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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 131 (sequence 13)
Language
German
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!3l zutreffendes Bild zu machen, vermochten doch nur wenige. Die Schulen waren beauftragt, für die Verbreitung richtiger Vorstellungen durch „Anschauungsunterricht" zu sorgen, und der Klassenlehrer in Quinta des Gymnasiums, ein noch sehr jugendlicher und ein wenig romantisch beanlagter Herr, sprach und folgerte sogleich vor sich selber: „Weshalb liegt Xanten, die Geburtsstätte des Drachentöters Siegfried nur ein Paar- Stunden von hier? Doch nur deshalb, damit ich bei dieser wie gerufenen Gelegenheit den Drachen der Mythe und die Lokomotive der Rheinischen Eisenbahn in Parallele bringe." Das tat er nun auch ausgiebig, indem er das Zischen, Sausen und Brausen beängstigend natürlich nachahmte, und wenn er nichts anderes erreicht hat, jedenfalls war unsere Spannung aufs höchste gestiegen. Am lehrreichsten iväre es wohl gewesen, den eigentlichen Festtag der Schuljugend überhaupt „frei" zu geben, — das durfte jedoch nicht sein! Zweierlei muß ich hier erwähnen: Die Eröffnung der neuen Bahnstrecke sollte am Purimtage stattfiuden, ferner dies amtlichen israelitischen Schüler, welche das Gymnasium damals besuchten, vier an der Zahl, waren zufällig in der Quinta vereinigt. Darauf bauten wir — ich habe ja leider mitgebaut — einen recht sündhaften Plan. Wir hatten wahrscheinlich noch lebhafter als unsere christlichen Kameraden auf Ausfall des Unterrichts gehofft und konnten uns in das Gegenteil gar nicht finden. Purim, Bahneinzugsfest, alle Welt gedachte, jenen Tag zu feiern, und nur den Schulen sollte er als simpler Werkeltag gelten, das war zu schmerzlich! Nun bestand die Vorschrist, daß den jüdischen Schülern, wenn sie sich rechtzeitig mit einer dahingehenden Bitte an den Direktor wandten, an ihren hohen Feiertagen vom Unterricht Dispens zu erteilen sei. „Wenn man's recht betrachtet," bemerkte der Aelteste des Quartetts, „könnte Purim, wo unsere Vorfahren vom drohenden Untergang befreit wurden, sehr wohl zu den hohen Feiertagen gerechnet werden." Das leuchtete uns auch ein, und als ein Furchtsamer sein Bedenken äußerte, es sei nun doch einmal nicht üblich, für Purim Urlaub zu erbitten, und bewilligt würde er auch nicht werden, entgegneten die anderen: „Das kommt auf den Versuch an; glückt es uns, wie schön wär's gerade in diesem Jahr!" Kurz und gut, es wurde beschlossen, daß zwei ohne Verzug sich zum Direktor zu begeben hätten. Ich war einer ihrer und erinnere mich noch heute, obwohl vier Jahrzehnte dazwischen liegen, wie schwer mir der Gang geworden, und wie mein Herz mit jeder Treppenstufe aufwärts heftiger gepocht hat. Vor der breiten Tür des Direktorialzimmers wird halt gemacht. Stummes Verschnaufen, — dann klopft behutsam der Rücken eines Ouintanerfingers und dann des anderen, als ob einer nicht genügt hätte, an die Tür. Eine Sekunde später standen wir dem an seinem Schreibtisch emsig arbeitenden Schulmonarchen gegenüber. Auf sein nicht gerade zutrauliches, aber auch nicht abschreckendes: „Was wollt Ihr?" hieß es nun Farbe bekennen. „Wir wollten für uns und die beiden anderen bitten, übermorgen als am Purimtage aus der Schule bleiben zu dürfen, um die Synagoge besuchen zu können." „Purim, ist denn das ein hoher Feiertag?" „Ja," antwortete der eine, „v ja," der andere. „Nun dann lauft", und den mehr Ausals Abrückenden ward noch die Mahnung: „aber auch wirklich zur Synagoge gehen, hört!" nachgefeuert. Daß beim Treppabstürmen der gefürchtete Pedell unfern Weg kreuzte, hätte als böses Omen aufgefaßt werden können; unsere freudige Aufregung übersah es. Nach geschehener Meldung verpflichteten wir uns gegenseitig zur Verschwiegenheit und harrten nun der Dinge, die da kommen sollten. Selbstverständlich fehlten wir ebensowenig am Abend von Taanis- Esther als am nächsten Morgen beim Gottesdienst. Zehn Uhr morgens. Die beiläufige Gunst des leckere» Purimfrühstücks ward nicht verschmäht, und wohlgestärkt eilte nun jeder zum Festplatz hin, wo eine Stunde später der Zug mit den Behörden und sonstigen geladenen Gästen eintreffen mußte. Lustig flatterten die Fahnen an den hohen Masten und die Kranzgewinde wehten herüber und hinüber. Aus Rheinsicht und Umgegend waren schon viele Hunderte Neugieriger herbeigeströmt, die Tribüne füllte sich mit den männlichen und weiblichen Honoratioren, und auf der für die Musiker bestimmten Empore sammelten sich bereits die instrumenttragenden Jünger in Apoll. Mit feiner Witterung hatten wir uns gerade diese gute Stelle zwischen den beiden Tribünen als Standplatz ansgewählt und kosteten nochmals die Vorfreude und die Genugtuung über unseren wohlgelnngenen Coup aus. Aber man soll, es hat sich hier wieder gezeigt, den Tag, und darum auch einen Festtag, nicht vor dem Abend loben. Es konnte, nach der ringsum herrschenden Spannung, nicht weit vom Augenblick der Einfahrt sein, als plötzlich eine wuchtige Hand sich mir auf die Schulter legte und mich ohne viel Federlesens durch die verschiedenen Menschenreihen und hinter die letzte bugsierte. Die Frage, was das zu bedeuten hat, erstarb mir auf den Lippen, denn ich sah in das grinsende Gesicht des bösen Pedells; er war also der Ausführer des hinterlistigen Handstreichs, und meine drei Kollegen waren bereits dem gleichen Schicksal verfallen. Hinter dem unruhig wogenden Menschenwall versuchte des Gymnasiums vielvermögendes Faktotum uns nun einem peinlichen Verhör zu unterwerfen; wir jedoch, nachdem der erste Schrecken überwunden, ließen uns nicht ins Bockshorn jagen und begegneten seiner Drohung, uns auzuzeigen, mit dem Hinweis aus den kirchlichen Feiertag und des Herrn Doktors Beurlaubung. Aber leider, leider hatten, während wir uns stritten, die Ankunft des Festzuges und alle anderen Glanzpunkte des Programms sich schon abgespielt. Wie der einst zur Krönung der Königin Viktoria ans der Provinz nach London gereiste Engländer, dem hinterrücks sein Cylinder über die Ohren eingetrieben war, und der, in der Menschenmenge eingekeilt, erst nach Ablauf der Straßenfeier die Hände zur Befreiung seines Hauptes wieder bewegen konnte, so waren auch wir um alle Augenweide gekommen. Nur das aus Böllerschießen, Tuschblasen und hundertstimmigen Hochrufen gemischte unbeschreibliche Getöse drang an unser Ohr. Einen kleinen Trost gewährte es immerhin, daß der Haman von Pedell ebensowenig wie wir seine Schaulust hatte befriedigen können. Die Besorgnis, der folgende Schultag möchte uns noch eine Strafpredigt eintragen, erwies sich als unbegründet. Daß der Pedell gleichwohl „gepetzt" hatte, sollte uns ein ganzes Jahr später erst znm Bewußtsein kommen. Tanz unvermittelt wandte sich nämlich eines Tages der Ordinarius von Quarta an uns Israeliten und sagte mit einem bedeutsamen Lächeln: „In diesem Jahr ist Purim kein hoher Feiertag. — verstanden?!" Und wir hatten verstanden.

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