Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 seinem 8. Dragonerregiment begonnen und am 24. Mai 1898 die Führung des Regiments übernommen. Aller Voraussicht nach wäre dem Obersten noch eine weitere glänzende Karriere beschreiben gewesen. Doch der Herr über Leben und Tod hatte es anders beschlossen und den im kräftigsten Mannesalter stehenden plötzlich zur großen Armee abgerufen. Gesegnet sei das Andenken des edlen Offiziers. n. Annaberg, 2. März. Wie das Königliche Amtsgericht im November vorigen Jahres bekannt gegeben hat, ist die hiesige Jsraeii tische Nelig ion svereini gung ins Vereiusregister des Amtsgerichtsbezirk Annaberg eingetragen worden. Der Einspruch, der dagegen anfänglich erhoben worden war, weil das Gesuch der Vereinigung um Verleihung der Rechte einer dem öffentlichen Rechte ungehörigen juristischen Person und insbesondere des Rechtes, von seinen Mitgliedern Steuern und Beerdigungsgebühren zu erheben, keine Genehmigung gesunden hatte, wurde neuerlich vom Stadtrate wieder fallen gelassen, um dem Verein die Möglichkeit der Erwerbung von Grundbesitz zu verschaffen. Das Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts hat nun zwar seine ablehnende Entschließung wegen Errichtung einer öffentlich rechtlichen jüdischen Neligionsgemeinde in Annaberg und der Einführung israelitischer Kultussteuern ansrecht erhalten, dagegen bis aus weiteres der hiesigeil israelitischen Religionsgemeinde zur Ausübung ihres Privatkultus, zur Anstellung von Religionsdienern und zur Abhaltung von Gottesdiensten in der Stadt Annaberg Erlaubnis erteilt. Auch gegen die vom Verein in Aussicht genommene Anlegung eines Friedhofes und der Errichtung einer Begräbniskapelle daselbst auf Annaberger Flurgebiet sind weitere Bedenken nicht erhoben worden, vorbehältlich der über die Benutzung dieses Begräbnisplahes aufzustellenden Bestimmungen, nach denen vor allem kein Zwang zur Benutzung dieses Friedhofes ausgeübt werden darf nnd die Gebühren für die Benutzung desselben, sowie für das Begräbnis selbst lediglich nach Maßgabe der Vorschriften des bürgerlichen Rechtes bestimmt und im Rechtswege eingehoben werden müssen. Darnach steht zu erwarten, daß die schon im vorigen Herbste in Angriff genommene, von der Behörde aber sistierte Friedhossanlage im Frühjahre ihrer Vollendung entgegengeführt werden wird. Damit hat aber die israelitische Religiousvereinigung erst einen Teil ihres Zieles erreicht. Das Ministerium hat dem Ansuchen auf Erteilung von Korporationsrechten infolge der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes nicht gewillfahrt. Diese Entscheidung spricht nämlich den israelitischen Gemeinden des Landes, also einer nicht staatlich anerkannten, sondern nur geduldeten Religion, zwar nicht das Recht ab, öffentlich rechtliche Religionsvereinigungen zu bilden, Wohl aber das der Erhebung von Kultussteuern. Natürlich haben sich die schon bestehenden Gemeinden des Landes (Dresden, Leipzig, Chemnitz und Plauen) gemeinsam an die Regierung gewandt, um eine Abänderung dieser Entscheidung herbeizuführen, da aber dies nur auf Grund einer Verfassungsänderung geschehen kann, so ist in dieser Materie nur der Landtag zuständig, welcher erst im Herbste Zusammentritt. Bis dahin müssen sich die Gemeinden, also auch die unserige, gedulden. NI. Hamburg, 1. März. Die antisemitische Partei in Hamburg ist im Abnehmen begriffen. Diese Tatsache, den Eingeweihten schon längst bekannt, wurde von den Antisemiten stets geleugnet, jetzt muß aber das hiesige Parteiorgan „Deutsches Blatt" selbst den rapiden Rückgang der Antisemiten in Hamburg konstatieren. Der vierte ordentliche Parteitag des Verbandes „Nordmark der deutschsozialen Partei" fand hier im Hansa-Hotel statt. Die Zahl der Teilnehmer war so gering, daß sie überhaupt nicht genannt wird. Der Generalsekretär Heunigsen erstattete den Jahresbericht, in dem es unter anderem heißt: „In Hamburg selbst hatten wir einen sehr schweren Stand wegen des Brot- und Fleischwuchergeschäftes, so daß hier die Mitgliederzahl leider Gottes zurückgegangen ist, außerhalb hat sich die Mitgliederzahl gehoben." Die Zahl der Hamburger Mitglieder wird dann gleichfalls sorgfältig verschwiegen. Dann heißt es im Kassenbericht: „Im letzten Jahre haben viele Mitglieder der schlechten wirtschaftlichen Lage wegen nicht bezahlen können", ferner „die Fechtsache brachte 37 Mark 50 Pfennig", und der Kassenbestand wird auf 5 Mark 93 Pfennig angegeben. Einzelnheiten über die Ausgaben sollen in den vertraulichen Verbandsmitteilungen folgen. Wir haben es stets betont, daß in Hamburg, wo das Wirken eines Gabriel Niesser, Salomon Heine rc. noch in steter