusammenstellmn jedem Zimmer eine behagliche Vornehmheit verleiht. Diese nicht unterschätzende Wirkung bleibt dem echten Teppich erhalten und wird derselbe im Gebrauch eher noch wertvoller und schöner. Durch direkten ersten Bezug ist das Haus Quantmeyer L Eicke. königliche Hoflieferanten, besonders leistungsfähig, und empfiehlt es sich, auch als Nichtkäust das Lager Wilhelmstraße 55 zu besichtigen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.