Erinnerung lebt, für den Antisemitismus ein schlechter Nährboden ist. — In der Versammlung des Vereins zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder teilte der Vorsitzende mit, daß der vönl Verein langgehegte Plan der Errichtung eines eigenen Seehospizes nunmehr der Verwirklichung entgegengeht. Für den Bau haben die Eheleute Tannenbaum 20 000 Mark gespendet, außerdem beträgt der Vaufonds 50 000 Mark, sodaß für die Errichtung des Seehospizes über 70 000 Mark zur Verfügung stehen. Der Vorstand hat dieser Tage den Ankauf eines größeren Terrains in Duhnen bei Cuxhaven perfekt gemacht; mit dem Bau, der dem Negierungsbaumeister Friedheim übertragen wurde, soll bereits in den nächsten Wochen begonnen werden. Im vorigen Jahre konnte der Verein auf seine Kosten 140 Kinder aus vier Wochen nach Cuxhaven und anderen Badeorten zur Erholung schicken. Die Ferienkolonien verursachten eine Ausgabe von 10 361 Mark, außerdem ließ der Verein schwachen Schulkindern während des ganzen Jahres in der Schule Eier und Milch verabreichen. " Frankfurt a. M., 9. März. Der fünfte Bericht der Jüdischen Haus haltungs sch ul e ist erschienen. Die Anstalt ist nun bereits in ihr neues Heim gezogen. Seitens hochherziger Freunde wurden größere Spenden der Anstalt zugewiesen. Zuvörderst haben die Hauseigentümer, die Barone Alphons und Albert von Rothschild und Lord Rothschild. Zuschüsse im Gesamtbetrag von 10 000 Mark zu den Umbaukosten gegeben. Eine Spende von 5000 Mark ließ der Schule Jacob H. Schiff in Newhork zukommen. Herr Charles L. Hallgarten spendete 1000 Mark. Der zweite Stock enthält eine geräumige Küche mit drei Herden und eine Kaffeeküche, links davon Aufenthalts- und Speisezimmer für die Zöglinge, sowie ein Bügelzimmer, rechts das Zimmer der Verwalterin, Vorstandszimmer, Speisezimmer der Pensionärinnen und Speisekammer. Im dritten Stock befinden sich die Schlafzimmer der Pensionärinnen, ein Badezimmer und ein Krankenzimmer mit Bad; im vierten Stock die Schlafzimmer der Zöglinge und die Waschküche. Die Einnahmen der Anstalt beliefen sich auf 20 869,86 Mark, die Ausgaben auf 20 660 Mark. Mit Zustimmung der Hauseigentümer wurden mehrere Zimmer im ersten Stock, einstweilen auf ein Jahr, dem neu errichteten jüdischen Mädchenktub unentgeltlich überlassen. Der Klub ist eine Schöpfung der Abteilung „Weibliche Fürsorge" des Israelitischen Hilfsvereins. Von 24 Zöglingen, die die Kurse im letzten Jahr durchgemacht haben, sind bis jetzt 23 in Stelle gegangen. Die Zahl der Pensionärinnen schwankte zwischen 12 und 19. Der Vorstand der Jüdischen Haushaltnngsschnle besteht aus folgenden Herren und Damen: Alfred Geiger, erster Vorsitzender; Emma Mainz, zweite Vorsitzende; Emil L. Heidenheimer, Kassierer; Th. Fürth? Schriftführer; Adelheid Geiger, Oekonomin; Bertha Baruch. Henriette Venario, Clementine Bottenwieser, Elise Goldschmidt, Hanna Goldschmidt, Philippine Hochschild, Elise Marx, Gella Stern, Max Bauer, Dr. Jacques Benario. Grstrrreich-Ungarn. Wien, 9. März. Auch bei uns in Oesterreich hat die letzte Volkszählung für die Juden kein besonders erfreuliches Resultat gezeitigt. Nach den kürzlich bekannt gegebenen Ziffern betrug die Gesammtzahl der Juden in Oesterreich im Dezember 1900 1224869 Personen gegen 1005394 im Jahre 1880 und 1143305 im Jahre 1890. Demnach haben sich dieselben während deS vorletzten Jahrzehnts um 137 911, hingegen während des letzten nur um 81594 Seelen vermehrt. Einen gleich geringen Zuwachs hat kaum eine andere Neligionsgenossenschaft in Oesterreich aufzuweisen. — In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 4. d. kam abermals die Angelegenheit des Prinzen Koburg mit dem gewesenen Oberleutnant Mattachich zur Sprache. In der Sitzung vom 19. v. M. hatte der Abgeordnete Daszhnski behauptet. Mattachich habe in der Strafanstalt Möllersdorf zu Protokoll gegeben, daß der Prinz seiner Frau Auftrag gegeben habe, sich bei dem verstorbenen Baron Hirsch eiuzuschmeicheln und ihn um Geld anzugehen. Der Prinz Koburg hat dieses Protokoll in Tagesblättern als nicht bestehend bezeichnet. Daszhnski erneuerte nun die Anfrage unter Anführung des Datums der Abfassung des Protokolls und der Militärpersonen, in deren Gegenwart es geschrieben wurde, und fragte, warum dieses Schriftstück zur Beurteilung der Offiziersehre des Prinzen Koburg keinem Ehrenrat vorgelegt wurde. — Der Kaiser hat dem Hafenbaudirektor und Oberbaurat Sigmund Taussig den Titel und Charakter eines k. k. Hofrates verliehen. Mögen andere die Verdienste schildern, die sich Taussig um das große Werk der Donauregulierung und speziell um die Rettung der Stadt Wien gegen elementare Gefahren erworben hat,